Das ganze Leben leben | Teil 1 von 3
Das jugendliche Antlitz Jesu

Hans Memling, Heilige Veronika mit dem Schweißtuch Christi, um 1470.
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Jedes menschliche Lebensalter ist unmittelbar zu Gott, formulierte Egon Kapellari als Jugendbischof.

Gerne habe ich die Einladung von Primarius Privatdozent Dr. Walter Schippinger, dem Ärztlichen Leiter der Albert-Schweitzer-Klinik in Graz, angenommen, für dieses von ihm herausgegebene Buch „Das ganze Leben leben. Holt Euch das Alter zurück!“ einen Beitrag aus christlicher Sicht zu verfassen. Die Albert-Schweitzer-Klinik ist mir ja seit vielen Jahren besonders gut bekannt. Ich konnte ihr kompetentes Wirken in den Jahren von 2001 bis heute immer wieder auch durch Besuche in mehreren ihrer Einrichtungen unmittelbar kennen lernen und bringe daher schon einleitend zu den hier präsentierten Überlegungen meinen Respekt und meinen Dank für alles Gute zum Ausdruck, das hier beispielhaft getan wird.
Dieses Buch behandelt das Thema „Alter“ unter verschiedensten wissenschaftlichen und kulturellen Aspekten und spannt so ein sehr breites Spektrum aus. Der Herausgeber hatte für mich die Befassung mit Aspekten der christlichen Religion unter dem Titel „Das vierte Gebot“ vorgesehen. Ich hatte dem zugestimmt. Dann aber ist mir immer deutlicher geworden, dass ich dieses Thema nur mit einem Blick auf das menschliche Leben im Ganzen behandeln sollte, also das Leben in Kindheit, Jugend, in der sogenannten Lebensmitte, am Nachmittag, am Abend des Lebens und auch im Sterben und im Tod.
Zu den Einrichtungen der Geriatrischen Gesundheitszentren der Stadt Graz gehört ja auch das Albert Schweitzer Hospiz. Dessen Zielsetzungen sind offiziell mit folgenden Worten umschrieben: „Schwerkranke und sterbende Menschen finden im Albert Schweitzer Hospiz einen Ort der Ruhe und Geborgenheit. Unser wichtigstes Anliegen ist es, dass der Mensch in seiner letzten Lebensphase sein Leben selbstbestimmt und in Würde gestalten kann. Ein bewusster Umgang mit Leben, Sterben, Tod und Trauer ist uns wichtig. Wir bemühen uns, den Menschen mit seiner Krankheit, seinen Gefühlen und Bedürfnissen wahrzunehmen und ihn in diesem Lebensabschnitt bestmöglich zu begleiten. Ein liebevoller Umgang mit den HospizbewohnerInnen, Angehörigen, FreundInnen und ehrenamtlich Tätigen ist dafür Grundlage.“
Dies vorausgesetzt, spreche ich in diesem Buch weitgehend autobiografisch als ein nun auch schon alt gewordener Mensch, Christ, katholischer Priester und Bischof. Meine Befassung mit dem Thema „Leben“ war schon früh generalistisch angelegt und daher eine Herausforderung zum Versuch, jeweils auf das Ganze eines Themas zu blicken.

Jedes Lebensalter ist unmittelbar zu Gott
Der evangelische Christ Leopold von Ranke, einer der bedeutendsten Historiker des 19. Jahrhunderts, ist mir seit meiner Studienzeit vor vielen Jahrzehnten bekannt. Von ihm stammt das geflügelte Wort „Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott“. Man kann es als an Gott glaubender Mensch auch abwandeln und auf die verschiedenen menschlichen Lebensalter beziehen, indem man sagt: „Jedes Lebensalter ist unmittelbar zu Gott.“
Bei der ersten Europa-Bischofsynode, die im Dezember 1991 im Vatikan versammelt war, habe ich als Delegierter Österreichs und damals auch als sogenannter „Jugendbischof“ zu den versammelten Bischöfen aus ganz Europa in Gegenwart des Papstes Johannes Paul II. an das Wort Rankes erinnert und hinzugefügt: „Man kann, ja man soll dieses Wort auch abwandeln und sagen: ‚Jedes menschliche Lebensalter ist unmittelbar zu Gott‘.“
Darum darf die Kirche keinen Kult mit jungen Menschen treiben und darf sich ihnen nicht anbiedern, wie manche Modeschöpfer und Politiker es tun. Christen glauben aber, dass Gott uns in seinem Sohn Jesus Christus ein jugendliches Antlitz gezeigt hat. Unter allen Leit- und Gründergestalten der Weltreligionen gibt es ja nur einen, der jung gestorben ist, nämlich Jesus Christus.
Junge Menschen sind einerseits eine große Verheißung für die ganze Menschheit und für die ganze Christenheit inmitten der Menschheit. Sie sind andererseits auch besonders verletzbar und gefährdet. Für die Christenheit sind sie darüber hinaus auch eine Ikone Jesu Christi, eine Ikone Jesu von Nazaret, dessen irdisches Leben mit 33 Jahren auf gewaltsame Weise zu Ende gegangen ist, dessen gekreuzigte und anscheinend gescheiterte Liebe sich aber am dritten Tag, im Osterereignis, als siegreich erwiesen hat.
„Europa ist heute“, so sagte ich damals, also 1991, vor den Synodenvätern und dem Papst, „nicht sehr reich an solchen Verheißungen für die hiesige Gesellschaft und für die Kirche in deren Mitte.“

Bischof emer. Egon Kapellari

Walter Schippinger, Rudolf Likar, Georg Pinter: Das ganze Leben leben, Springer Verlag 2021, 27,99 Euro, ab 21. Mai 2021.

Hans Memling, Heilige Veronika mit dem Schweißtuch Christi, um 1470.
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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