17. Sonntag im Jahreskreis | 26. Juli 2026
Meditation
- Foto: Ecclesia/KNA
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Sich frei machen
Ein Holzschnitzer schuf einmal eine herrliche Skulptur, ein wahrhaftes Kunstwerk, das von allen außerordentlich bewundert wurde. Auch sein Fürst, Prinz Li, war des Lobes voll und fragte ihn nach dem Geheimnis seiner Kunst. Der Bildhauer antwortete: Wie könnte ich als einfacher Mann und Euer Knecht vor Ihnen ein Geheimnis haben? Ich hüte weder ein Geheimnis noch ist meine Kunst etwas Außergewöhnliches. Ich möchte Ihnen allerdings erzählen, wie mein Werk entstanden ist.
Als ich mir vorgenommen hatte, eine Skulptur zu schnitzen, bemerkte ich, dass in mir zu viel Eitelkeit und Hochmut steckte. Ich arbeitete folglich zwei Tage daran, mich von diesen Sünden zu befreien, und meinte dann, ich sei rein. Aber nun bemerkte ich, dass ich vom Neid auf einen Berufskollegen angetrieben war. Ich arbeitete wieder zwei Tage und besiegte meinen Neid. Daraufhin spürte ich, dass ich mich zu sehr nach Ihrem Lob sehnte. Es kostete mich wieder zwei Tage, dieses Verlangen zum Verschwinden zu bringen. Schließlich jedoch bemerkte ich, dass ich daran dachte, wie viel Geld ich für die Skulptur bekommen würde. Diesmal benötigte ich vier Tage, doch endlich fühlte ich mich frei und stark. Ich ging in den Wald, und als ich einen Tannenbaum sah, von dem ich spürte, dass er und ich zusammenpassten, holzte ich ihn ab, brachte ihn zu mir nach Hause und machte mich an die Arbeit.
Über diese Geschichte, die sich vor 3000 Jahren in China zugetragen haben soll, schrieb der Wiener Psychiater Alfred Adler (1870–1937): „Man könnte diese Geschichte so zusammenfassen, dass jeder, der eine wichtige Arbeit in Angriff nimmt, sich selbst vergessen sollte. Nun können wir natürlich nicht jeden Tag und jede Stunde unseres Lebens uns darauf besinnen, mit welcher Geisteshaltung wir eine Arbeit oder eine Handlung verrichten und was der tiefere Sinn unserer Tätigkeit ist ...
Nur wenige Menschen scheinen die Belehrung, welche diese Geschichte enthält, in die Praxis umsetzen zu können. Ich selbst gebe mein Bestes, es zu tun, und auch für Sie kann es von großem Nutzen sein.“
Aus: Alfred Adler: Lebensprobleme, S. 18.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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