Gelebte Demokratie | Teil 2
Bühne frei für Inklusion
- Texte kreativ wiedergeben, tanzen oder durch Mimik zeigen, was in mir steckt: In der Theaterakademie von LebensGroß in Graz machen Menschen mit Behinderungen eine Schauspielausbildung. Das Projekt erhielt den Steiermärkischen Toleranzpreis.
- Foto: Haberl
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Der Nervenkitzel, bevor der Vorhang hochgezogen wird. Das Interagieren mit den anderen SchauspielerInnen, das Wiedergeben des gelernten Textes, und schließlich die erlösende Schlussverbeugung und das Genießen des Applauses: Wer schon als Mime auf der Bühne stand, der kennt das Glücksgefühl eines Schauspielers, der zeigen kann, was in ihm steckt.
Auch Agnes Zenz, Elisa Kitzberger, Florian Finsterbusch, Helena Käfer, Janosch Ostrowski, Lena Strohriegel, Melanie Schaller, Robert Nemes und Tobias Spiegl wissen um die großen Gefühle im Theater. Sie stehen regelmäßig auf der Bühne und waren bereits im Schauspielhaus Graz zu sehen, im Mezzanin Theater oder in der Grazer Oper. Um ihre Darbietung weiter zu professionalisieren, besuchen sie seit 2024 die Theaterakademie von LebensGroß.
Professionalisierung
Menschen mit Behinderungen seien als SchauspielerInnen sehr gefragt, weiß Lina Hölscher. Warum? Weil das Theater die Gesellschaft abbilde und Menschen mit Behinderungen Teil der Gesellschaft sind. Die in Berlin geborene Regisseurin leitet die Theaterakademie von LebensGroß – jener gemeinnützigen Organisation, die 2023 ihren Namen von Lebenshilfe in LebensGroß geändert hat. Im selben Jahr startete die Sozialorgansiation mit der Schauspielausbildung für Menschen mit Behinderung. „Auf der Suche nach Finanzierung bekamen wir eine Dreijahresförderung durch die Hilfsorganisation Licht ins Dunkel“, denkt Lina Hölscher an die Anfänge der Theaterakademie zurück. 2024 konnte der erste Ausbildungszyklus gestartet werden, zwei Jahre später hielten die ersten AbsolventInnen ihr Diplom in Händen.
Seitdem wird regelmäßig gelernt, trainiert und aufgetreten. „Wir arbeiten an zwei Tagen die Woche“, erzählt die Theaterwissenschafterin und bedankt sich an dieser Stelle bei der Grazer Tanzschule Conny & Dado für Räumlichkeiten. Stimmtraining, Tipps fürs Textlernen, Betonung von Mimik und Gestikulation: „Unser Hautpinstrument ist unser Körper“, sagt sie. Ein künstlerischer Assistent unterstütze bei den Proben und den Auftritten.
Stärken zeigen können
Durch ihre Bühnenauftritte würden die SchauspielerInnen der LebensGroß-Theaterakademie das gesellschaftliche Bild auf „Behinderung“ verändern, sagt Lina Hölscher. „Mein Herz geht auf, wenn ein zehnjähriges Mädchen mit Downsyndrom im Publikum unsere Agnes auf der Bühne sieht“, schwärmt sie. „Womöglich denkt es sich dann: Schauspielerin werden? Warum nicht! Das wäre auch ein Beruf für mich.“
Als Sozialpädagogin weiß Hölscher, die an Universitäten in München, Graz und London künstlerische und soziale Studien abgeschlossen hat, klar um den Mehrwert von Inklusion im Kunstbetrieb. „Wir alle haben Stärken und Schwächen. Auf der Bühne kann jeder Mensch zeigen, was in ihm steckt.“ Viele Menschen mit Behinderungen würden ihr Leben lang gesagt bekommen, was sie NICHT können, sagt sie. Und noch etwas gibt Lina Hölscher zu bedenken: Behinderung betreffe alle. „Im Laufe seines Lebens kann jeder von uns behindert werden. Hören wir also damit auf, anderen etwas abzusprechen.“
Auszeichnung für gelebte Inklusion
Die 2023 gegründete Theaterakademie von LebensGroß ermöglicht in Österreich erstmals eine professionelle Bühnenausbildung, die künstlerische Profession mit Inklusion verbindet. Die Schauspielausbildung für Menschen mit psychischen, kognitiven und körperlichen Beeinträchtigungen erhält den Steiermärkischen Toleranzpreis. Auch dafür, weil sie – so die Jury – „neue Perspektiven für die Kulturlandschaft eröffnet“. In Richtung Gleichberechtigung wird so ein großer Schritt zurückgelegt – auf der Theaterbühne wie im realen Leben.
Anna Maria Steiner
Steiermärkischer Toleranzpreis
Die Theaterakademie von LebensGroß wird als eine von drei Institutionen mit dem Steiermärkischen Toleranzpreis ausgezeichnet. Prämiert werden dabei Projekte und Organisationen, die gesellschaftlichen Zusammenhalt, Menschenwürde und Demokratie stärken. Am 13. November 2026 wird die Auszeichnung in der Aula der Karl-Franzens-Universität Graz erstmals vergeben.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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