Christentum - Ein Reiseführer | Etappe 023
An welchen Gott glauben Christen

Vom Chaos zum Sein

Schöpfung aus dem Nichts
Er musste auf keine weitere Größe Rücksicht nehmen. In dieser Hinsicht musste das christliche Schöpfungsdenken sich etwa vom Griechentum absetzen, welches annahm, Gott habe bei seiner Schöpfung auf einen ihm vorgegebenen Stoff, eine Art „Urmaterie“ zurückgegriffen. In diesem Falle wäre Gott nicht völlig frei gewesen, da er sich in seinem Handeln an der Beschaffenheit dieser Materie hätte ausrichten müssen. Zudem wäre in diesem Fall zu fragen, ob dann nicht auch dieser Urmaterie eine quasigöttliche Qualität zukommt, denn immerhin ist sie nach griechischem Verständnis wie Gott selbst ewig.

Der Gedanke einer Schöpfung aus dem Nichts enthält darüber hinaus zwei wesentliche Aspekte für das christliche Verständnis der Welt. Ein erster Aspekt bestätigt die wesenhafte Güte der Schöpfung. Wenn die Welt ganz allein von Gott herkommt und nichts anderes sie grundlegend bestimmt, dann kann sie nur gut sein, so wie Gott selbst gut ist. Alles, was zur Schöpfung gehört, ist deshalb grundsätzlich zu bejahen. Der Gedanke einer Schöpfung aus dem Nichts besagt zweitens, dass die Welt auf Gott verweist. Wie ein Künstler sich in seinem Werk zu erkennen gibt, so ist auch Gott in seiner Schöpfung wiederzuerkennen. Jede Wolke und jeder Stein, jeder Berg und jedes Blatt erzählen damit in ihrer Existenz, Ordnung und Schönheit nicht nur von sich selbst, sondern auch von Gott, dem Schöpfer. Dies gilt in besonderem Maße für den Menschen, der als Gottes Ebenbild betrachtet wird.

Schließlich ist im Blick auf die Welt noch ein dritter Aspekt von Bedeutung. Er betrifft den Umgang mit der Schöpfung. Wenn alle Welt von Gott herkommt, dann folgt da-raus, dass die Welt selbst Geschöpf und damit eben nicht göttlich ist. Aus diesem Grund treten das Judentum und das Christentum der Welt freier gegenüber, als dies etwa Naturreligionen tun. Dies führt zu einer grundlegenden Entzauberung der Welt, durch die der Freiheitsspielraum des Menschen enorm anwächst. Der Mensch muss dieser Welt nicht mit heiliger Scheu begegnen, sondern darf unbefangen mit ihr umgehen. Diese Entzauberung der Welt kann jedoch nicht als Freibrief für eine zerstörerische Ausbeutung der Natur gesehen werden. Denn als das Werk Gottes ist die Welt achtens- und schützenswert.

Selbst aus nichts mach etwas – ein Hoffnungsbild</strong
Im Wissen darum, dass Gott alles aus nichts gemacht hat, erweist Gott sich für den Menschen nicht nur als der Herr des Anfangs, sondern auch als der Garant einer erfüllten Zukunft. Diese Aussage wirkt ungemein tröstend. Menschen können so sehr scheitern, dass sie meinen, vor dem Nichts zu stehen. Da kann die Erinnerung an die Schöpfung des Anfangs zu einem Anker der Hoffnung werden, der neuen Halt gibt. Denn wenn Gott selbst aus dem Nichts noch etwas, nein, nicht nur etwas, sondern alles (!) machen kann, dann kann er auch das Nichts, vor dem Menschen stehen, noch zu einem erfüllten Leben verwandeln.

Der Glaube an den Gott, der die herrliche Schöpfung und alles in ihr ins Dasein gerufen hat und am Leben erhält, wird über die individuelle Erfahrung des Scheiterns hinaus zum Horizont der Hoffnung für die ganze Welt. In ihr entsteht Tag für Tag sowohl Sinnvolles wie Fragwürdiges und scheinbar Sinnloses. Gott lässt das alles sein und gibt ihm Raum. Wo immer sich in der guten Schöpfung aber das Böse breit zu machen droht, geschieht dies unter der Verheißung, dass letztlich nicht das Böse, sondern das Gute siegen und die Schöpfung schließlich als Ganzes von Gott angenommen und vollendet wird.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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