Vor den Vorhang - Interview der Woche
Seelsorge ist seine Berufung
- Die Vielseitigkeit seiner Heimat Bosnien-Herzegowina scheint sich in seiner Person widerzuspiegeln. Als ehemaliger Franziskaner, Dozent, Autor und Sportler bringt er seinen Glauben in alle Lebensbereiche ein. „Ich kann meinen Glauben und meinen Alltag nicht voneinander trennen“.
- Foto: Vjekoslav Skledar
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Dalibor Milas ist stolz auf seine Heimat, lebt seinen Glauben und hat ein großes Herz für Jugendliche.
Mit welchen drei Eigenschaftswörtern würdest du dich selbst beschreiben?“, frage ich Dalibor Milas (39 Jahre). Eines fällt ihm bald ein: „Authentisch“. Die Eigenschaft sei befreiend, denn er müsse nichts vorspielen. Diese Haltung prägte auch seine bisherigen Tätigkeiten: Er war u. a. seelsorglicher Leiter der Franziskaner-Jugend in Mostar und von 2016 bis 2024 Spiritual am Campus Augustinum. Die anderen zwei Adjektive ergeben sich im Laufe des Gesprächs.
„Du bist Kroate, aber wohnst in Bosnien?“ – das ist meine erste Frage. „Wieso aber?“, fragt Dalibor zurück. Für mich sind die zwei Nationalitäten in einem Satz ein Widerspruch, für ihn normal. In Bosnien wohnen Serben, Bosniaken und Kroaten zusammen in einem Land, das immer noch geteilt ist in Bosnien und Herzegowina. „Jugoslawien in Klein“, meint Dalibor. Der Krieg in den Köpfen der Menschen sei nie zu Ende gegangen.
Prägt dich der Balkan-Konflikt?
Dalibor Milas: Natürlich! Immer noch! Und ich bin stolz darauf, vom Balkan zu sein. Balkan heißt für mich Vielfalt; ein lebendiges Kulturerbe – vielfältig, widersprüchlich und tief verwurzelt.
Einmal im Monat ist er in seiner Heimatstadt Mostar – auch wenn er in bestimmten Kreisen dort nicht gern gesehen ist. Wegen seiner Kritik an der Politik und am Umgang mit Obdachlosen distanzierten sich die Franziskaner öffentlich von ihm. Als ihn eine Einladung nach Graz erreichte, um beim renommierten Pastoraltheologen Rainer Bucher seine Dissertation zu schreiben, kam alles schnell ins Rollen: Wohnung, Stipendium – für ihn ein Wink des Himmels.
Welche Rolle spielt die Kirche in Bosnien? Und welche hier in Österreich?
Milas: Beide haben ein ambivalentes Verhältnis zur Freiheit. In Bosnien fürchten sich viele vor der Kirche – sie wirkt zerbrechlich und unsicher. Hier hingegen hat die Kirche erstaunlich viel Freiheit, aber sie weiß kaum, wie sie damit umgehen soll. Fast alles ist möglich, und doch bleiben wir meist innerhalb der Pfarrgrenzen. „Mission“ ist ein belastetes Wort, aber dennoch unser Auftrag. Ich will nicht, dass die Jugendlichen einfach nur zu Katholiken werden – ich wünsche mir, dass sie zu besseren Menschen werden.
Unterscheidest du zwischen Kirche und Glaube?
Milas: Ich würde eher zwischen Religion und Spiritualität unterscheiden. Spiritualität ist für mich eine innere Haltung. Ich kenne Menschen, deren Frömmigkeit laut ist,
aber ohne Tiefe – und andere, die nie vom Glauben sprechen, ihn aber mit jedem Schritt verkörpern. Die Jugendlichen kennen meine eigene Spiritualität, meine eigenen inneren Kämpfe. Als Kind wurde ich gezwungen, in die Kirche zu gehen – und ich habe es gehasst. Ich verstand nichts: weder das Kreuzzeichen noch die Fürbitten oder das Evangelium.
Wenn man nicht weiß, was da passiert, macht es einfach keinen Spaß.
Gehst du jetzt gerne in die Kirche?
Milas: Natürlich, sehr gerne! Ich verstehe jetzt, was die Dinge bedeuten. Es ist nicht bloße Tradition, sondern meine bewusste Lebensentscheidung Christ zu sein.
Beschreib mir deine derzeitige Arbeit:
Milas: Offiziell bin ich Seelsorger für Jugend und Schulen in Graz und Umgebung. Ich unterstütze ReligionslehrerInnen, begleite Schulgottesdienste und besuche Schulen, um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Was ich tue, ist kein Beruf für mich, es ist eine Berufung.
Dalibor Milas habe das Gefühl, noch zu wenig für die jungen Menschen zu tun. 80 % der Jugendlichen hätten keinen Bezug zur Kirche.
Milas: Wenn man am Freitag- oder Samstagabend durch die Grazer Herrengasse geht, spürt man: Die Menschen, die dort unterwegs sind, suchen nach mehr. Wenn jemand zu Drogen greift oder zu viel Alkohol trinkt, dann steckt dahinter ein Verlangen, ein Hunger. Die eigentliche Frage ist: Wer bietet ihnen eine echte Alternative?
Was wäre deiner Meinung nach die Lösung?
Milas: Ich kenne keine Lösung, aber ich glaube, wir müssen den Mut haben, neue Wege zu gehen. Viele Jugendliche sind zwar getauft, kommen aber nur noch gelegentlich in die Kirche. Die Kirche spielt in ihrem Leben kaum eine Rolle. Und das ist schade – denn wir tragen die frohe Botschaft in uns. Vielleicht klingt das Wort „froh“ heute altmodisch. Aber das Evangelium ist eine hoffnungsvolle Zusage, die aufrichtet und frei macht. Und genau das brauchen die Menschen heute: nicht nur die in den Pfarren.
Welche Themen bringen die jungen Menschen mit, mit denen du redest?
Milas: Durch meine Arbeit im Augustinum habe ich viele junge Menschen kennengelernt. Wenn sie in einer Krise sind, kommen sie oft zu mir, um zu reden. Manchmal sind es scheinbar banale Geschichten, aber sie haben das Bedürfnis, gehört zu werden. Wenn das Leben gut läuft, kommen sie nicht, aber in schwierigen Momenten suchen sie das Gespräch. Die Schule spielt für viele eine große Rolle – ebenso das, was sie Liebe nennen, oder ihre Angst vor der Zukunft. Ganz normale Themen, aber man muss sie ernst nehmen.
Wie sehen Jugendliche die Kirche? Und den Glauben?
Milas: Ein junger Mann hat mir einmal gesagt: „Aber in der Kirche riecht es nicht so gut …“ Und ja – viele nehmen die Kirche mit Skepsis wahr. Aber für den Glauben selbst sind sie erstaunlich offen. (…) Einmal hatte ich im Augustinum eine Klasse, die jede Woche eine Messe feiern wollte. Ich war zunächst skeptisch – sie wirkten gar nicht so katholisch. Aber es wurde die schönste Stunde der Woche. Es war ihre Messe. Modern, offen, verletzlich und authentisch.
Was sagst du Jugendlichen, die nichts von Gott und der Kirche wissen wollen?
Milas: Das ist eigentlich meine Lieblingsgruppe. Ich versuche, sie zu überraschen. Im Gespräch merke ich oft: Sie haben keine Ahnung von Kirche. Und keine Ahnung von Gott. Also beantworte ich zuerst ihre Fragen. Viele von ihnen hatten eine schwierige Kindheit, viele sind verunsichert. Da hilft kein Vortrag – man muss einfach zuhören, sie ernst nehmen. Und ihnen auch mal Recht geben.
Wenn du dir etwas für die Kirche von morgen wünschen könntest – was wäre das?
Milas: Ich wünsche mir eine Kirche, die nicht wartet, bis die Menschen zu ihr kommen, sondern eine, die dorthin geht, wo das Leben brennt. Wie Franziskus sagte: ein Feldlazarett. Provisorisch, manchmal chaotisch und schmutzig, aber echt. Und mitten unter den Verwundeten.
Welche Rolle hast du als Seelsorger? Bist du Therapeut? Großer Bruder? Influencer?
Milas: Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einem Mann. Zwei Stunden haben wir zusammengesessen und ich habe kein einziges Wort gesagt. Später rief er mich an, um sich zu bedanken. „Wofür?“, fragte ich. Ich hatte doch nichts gesagt. – „Du hast mir erlaubt, meine Geschichte zu erzählen“, meinte er. Für mich ist genau das Seelsorge: Da sein. Zuhören. Raum geben. Ob in der Bim oder im Tribeka (Kaffeehaus) – ich habe keine Angst, auf Menschen zuzugehen.
„Ich schon“, reagiere ich und nutze die Gelegenheit für ein bisschen persönliche Seelsorge. „Offen“ ist er, denke ich mir am Ende des Gesprächs. Authentisch, offen und engagiert.
Interview: Maria Wilbrink
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.