Vier minus drei
Wie sie ihr Leben verlor und es wiedergewann
- Szenen aus dem Film „Vier minus drei“. Er beruht auf der wahren Geschichte von Barbara Pachl-Eberhart, die 2008 ihren Mann und ihre zwei Kinder bei einem Autounfall an einem unbeschrankten Bahnübergang im Bezirk Weiz verlor. Der Film läuft derzeit in den österreichischen Kinos.
- Foto: Nikolette Kustos/Alamode Film/Polyfilm (3)
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Ein Autounfall reißt eine junge Familie aus dem Leben. Übrig bleibt nur die Mutter. Wie sie sich ihren Glauben an das Leben zurückeroberte, zeichnet ein neuer Film nach.
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Ein Friedhof am Land. Der Großvater wirft seinem Sohn die bunten Jonglierbälle ins Grab nach, erst danach kommt ein Schäuflein Erde. Der 38-jährige Heli war leidenschaftlicher Clown. Neben seinem Sarg stehen die Särge seiner Kinder Thimo (6) und Fini (2). Ein Autounfall hat die drei aus dem Leben katapultiert. Rund um das Grab singen und spielen befreundete Clowns und Clowninnen das schwungvolle Lieblingslied der Familie. Mitten darunter Barbara. Die 34-Jährige ist übriggeblieben. Sie saß nicht im Unfallauto und steht vor der unfassbaren Aufgabe, ihre drei Lieben loszulassen, um weiterleben zu können. So klar ist das nicht von Anfang an. Sie denkt an Suizid, um ihrer Familie wieder nahe zu sein. Doch etwas hält sie davon ab, wie sie später erzählt: „Einerseits wusste ich nicht, wie ich das machen sollte. Andererseits habe ich in irgendeinem Buch gelesen, dass Menschen, die sich das Leben nehmen, die Zeit bis zu ihrem eigentlich vorgesehenen Tod in einer Art Warteschleife stecken, und ob ich das glaubte oder nicht, ich wollte es nicht riskieren.“ Heute ist sie froh darüber. Aber das war noch ein langer Weg.
Zwischen Film und Realität
Valerie Pachner ist eine international gefragte Schauspielerin, die im neuen Spielfilm „Vier minus drei“ die Rolle von Barbara Pachl-Eberhart einnimmt, die Rolle der „übriggebliebenen“ Frau und Mutter. Die Szene am Grab zu spielen, sei eine Herausforderung gewesen, schildert sie rückblickend die Dreharbeiten. „Als Schauspielerin spürst du intuitiv, dass du jetzt weinen musst.“ Das durfte sie aber nicht. Denn es gibt eine Videoaufzeichnung vom Begräbnis im Jahr 2008, auf der Barbara zu sehen ist. Sie weint nicht. Rundherum Menschen, die in Tränen aufgelöst sind, aber die starke Frau kann noch nicht weinen.
Es wäre wichtig, den Tod mehr ins Leben hereinzuholen, damit er
seinen Schrecken ein wenig verlieren könnte.
Valerie Pachner
Der mit Biografie-nahen Verfilmungen vertraute Salzburger Regisseur Adrian Goiginger wollte den Film möglichst eng am autobiografischen Roman von Barbara Pachl-Eberhart halten. „Und wenn wir uns davon entfernt haben, musste es einen dramaturgischen Grund dafür geben“, erklärt er seine Herangehensweise. Dass es kein Dokumentarfilm geworden ist und Szenen erfunden wurden, ist für die „echte“ Barbara richtig so: „Man kann ja nicht zwei Stunden lang eine Frau zeigen, die im Bett liegt und nachdenkt.“ Also sind innere Prozesse ins Außen verlegt worden. Etwa der Wunsch, bald wieder ein Kind zu bekommen. „Ich bin froh, dass ich nicht die Gunst der Stunde genützt und einen Mann auf meine Autorückbank gerzerrt habe, aber in meinem Wahnsinn damals hätte es auch so kommen können.“ Die Frage sei nicht, was genau so passiert sei, sondern was der Logik entspreche und wahr sein hätte können.
Eine Krankenschwester und die Taufe
Ins Außen verlegt wurde auch Barbara Pachl-Eberharts Wunsch, die Kinder, die auf der Intensivstation im Tiefschlaf lagen, taufen zu lassen. Im Film spricht Helis Mutter, die Großmutter der Kinder, den Wunsch stellvertretend aus. Barbara erinnert sich an die Zeit davor: „Wir wollten die Kinder taufen lassen, aber erst, wenn sie es bewusst erleben konnten. Irgendwie kam nie der richtige Zeitpunkt, auf den wir warteten. Und dann gab es kein Warten mehr.“ Die Erlebnisse im Krankenhaus würde sie nie vergessen. „Da hätte man leider eine Mr.-Bean-Nummer daraus machen können.“ Der herbeigerufene Priester habe zögerlich, unbeholfen und überfordert auf sie gewirkt. Doch hat er Thimo getauft. „Mit Fini wartete ich noch, weil die Ärzte sagten, sie könnte wieder aufwachen. Ich habe fest daran geglaubt.“
Als auch Fini aus dem Leben schied, verweigerte der Priester sowohl Krankensalbung als auch Taufe, weil man Toten keine Sakramente spenden könne. „Ich war verzweifelt“, erinnert sich Pachl-Eberhart. „Und dann ist etwas Großartiges passiert!“ Eine Krankenschwester sagte: „Ich darf das! Jeder darf eine Nottaufe vornehmen.“ Mit fester Stimme habe sie die Taufworte gesprochen und das Kreuzzeichen gemacht. „Mir hat das unglaublich viel bedeutet“, sagt Barbara Pachl-Eberhart. „Religiös, aber auch menschlich. Da kommen mir heute noch die Tränen. Das war so mutig. Das ist für mich Zivilcourage.“ Im Film sind diese Szenen nicht zu sehen, obwohl sie gedreht wurden. Bei zwei Stunden Länge mussten Teile gestrichen werden, so ist diese Begebenheit aus dem Spielfilm gerutscht.
Der Tod und Millionen Möglichkeiten
Für Valerie Pachner ist es nicht die erste Rolle, die sie mit dem Tod konfrontiert hat. Ob im Spielfilm „Egon Schiele: Tod und Mädchen“, im Drama „Der Boden unter den Füßen“, in dem sich ihre Schwester das Leben nimmt, in der Jägerstätter-Verfilmung „Ein verborgenes Leben“, in der ihr Mann hingerichtet wird, im Horrorfilm „Delicious“, in dem Menschen getötet und verspeist werden, oder im Klassiker auf dem Salzburger Domplatz, wo sie 2023 nicht nur die Buhlschaft verkörperte, sondern als Tod die Worte an „Jedermann“ richtete: „Ich bin der Tod, ich scheu keinen Mann, tret jeglichen an und verschone keinen“. Dennoch hat der Film „Vier minus drei“ bei ihr etwas bewirkt: „Es wäre wichtig, den Tod mehr ins Leben hereinzuholen, damit er seinen Schrecken ein wenig verlieren könnte.“ Weil der Tod in unserer Gesellschaft ein großes Tabu darstellt, fühlten sich Trauernde isoliert.
- Valerie Pachner (links) spielt in dem Film „Vier minus drei“ die Hauptrolle der verwitweten und verwaisten Barbara Pachl-Eberhart. Hier mit der echten Barbara Pachl-Eberhart (Mitte) und Regisseur Adrian Goiginger (rechts)
- Foto: Slouk
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Regisseur Adrian Goiginger hat durch den Film die Clown-Philosophie kennengelernt. „Ich habe Clowns eigentlich nie gemocht. Erst durch diesen Film habe ich entdeckt, was das für eine mutige Art ist, das Leben zu leben!“ Clowns betrachten die Dinge auf Millionen verschiedene Arten und haben ebenso viele Möglichkeiten zu reagieren. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß, trauern oder verlieben, stark sein oder weinen, sondern unendlich viele weitere Möglichkeiten. Zu diesen vielen Möglichkeiten möchte der Film Mut machen. Und wenn er in diesen Tagen in den österreichischen Kinos zu sehen ist, dann sind Heli und die Kinder sicher auf ihre Art und Weise dabei, davon ist Barbara Pachl-Eberhart überzeugt.
Monika Slouk
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.