Kultur
Von Feuer und Mut

Foto: Mirza Kahriman
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Das Häfntheater beeindruckte in der Justizanstalt Karlau mit einer Bearbeitung von „Biedermann und die Brandstifter“.

Da sitzt einer mit sich selbst zufrieden im Wohnzimmer, belächelt die leichtgläubigen Leute, will den Besucher nicht empfangen, lässt ihm – oh, er sitzt ja schon am Tisch – dennoch eine Jause servieren, und schon in der ersten Szene ahnt man den Herrn Gottlieb Biedermann verlorengehen.

Für Max Frischs Drama „Biedermann und die Brandstifter“ als „Lehrstück der Karlau Über-Wachen und Verschlafen“ wurden am 18. April mehrere Räume in der Justizanstalt Graz-Karlau zur Bühne. Das Ensemble: neun Strafgefangene als Darsteller und Musiker, Regisseurin Julia Gratzer (Kollektiv der Bürger**Bühnen), Lothar Lässer (Komposition, Akkordeon, musikalische Leitung). Für die Teilnehmer gab es seit Oktober 2023 wöchentlich Proben samt Training für Stimme, Bewegung und Interaktion. Das Projekt war von Brigadier Gerhard Derler, Leiter der Justizanstalt, Josef Riedl, deren Seelsorger, und der Theaterpädagogin, Regisseurin und Soziologin Julia Gratzer initiiert worden.

Wie konnte es so weit kommen? Vergnüglich, glaubwürdig, mit clowneskem Talent und durch Lebenserfahrungen der Darsteller kommentiert und erweitert, wurde das Stück in diesen Ort hineinverpflanzt, an dem „Überwachen und Strafen“ (Inhalte aus Michel Foucaults Werk flossen ebenfalls ein) und wohl viele unerzählte Geschichten in spezieller Weise anwesend sind.
Die Geschichte von dem Menschen, der sich unververwundbar wähnt und sehenden Auges beim Abfackeln seines Hauses behilflich ist, wurde eindringlich gezeigt. Umsonst alle Rufe „Sei wach, gib acht!“

Gier, Ignoranz, Bestechlichkeit. Und worin sehen die Darsteller das Übel des tragischen Verlaufs? „In Herrn Biedermanns Gier nach Besitz und dass er dafür über Leichen geht.“ Auch im Nicht-Ernst-Nehmen von Vorzeichen und Ängsten. Eine Aussage: „Wenn man selbst Dreck am Stecken hat, ist man leichter bestechlich und der Lüge und ihren Verstrickungen immer näher.“ Doch die Frage, so Regisseurin Gratzer, sei vielschichtig. Was ist etwa mit denen, die erst handeln, wenn es bereits brennt? Oder: Was befördert Klassenunterschiede in unserem Miteinander?

Mut, Gemeinschaft, Kreativität. Von den teilnehmenden Strafgefangenen forderte das Theaterprojekt einigen Mut. „Ab der ersten Probe sinnvoll“ habe sich die Arbeit angefühlt, sagt Julia Gratzer. „Im strengen und reizarmen Gefängnisalltag, in dem Gemeinschaft selten vorkommt, haben die Männer etwas völlig Neues ausprobiert. Die Grenzen der Einschränkungen, denen Körper, Geist und Kreativität ausgesetzt sind, wurden mit jeder Probe mehr ausgedehnt. Ich denke, wir haben zumindest auf Zeit so etwas wie Freiheit probiert.
Kunst kann das.“
(Elisabeth Wimmer)

Vier Fragen an Julia Gratzer, Regisseurin
Gab es von Anfang an den Plan, Erfahrungen der Darsteller in den Stücktext zu integrieren bzw. ihn durch sie zu unterbrechen? Oder hat sich das im Probenprozess entwickelt?

  • Ja, das ich hatte von Anfang an geplant. Ich finde es sehr bereichernd Stücktexte mit der Lebensrealität von Menschen, die dazu etwas zu sagen haben, zu überprüfen. Ich wusste in diesem Projekt gar nicht, was mich thematisch und zwischenmenschlich erwarten wird.
    Die Vorbereitungen für ein solches Projekt beginnt bereits bei einer gut überlegten Stückauswahl. Im Rahmen der Proben gilt es dann gut zu beobachten, um für die Theaterproduktion inhaltlich relevante Gruppengespräche moderieren zu können und Schreibeinladungen vorzubereiten. Andere Momente in dieser Inszenierung entstanden aber auch ungeplant, ganz leicht „nebenbei“.

Das Publikum wurde an einer Stelle der Aufführung eingeladen, sich kurz über die Frage zu unterhalten:
Zu welchem Zeitpunkt hätte Biedermann eingreifen und den Verlauf der Geschichte zum Besseren wenden können? Welche Antworten haben die Darsteller darauf gefunden?

  • Herr Biedermanns Gier nach Besitz, und dafür über Leichen zu gehen (wie über die seines ehemaligen Angestellten Herrn Knechtling, der nach seiner Entlassung seinem Leben ein Ende gesetzt hat) wurde einmal als Übel für den Verlauf dieser Geschichte genannt. Zeichen – sogar im engeren Umfeld – werden nicht ernst genug genommen, und eigene Ängste oder die von anderen zu lange ignoriert. „Wenn man selbst Dreck am Stecken hat, wie Herr Biedermann im Stück, ist man leichter bestechlich und der Lüge und ihren Verstrickungen immer näher“, war etwa eine andere Aussage.
    Die Frage ist aber wirklich schwer und vielschichtig: Was ist mit dem Chor im Stück, der erst etwas tut, wenn es schon brennt? Wo könnte die doch wissende Figur vom Butler anders handeln? Was hat das gesellschaftspolitische System mit der „Brandstifterei“ zu tun, was befördert die Klassenunterschiede in unserem Miteinander?

Wie haben Sie selbst die Arbeit an dem Theaterprojekt in der Justizanstalt erlebt?

  • Die Arbeit fühlte sich ab der ersten Probe sinnvoll an. Die Männer haben sich in einer fremden Gruppe zusammengefunden und etwas völlig Neues ausprobiert. Das entwickelte eine ungeheure Energie und Motivation in diesem strengen und reizarmen Gefängnisalltag, in dem Gemeinschaft, ihren Erzählungen nach, selten bis gar nicht vorkommt. Es war für mich sehr besonders zu erleben, wie sich diese diverse Gruppe spielerisch immer mehr entfaltet und zueinander gefunden hat, mit all ihren zum Teil auch unüberwindbaren Differenzen. Die Grenzen der haftbedingten Einschränkungen von Körper, Geist und Kreativität wurden mit jeder Probe mehr ausgedehnt. Ich denke, wir haben zumindest auf Zeit, so etwas wie Freiheit probiert. Kunst kann das.

Wie hat die Arbeit mit dieser Theatergruppe Ihren Blick auf das Stück verändert?

  • Rückblickend kann ich sagen, dass ich das Drama von Max Frisch vor der Theaterarbeit intellektuell gut erfasst und es sehr ansprechend gefunden habe. Es wurde aber erst durch die Insassen und ihre Lebensumstände lebendig – in seiner Tragik und in dem besonderen Humor. Wir konnten gemeinsam viele Subtexte und Themen mit Tiefgang herausfinden, die mich berührt haben – für so vieles mir Unbekannte und alltäglich Rationalisiertes.
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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