Positionen - Christian Teissl
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Eine Schriftstellerkollegin war gestorben und so machte ich mich auf den Weg nach E., ihrem Heimatort, um von ihr Abschied zu nehmen. Beim Requiem hielt ihr Sohn, inzwischen selbst ein Mann auf der Höhe des Lebens, die Trauerrede, erzählte vom Leben seiner Mutter, von ihrem großen Talent zur Begeisterung, ihrer Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, und schilderte schließlich die letzte, von Krankheit gezeichnete Etappe ihres Lebensweges, auf der er sie begleitet hatte … Strich um Strich, Zug um Zug entstand so das Bild eines starken Charakters, liebevoll gezeichnet, doch ohne jede Beschönigung.
In jüngeren Jahren, so bekannte der Sohn, habe er oft mit seiner Mutter gehadert, weil er nicht habe verstehen können, warum sie mit Leuten, die ihr übel mitgespielt hatten, weiterhin im Gespräch geblieben war, warum sie Freunden, die sie schwer enttäuscht hatten, nichts nachgetragen habe. Fassungslos über so viel Nachsicht habe er ihr vorgeworfen: „Aber Mama, du musst ja auch einmal wem böse sein!“ Darauf habe sie nur abgewunken: „Das bringt nichts.“ Diese Worte einer Mutter zu ihrem Sohn und die Art und Weise, wie er sie in der Stunde des Abschieds weitergegeben hat, werde ich nie vergessen.
Christian Teissl
teissl@mur.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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