Positionen - Ernest Theußl
Keine Erinnerung

Da sitzen sich zwei ältlicheHerren im Foyer eines Kurhauses gegenüber, der eine mit Gicht, der andere mit Rheuma. Sie haben sich gut 30 Jahre nicht gesehen und tauschen jetzt gemeinsame Erinnerungen über ihre Zeit in Judäa aus, damals, als man einen gewissen Jesus aus Nazaret ans Kreuz hängte. Der eine war Pontius Pilatus, der andere sein Jugendfreund. Und er wollte herausfinden, ob sich der Statthalter emeritus noch an diese Szene erinnere. Doch dieser antwortet lapidar: Ich erinnere mich nicht.

Diese Novelle von Anatole Franc, geschrieben 1891, bewegt mich immer wieder. Sonntag für Sonntag erwähnen wir seinen Namen im öffentlichen Gottesdienst, aber er erinnert sich nicht mehr. Er, der seinerzeit sich die Hände in Unschuld wusch, er, der das berühmte „Ecce homo“ in die Welt setzte und schließlich die Frage stellte, was denn Wahrheit sei.

Es ist der Fußabdruck unserer Zeit. Die Seinsvergessenheit des rastlosen und heillos beschäftigten Menschen, der die Rückbindung an eine höhere Bestimmung verloren hat. Es ist die Gottvergessenheit von heute, die keine Erinnerung mehr hat, was das Vokabel „Gott“ zu benennen vermag.

Erst im Kurhaus der Sinnsuche werden die Bruchstellen der entleerten Seele notdürftig zusammengekittet, aber sonst: Keine Erinnerung mehr!

Die österliche Bußzeit erinnert uns daran, dass es da einen gegeben hat, der von einer ganz anderen Welt gesprochen hat, einer Welt, in der nur einer das Sagen hat und nicht Geld, Waffen und Karrieren. Gottesreich hat er sie genannt.

Ernest Theußl

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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