Positionen - Ernest Theußl
Im Anfang: das Wort

Wer hat diese Erfahrung nicht schon einmal gemacht: Da läuft man tagaus, tagein unzähligen Menschen über den Weg, die wir nicht kennen, über die wir auch nichts wissen. Sie bleiben im Dunkel der Wahrnehmung.

Und dann kommt es vor, dass man sich einfach „Guten Morgen“ sagt, und plötzlich ist die Situation wie verändert. Irgendwie hat sich ein Gefühl der Nähe aufgebaut, und der andere ist „Mensch“ geworden. Dieses eine Wort – es hätte auch ein anderes sein können – hat plötzlich viel bewirkt. Es war das Tor zur Begegnung, zum Dialog, denn auch wir haben mit „Guten Morgen“ geantwortet.

Die Psychologie weiß, dass Sprache sich entwickelt hat, um Beziehungslosigkeit zu überbrücken und Geborgenheit zu schaffen. In der Sprache teilt sich der Mensch mit und wird so ein Teil des anderen. Weil das Kind sich ausgesetzt fühlt, wenn es die bergende Hut der Mutter verlassen muss, beginnt es zu schreien, und stellt so seine bedrohte Beziehung zur Mutter auf eindringliche Weise wieder her.

Es steckt eine tiefe menschliche Wahrheit dahinter, wenn das Christentum vom „Wort“ redet, das am Anfang war. Das Wort, das aus dem Herzen kommt, ist wirkmächtig und kreativ. Und wenn Gott spricht, ist das kein leeres Geplapper, sondern das erste „Guten Morgen“, das die Welt verändern kann.

Und der Mensch? So hilflos wie das Baby mühsam „Papa“, „Mama“ zu sprechen beginnt, so hilflos stammeln auch wir „Gott“. Und dieses Stammeln erzeugt Vertrauen, ohne das ein Glauben nicht möglich ist. Mit Weihnachten ist das „Wort“ in die Welt gekommen, das uns mit Gott vertraut macht.

Ernest Theußl

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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