Positionen - Christian Teissl
Ende und Anfang
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Wenn der Sommer allmählich zum Herbst wird, stellt sich Wehmut ein, legt sich ein Schleier von Traurigkeit über den Morgen, den Abend, den kürzer werdenden Tag, die länger werdende Nacht. Schon als Kind habe ich diese melancholische Stimmung am Ende des Sommers, das immer auch das Ende der großen Ferien war, mit allen Fasern empfunden: Als würde man auftauchen aus einem warmen Gewässer und sich fröstelnd wiederfinden auf steinigem Grund, in einem rauen Wind.
Was den Sommer über alles möglich schien, weicht nun der Wirklichkeit, was einem nahe gekommen ist, rückt in die Ferne. Es ist so wie in dem Gedicht von Ernst Goll, dem frühverstorbenen steirischen Dichter. „Ich habe einen bunten Tag gesehn“, sagt da ein Liebender, einen Tag mit „Fahnenwimpeln, frohen Blumenkränzen (…), / mit Lichterglanz und leichtbeschwingten Tänzen“; weil aber das geliebte Du nirgends anzutreffen ist, schließt er mit den Worten: „Ich habe einen bunten Tag verloren.“ Doch die Zeichen des Herbstes stehen nie auf Verlust allein, sondern stets auch auf Ernte; so manches, das den Sommer über nur eine Ahnung war, wird nun Gewissheit, und was nur eine Luftspiegelung war in der Hitze, gewinnt nun – vielleicht – Gestalt.
Christian Teissl
teissl@mur.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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