Mutworte - Ruth Zenkert
Das Gewand des Gerechten

Foto: privat

Lange Zeit hatte Adi ein Arbeitsgewand im Kofferraum. „Ich gebe zu, in den ersten Wochen habe ich mich im Auto umgezogen und desinfiziert. Meine Frau hatte Angst, dass ich Läuse mitbringe oder ein Floh unserem Baby Krankheiten bringt.“ Es war schwer für Adi, als er sich entschloss, an unserer Musikschule zu unterrichten. Seine Kollegen lachten, als sie hörten, er wolle „Zigeunern“ Saxophonspielen beibringen.
In Sibiu, Brasov, Cluj, bis nach Bukarest suchten wir Lehrer. Das Gehalt war hoch, ebenso unsere Erwartungen.Wenn die Rede auf die Schüler kam, folgten Einwände: Sie können nicht lesen, sind schmutzig, stinken … Bei allen scheiterte es, weil sie mit „Zigeunern“ nichts zu tun haben wollten. Adi dagegen reizte die Idee, mit einer wilden Bande rumänische Volksmusik zu machen. Nach den ersten mühsamen Stunden fürchtete er, sie würden aussteigen. Doch die Gruppe wuchs. Die Begeisterung der jungen Leute steckte ihn an. Bald warf er sein „Arbeitsgewand“ weg. Heute spielen sie bei Festen. Adi dirigiert und sieht im Publikum oft erstaunte Blicke seiner Exkollegen.
Nach einer jüdischen Legende braucht jede Generation 36 Gerechte, damit die Welt erhalten bleibt. Aber niemand kennt die Gerechten. Nicht einmal sie selbst wissen es. Ich habe in Adi einen Gerechten entdeckt. Einen, der die Verachteten zum Strahlen gebracht hat. Die Gerechten, denen wir Lebensqualität zu verdanken haben, sind versteckt. Wer findet sie?

Ruth Zenkert
ist Mitarbeiterin der von P. Georg Sporschill, SJ., gegründeten sozialen Werke in Rumänien. Aus: elijah.ro/bimail

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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