Positionen - Leopold Neuhold
Behaupten ist zu wenig

„Wir stimmen der Vorlage rückgratlos zu!“ Dieser Versprecher deutet wie die ebenfalls unbeabsichtigte Betonung vor einer Rede: „Es gilt das gebrochene Wort!“ auf einen fragwürdigen Zustand unserer Demokratie hin. Diese wird als nackter Mechanismus, nicht als Haltung betrachtet. Das Argument ist oft der bloßen Behauptung gewichen, die Suche nach Gründen, die durch Abwägen und Berücksichtigen von Einwänden geprägt ist, vom lautstarken, immer wieder wiederholten Schlagwort abgelöst. Jede Seite nimmt in Anspruch, zu 100 Prozent Recht zu haben.

Daraus entstehen zum Teil unüberbrückbare Spaltungen. „Die Demokratie schafft kein starkes Band zwischen den Menschen. Sie erleichtert ihnen aber den Umgang miteinander.“ Dieser Ausspruch eines der Begründer der Politikwissenschaft, Alexis de Tocqueville, scheint heute nicht mehr zu gelten: Nicht nur, dass keine tragfähige Bindung unter Menschen erreicht wird, der Umgang miteinander ist fragwürdig geworden.

Das gemeinsame Band über alle Menschen hinweg sollte die Suche nach dem Richtigen, nach der rechten Ordnung sein. Für diese Suche bedarf es des Bedenkens von Gründen, nicht nur des Aufstellens von Behauptungen. Notwendig ist die Bereitschaft, Gründe, die der andere vorbringt, zu hören und zu achten, in der Haltung: „Auch der andere könnte Recht haben.“ Demokratie braucht Kultur, Demokratie ruht auf Werten auf. Diese zu pflegen ist Herausforderung der Zeit oder, wie es in der Zusammenfassung mit dem Synodalen Prozess formuliert wurde: Wir brauchen eine Kultur der Synodalität, die Demokratie zu einem einigenden Band werden lässt.

Leopold Neuhold

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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