Vor den Vorhang
Was der Schöckl mit uns macht

Blick vom Schöckl – Grazer Hausberg, Kraftplatz und Schauplatz zahlreicher Sagen rund um Hexen, Höhlen, verborgene Schätze und den Berggeist, wie jene Sage rechts unten. | Foto: Region Graz | pixelmaker.at
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  • Blick vom Schöckl – Grazer Hausberg, Kraftplatz und Schauplatz zahlreicher Sagen rund um Hexen, Höhlen, verborgene Schätze und den Berggeist, wie jene Sage rechts unten.
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Der Grazer Hausberg: Rückzugsort in der Hitze, sportliche Herausforderung, Kraftplatz – und für manche sogar heilig.

Wenn man an einem heißen Sommertag aus Graz hinausfährt, wird der Asphalt, der eben noch geglüht hat, weniger und die Luft leichter. Gerade im Sommer zieht es wieder viele hinauf auf den Schöckl – dorthin, wo der Wind über die Kuppe streicht und der Horizont offen wird. Für manche ist der Grazer Hausberg Kraftplatz, für andere Erinnerungsort, für wieder andere ein Stück Heimat. Für Religionswissenschafterin Nicole Bauer ist er all das zugleich – und ein Forschungsfeld, das sie seit ihrer Kindheit begleitet. Mit ihr spreche ich darüber, warum der Schöckl für manche „heilig“ ist, welche Geschichten sich um ihn ranken und was mit uns passiert, wenn wir hinaufgehen.

Nicole Bauer ist Universitätsassistentin am Institut für Religionswissenschaft der Universität Graz.

Frau Dr. Bauer, können Sie kurz Ihre Beziehung zum Schöckl beschreiben?
Nicole Bauer: Der Schöckl begleitet mich schon mein ganzes Leben. Bereits als Kind war ich regelmäßig mit meinen Eltern und Großeltern dort. Seit damals kenne ich auch die zahlreichen Sagen und Erzählungen rund um den Schöckl, die mich schon immer fasziniert haben. Nun, wo ich wieder in der Steiermark, genauer in St. Radegund lebe, ist der Schöckl für mich zu einem persönlichen Rückzugs-, Kraft- und Erholungsort geworden.
Als Religionswissenschafterin interessierte mich einerseits, wie sich die mir seit meiner Kindheit vertrauten Sagen und Überlieferungen religions- und kulturgeschichtlich einordnen lassen. Andererseits wollte ich herausfinden, welche Geschichten, Erfahrungen und Bedeutungen die Menschen heute mit dem Berg verbinden.

Was hat Sie motiviert, die Lehrveranstaltung „Der Schöckl als heiliger Berg?“ ins Leben zu rufen?
Bauer: Gemeinsam mit den Studierenden wollte ich den Berg nicht nur aus theoretischer Distanz erforschen, sondern ihn tatsächlich begehen und vor Ort untersuchen, wie religiöse Vorstellungen, lokale Überlieferungen, Naturerfahrungen, Tourismus und persönliche Erinnerungen ineinandergreifen.

Inwiefern ist der Schöckl „heilig“?
Bauer: Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist ein Berg nicht von sich aus heilig. Er wird dazu, indem Menschen ihn als besonderen Ort wahrnehmen, mit Geschichten und Ritualen verbinden und ihm eine über den Alltag hinausgehende Bedeutung geben. Verschiedene Heiligtümer – von einer römischen Tempelanlage bis zu Kapellen und Gipfelkreuzen – zeigen, dass dem Schöckl in unterschiedlichen historischen und religiösen Kontexten Heiligkeit zugeschrieben wurde. Zugleich galt er während der steirischen Hexenprozesse als Schauplatz vermeintlich teuflischen Treibens und wurde damit auch als „unheiliger“ Ort imaginiert.
Heute ist der Schöckl ein touristisch erschlossener Freizeit- und Sportort. Gleichzeitig bekreuzigen sich Menschen am Westgipfelkreuz, läuten die Glocke der Johanneskapelle oder sprechen ein Gebet. Gerade dieses Nebeneinander macht ihn so interessant.
Der Schöckl ist nicht für alle und nicht auf dieselbe Weise heilig. Seine Heiligkeit wird vielmehr durch unterschiedliche Geschichten, Rituale und persönliche Erfahrungen immer wieder neu ausgehandelt.

Was passiert mit uns, wenn wir „raufgehen“ – körperlich, aber auch im Kopf?
Bauer: Zunächst geschieht etwas sehr Konkretes: Der Körper kommt in Bewegung, der Atem und der Rhythmus der Schritte verändern unsere Wahrnehmung. Zugleich verlassen wir den gewohnten Alltag. Mit zunehmender Höhe wird der Blick weiter, während Häuser, Straßen und persönliche Probleme oder gar Krisen kleiner erscheinen. Das kann auch innerlich eine Distanzierung ermöglichen. Gedanken ordnen sich, manche Menschen erleben Ruhe, Klarheit oder ein Gefühl der Freiheit.

Der Aufstieg besitzt zudem eine starke symbolische Dimension: Man lässt etwas zurück, überwindet Widerstände und erreicht schließlich einen Ort, von dem aus die Welt anders aussieht. Aus diesen Gründen kann eine Bergwanderung auch als Übergangserfahrung erlebt werden, körperlich, emotional und manchmal sogar spirituell.

Warum suchen Menschen seit jeher die Höhe, wenn es um Orientierung oder Kraft geht?
Bauer: Die Redewendung „über den Dingen stehen“ bringt diese Erfahrung sehr treffend zum Ausdruck: Höhen ermöglichen zunächst ganz praktisch Orientierung. Von oben überblicken wir die Landschaft und erkennen Zusammenhänge, die unten verborgen bleiben. In vielen Kulturen wurde diese räumliche Erfahrung symbolisch gedeutet. Berge galten als Orte der Nähe zum Himmel, als Wohnsitze von Gottheiten oder als Schauplätze von Offenbarungen und Grenzerfahrungen.

Wer einen Berg besteigt, verlässt die vertraute Welt, überwindet Widerstände und gewinnt eine neue Perspektive. Die Höhe steht daher bis heute für Übersicht, Klarheit und Überschreitung. Auch Menschen, die sich selbst nicht als religiös verstehen, können dort Ehrfurcht, Verbundenheit und neue Kraft erleben. Manchmal müssen wir unseren Standort tatsächlich verändern, um die Welt und uns selbst mit anderen Augen zu sehen.
Und wer dann wieder hinuntersteigt, nimmt ein Stück Übersicht mit.

Und wenn es im Alltag verloren geht,
führt uns der Weg wieder hinauf –
dorthin, wo die Luft weiter wird.

Maria Wilbrink

Der Berggeist vom Schöckl

Seit jeher vermuteten die Menschen im Schöckl verborgene Schätze.
Viele suchten nach Gold – nur ein Bauer blieb davon unberührt.
Als er zwei Schatzsucher beobachtete, folgte er ihnen und wurde in einen Schacht gestoßen. In der Finsternis betete er – und plötzlich öffnete sich ein wunderbares Licht und ein jugendlicher Berggeist erschien.
Der Geist fragte, was der Bauer suche. Dieser bat nur darum, zu Frau und Kind zurückkehren zu dürfen. Gold und Edelsteine lehnte er ab – seine Arbeit genüge ihm.
Zu Hause verwandelte sich der Sand in den Taschen des Mannes beim Trocknen in kleine Goldkörner. Der Bauer blieb bescheiden – und der Berggeist zeigte sich nie wieder denjenigen, die nur aus Habgier in sein Reich stiegen.

Blick vom Schöckl – Grazer Hausberg, Kraftplatz und Schauplatz zahlreicher Sagen rund um Hexen, Höhlen, verborgene Schätze und den Berggeist, wie jene Sage rechts unten. | Foto: Region Graz | pixelmaker.at
Nicole Bauer ist Universitätsassistentin am Institut für Religionswissenschaft der Universität Graz. | Foto: M. Wedermann
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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