Geschichte
Stolpern lernen. Shoa-Gedenken in der Steiermark
- „Schicksal unbekannt“: In der Grazer Sackstraße Nr. 16, unweit eines mehrstöckigen Traditionskaufhauses, erinnern zwei Stolper-steine an ein vertriebenes Kaufmanns-Ehepaar. Im Juni 1939 musste Maria Dicker Graz verlassen und kam, so wird vermutet, in eine sog. „Sammel-wohnung“ nach Wien. Ihr Schicksal und das ihres Ehemanns Michael ist bis auf
Weiteres unbekannt. Quelle: stolpersteine-graz.at - Foto: Neuhold
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Gedenken an den Holocaust ("Shoa") am 27. Jänner: Auf Straßen und Plätzen verlegte Stolpersteine mahnen – auch in der Steiermark.
Sie vergolden jedes Kopfsteinpflaster und verlangsamen die Schritte derer, die sie erblicken: Stolpersteine, von denen es bereits mehr als 109.000 in über 30 Ländern gibt. Jeder einzelne ist Teil des größten dezentralen Mahnmales der Welt (Näheres diesmal auch in POSITIONEN).
Niederschwellig aber sichtbar
„Angefangen hat es mit einer Farbspur, mit der ich an die Deportation von 1000 Sinti und Roma aus Köln vom 6. Mai 1940 erinnern wollte“, erzählt Gunter Demnig auf die Frage nach dem ersten Stein. Statt Straßenkreide verwendete er für den Schriftzug „die beste Fassadenfarbe, die man haben konnte. Das gab natürlich Ärger.“ Das Kölner Ordnungsamt, das dem Künstler ursprünglich die Reinigungskosten in Rechnung stellen wollte, sah schließlich davon ab, und Demnig stellte kurzerhand einen Antrag an die Stadt, die Spur dauerhaft zu machen. Die Stolpersteine waren damit geboren – als „Idee, Namen von NS-Opfern zurückzubringen“, erzählt der heute 77-Jährige im Interview mit der Initiative Gegen das Vergessen Stuttgart.
Stolpersteine in der Steiermark
Bruck an der Mur, Frohnleiten, Graz, Kindberg, Köflach, Leoben und Ramsau am Dachstein: 391 Stolpersteine gibt es mittlerweile auch in der Steiermark. Der jüngst verlegte Messingstein erinnert an Roman Langmann, einen kommunistischen Widerstandskämpfer aus Graz. An Jüdinnen und Juden, Angehörige von Minderheiten wie Romnija und Roma, Menschen mit Beeinträchtigung, Homosexuelle oder christlich gläubige GegnerInnen des NS-Regimes erinnern die im Boden eingelassenen Namensplaketten. Am Gelände des Landeskrankenhauses in Graz wurden vergangenes Jahr gleich 39 Stolpersteine auf einmal verlegt – im Gedenken an 39 Medizinstudierende und deren Schicksal (siehe Titelbild).
Paten und Patinnen gesucht
Wie beim ersten Stein, so wird auch heute noch jeder Stolperstein von Gunter Demnig und seinem Künstlerkollektiv hergestellt. Die Kosten dafür liegen bei 132,– Euro, inklusive Versand aus Deutschland. Für die 39 am Grazer LKH verlegten Steine bittet Birgit Roth, Geschäftsführerin vom Verein für Gedenkkultur Graz, noch um finanzielle Unterstützung – ebenso wie für die Pflege der steirischen Gedenkplaketten, denn: Traditionell gibt es immer im Frühjahr eine gemeinsame Putzaktion. Damit die Stolpersteine spätestens im Mai, zum Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus, voll Glanz einmahnen können, dass das „Nie wieder!“ mit der Erinnerung beginnt.
Anna Maria Steiner
◉ Infos zu Stolperstein-Patenschaft, -Reinigung und -Führungen: stolpersteine-graz.at
- Prof.in Ursula K. Mindler-Steiner lehrt und forscht an Universitäten in Graz und Budapest u. a. zu NS-Zeit, Antisemitismus und Geschichte von Minderheiten wie Romnija und Roma.
- Foto: W. Reiss
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Shoa und Erinnerungskultur
Am 27. Jänner ist Holocaust-Gedenktag. Wie halten wir es mit der Erinnerungskultur?
Erst seit den 1990er-Jahren hat die Shoa einen festen Platz in unserer Erinnerungskultur. Allerdings hat Österreich nicht, wie andere Länder, den 27. Jänner als Holocaust-Gedenktag etabliert, sondern den 5. Mai, den Tag der Befreiung des KZ Mauthausen, als nationalen „Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“. Zum heurigen 80. Jahrestag, werden besonders viele Veranstaltungen stattfinden.
Wie nehmen Sie als Lehrende an zwei Universitäten das Gedenken an die "Shoa" unter jungen Menschen wahr?
Mein Eindruck ist, dass bei vielen Studierenden das historische Faktenwissen, auch zur NS-Zeit, stark abgenommen hat. Gleichzeitig sehe ich aber, dass es durchaus ein Interesse an dieser Zeit gibt. Mir scheint, dass das Gedenken selbst allerdings eine geringe Rolle spielt. Es wird oft als eine rein symbolische Geste (miss-)verstanden.
Was braucht es noch?
Es ist sehr wichtig, dass über die Shoa mittlerweile an den Schulen unterrichtet wird. Das war früher anders. Besonders wichtig ist hier das Programm ERINNERN:AT, das u. a. Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellt.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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