Kirche Steiermark
Opfer und Täter
- Stellen wir uns den Schönheiten und Grauslichkeiten der Geschichte! So resümierte das „1945er“-Symposium zu Kriegsende und Neubeginn am 23. Mai im Grazer Minoritenzentrum. Im Bild v. l.: Günter Bischof, Peter Strasser, Helmut Konrad und Claudia Kuretsidis-Haider.
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Zu 80 Jahre Kriegsende sprachen ExpertInnen in Graz.
Was passiert mit einer Gesellschaft nach dem Krieg? Claudia Kuretsidis-Haider skizzierte im Eröffnungsvortrag des Symposiums „Übergänge. Von der Diktatur zur Demokratie (und wieder zurück?)“ die Entnazifizierung, die nach 1945 dem „Vergessen entgegenwirken“ und „Verantwortlichkeit festlegen“ wollte. Mit gesellschaftspolitischem Blick auf diesen bald ins Stocken gekommenen Prozess ergänzte die Historikerin: „Wir schulden den Opfern Rechtssicherheit.“
Wann ist Friede? Günter Bischof aus New Orleans sprach in seinem Vortrag „US-amerikanisches ‚Nation Building‘ und Wiederaufbau“ über die wirtschaftlichen Grundlagen und den Marshall Plan, von dessen Hilfsgeldern eine Milliarde in Österreich landete. „Friede ist nur, wenn es den Menschen gut geht“, so Bischof.
Peter Strasser ging der Frage nach, wie sich die nach 1945 entfachte „Österreich-Euphorie“ in die heutige „Demokratie des Missmuts“ verwandelte. Dem Sturm illiberaler Kräfte auf die Demokratie solle mit „Wohlstandswahrung, Verringerung sozialer Ungleichheit und christlichen Werten der Caritas“ begegnet werden, so der Philosoph.
Historiker Helmut Konrad nahm die „Unabhängigkeitserklärung“ in der Zeitung Neues Österreich vom April 1945 zum Anlass, um die national(istisch)e Suche nach dem widerständigen und „anderen Österreich“ zu reflektieren. Diese sei besatzungspolitisch hilfreich und sinnstiftend gewesen, habe aber den „Opfermythos“ gestärkt. Heute gelte es, so Konrad, Täter- und Opfer-schaft ausgewogen zu betrachten.
Florian Traussnig schilderte, wie sich zwei austro-amerikanische US-Soldaten in der bereits 1944 befreiten deutschen Stadt Aachen hinter den Kulissen ein politisches „Match“ um die Nachkriegsordnung lieferten und dabei einen handfesten, aber demokratisch lehrreichen Skandal verursachten.
Auf 75 Tage des „Roten Sterns über Graz“, also der sowjetischen Besatzung, blickte Barbara Stelzl-Marx und zitierte dazu aus Tagebüchern. Die Historikerin erwähnte die sexualisierte Gewalt durch Rotarmisten, differenzierte das „Russenbild“ aber: So waren sowjetische Soldaten sehr kinderfreundlich. Wie überraschend offen die katholische Kirche mit ihrem „Austrofaschismus“-Kapitel umging, schilderte Werner Anzenberger. Die Kirche habe sich für die „enge Verflechtung von Kirche und Parteipolitik“ entschuldigt und setze heute auf Dialog.
Wir waren beides. Im Talk „Wieviel Verdrängung braucht eine Täter- und Täterinnengesellschaft?“ fragte Moderator Christian Weniger: „Ist ein Symposium genug“ zur Aufarbeitung? Ebenso (produktiv-)provokant übte Psychiater Michael Lehofer Kritik am „ritualisierenden Erinnern“ und forderte ein Zulassen von Schuldgefühlen, das erst Berührung und Bindung an die Opfer ermögliche. Der Soziologe Manfred Prisching resümierte: „Wir waren beides – Täter und Opfer. Die Schönheiten und Grauslichkeiten unserer Geschichte gehören in eine reife Persönlichkeit integriert.“
- Foto: Gerd Neuhold / Sonntagsblatt für Steiermark
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Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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