Vor den Vorhang - Heinz Finster
Hineinverlieren und herausfinden
- Stets aufgeschlossen, ist Heinz Finster verantwortlich für zahlreiche technische und redaktionelle Neuerungen. Auf Österreich-Ebene war er auch Obmann der Kooperation Kirchenzeitungen – Verein zur Förderung der Kirchenpresse.
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Knapp drei Jahrzehnte hat Heinz Finster sich in Fragen rund um Glauben und Leben „hineinverloren“. Nun geht der SONNTAGSBLATT-Geschäftsführer in Pension.
Vor einem Jahr erfand er diese Rubrik, jetzt wird er selbst „vor den Vorhang“ geholt. Der Theologe, Pädagoge und Gestalter Heinz Finster im Interview, anlässlich seines Pensionsantritts im Dezember 2025.
Lieber Heinz, seit heute Mittag ist dein Büroschrank leergeräumt. Was wirst du als Erstes machen, wenn du in Pension bist?
Heinz Finster: Sobald ich in der großen Freiheit bin (lacht), werde ich als Erstes sortieren, dann aussortieren, wegschmeißen, ordnen und ein bissl in meiner Werkstatt „basteln“.
Woran bastelst du derzeit?
Heinz: An kleinen Geschenkkoffern aus Holz. Ich mache sie in meinem Ehrenamt für die Pfarre Graz-Mariatrost. Sie sind ein kleines Danke für großartige SpenderInnen.
Was bedeutet Christsein für dich?
Heinz: Seit langem begleiten mich Texte des Schriftstellers Franz Kafka. Ein Gedanke aus seinen „Octavheften“ ist mir besonders wichtig. Dort steht: „‚Sein‘ heißt im Deutschen zweierlei: ‚da sein‘ und ‚ihm gehören‘.“ Christsein ist für mich ein langes Suchen und immer wieder neues Finden.Das Theologiestudium hat mir geholfen, Glaubensfragen mit dem Kopf zu ordnen und ein wenig besser zu verstehen. Im Leben glaubensmäßig unterwegs bin ich aber mit Kopf, Herz und Gemüt. Und ich habe das Gefühl, je älter ich werde, desto einfacher werden das Glauben und das Christ-sein für mich – es wird ganz natürlich. Da-Sein und Ihm-Gehören sind nicht etwas, das man in der Tiefe suchen muss. Es liegt offen zutage. Für mich ist das Christentum die schönste Religion, die man sich vorstellen kann – auch intellektuell die coolste.
Das Christentum, die Glaubensgeschichte und auch christliche Zeugen halten Bilder, Denkfiguren und Geschichten bereit, die ein Leben tragen. Mir wurde klar: Wenn du einseitig und selbstbezogen in der Tiefe deine Persönlichkeit suchst und versuchst, sie zu finden und zu formen, dann verlierst du sie. Im Theologiestudium hat mich das irritiert, und ich habe mich gefragt: Inwieweit gibst du dich dabei selber auf?
Ich bin hoffnungslos
ein Mensch des Seins
und weniger einer des Habens.
Bist du zu einer Antwort gelangt?
Heinz: Wenn man jung ist, denkt man viel nach über die eigene „Personwerdung“, und man betont vielleicht die Abgrenzung von anderen. Ich bin Menschen begegnet, die stur ihren Weg gegangen sind und sich kaum haben anfragen lassen von anderen. Bei mir war’s eigentlich oft umgekehrt. Ich hatte Sorge, mich hineinzuverlieren in eine Situation, in den Nächsten. Mit den Worten von Erich Fromm könnte man sagen: Ich bin hoffnungslos ein Mensch des Seins und weniger einer des Habens (lacht).
- Zum 70. Geburtstag überreicht der „Buchmacher“ dem 2024 verstorbenen, langjährigen SONNTAGSBLATT-Chefredakteur Herbert Meßner (Bild oben, l.) ein Buch mit einer Auswahl aus dessen (An-)Sichten.
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Ist das Hineinverlieren nicht etwas Gutes?
Heinz: Irgendwie habe ich Leute mit „Haben“-Charakter immer ein bissl bestaunt. Die haben sich meist alles viel besser merken können, waren viel zielstrebiger und, was das berufliche Fortkommen anbelangt, geradliniger. Wenn du dich nicht in die Situation hineinverlierst, dann kannst du dein Gegenüber behandeln wie ein Scheitel Holz. Aber als Christinnen und Christen wachsen wir mit dem Gedanken auf, dass jeder Mensch einen Funken Gottes in sich trägt. Und den müssen wir bei uns selber freilegen und beim anderen ansprechen.
Als jemand mit großem Interesse an Technik, Geistesgeschichte und am Menschen hast du dich wohl in vieles hineinverloren. Wie hast du herausgefunden, wer du bist?
Heinz: Ich bin das vorletzte von sechs Geschwistern und durfte in einer friedvoll-religiösen Familie aufwachsen. Hier habe ich von Eltern und Geschwistern immer herzliche und ehrliche Unterstützung erleben dürfen. In meiner Handelsakademie-Zeit in Feldbach kam ich durch den damaligen Kaplan Helmut Burkard mit der Fokolarbewegung in Kontakt. In unserer Gruppe gab es Schüler und Studierende ebenso wie handwerklich Berufstätige. Die Entdeckung in dieser schönen Spiritualitätsgemeinschaft war, dass man das Evangelium tatsächlich täglich im Alltag leben kann und dass dies guttut.
Wie ging es weiter?
Heinz: Ich begann das Theologiestudium und wollte Priester werden. Das spirituelle Leben, auch in der Gemeinschaft, das alles habe ich sehr ernst genommen. Nach einigen Jahren hatte ich Sorge, ob mein Atem wohl lang genug wäre, um Woche für Woche authentisch und mit jeder Faser meines Lebens über den Glauben zu predigen, so wie ich es mir gewünscht hätte. Bis heute habe ich sehr große Achtung vor Menschen, die beherzte Zeugen ihres Glaubens und ihrer Hoffnung sind. Hilfreich ist sicher ein wenig die Erfahrung, dass man nicht immer alles gleich sagen muss, wenn man alles sagen will. Neben dem Ideal, immer alles bis in die letzte Faser seiner Person unterschreiben zu sollen, gibt es auch Töne in der Persönlichkeit, die sich durch die Treue zu einem eingeschlagenen Weg nähren.
Treu warst du dann fast drei Jahrzehnte lang der steirischen Kirchenzeitung. Wie bist du zum SONNTAGSBLATT gekommen?
Heinz: Durch Zufall. Als im Ordinariat die Idee aufkam, einige Drucksorten „zusammenzulegen“, wurde ich Ende der 1990er-Jahre gefragt, ob ich eine Zeitschrift entwickeln könne, die unterschiedliche Bereiche der Diözese zum Inhalt hat. Daraus wurde die MitarbeiterInnen-Zeitung kirche:konkret.
Vermutlich kam man auf mich zu, weil ich zu dem Zeitpunkt schon einige Jahre Religionsbücher „gemacht“ habe. Seit 1988 – ich war nach einem Studienaufenthalt in Tübingen gerade am Ende meines Studiums – war ich Assistent bei Direktor Kurt Zisler, dem damaligen Direktor der Religionspädagogischen Akademie in Graz-Eggenberg.
Der hervorragende Religionspädagoge und Künstler hat mit seinem Team Generationen von ReligionslehrerInnen theologisch, spirituell und ästhetisch geprägt. Dort habe ich Dinge machen dürfen, die andere nicht durften (lacht): Religionsbücher gestalten. Bei meinem Chef habe ich genaues Fragen gelernt – und das Unterscheiden: Was wird durch ein Bild ausgelöst? Wann wird ein Bild zum Kitsch, wann passt welcher Text zur Gesamtkomposition? Mit Kurt Zisler konnte ich auch über Jahre die Christlich Pädagogischen Blätter (CPB) gestalten. Dabei lernte ich, dass man bei Medienprodukten auch die verlegerischen und kaufmännischen Aspekte im Auge behalten muss.
Hast du selbst auch unterrichtet?
Heinz: Ja. Ich habe sieben Jahre lang unterrichtet: in einer Hauptschule in Köflach, in der Handelsakademie in Bruck an der Mur und in der Monsbergergasse in Graz. Seit 1995 war ich auch immer ein wenig in der Ausbildung für Religionslehrerinnen und -lehrer beteiligt.
Warum warst du neben deiner Tätigkeit beim SONNTAGSBLATT auch Pädagoge?
Heinz: In der Begegnung mit jungen Erwachsenen wurde mir die Macht neuer Mediengewohnheiten bewusst, und ich musste mich immer weiterentwickeln. Im Unterrichten hab ich gesehen: Nicht alles geht über den Kopf. Das, was du weitergeben möchtest, musst du „inszenieren“. Gleichzeitig hab ich gemerkt, dass Studierende auch dankbar sind für grundlegende Informationen.
Beim SONNTAGSBLATT, wo ich nach dem Aufbau von kirche:konkret und der diözesaninternen Grafikagentur „DigiCorner“ im Jahr 1998 begonnen habe, haben wir deshalb auch immer wieder Serien und Infografiken zu Grundfragen des Glaubens gestaltet. Manchmal haben wir sie zu Broschüren oder Büchern zusammengefasst. Ich glaube, da gibt es sicher einige gelungene Dinge, die bleiben.
Apropos: Vor kurzem hast du in einer Wallfahrt 250 Menschen in fünf Bussen nach Rom begleitet – etwas, das du auch weiterhin machen wirst. Warum geht das SONNTAGSBLATT eigentlich auf Reisen?
Heinz: „Kulturreisen“ gehörten schon bei den Chefredakteuren Anton Fastl und Herbert Meßner zu jährlichen Fixpunkten in der SONNTAGSBLATT-Familie. Unsere Reisen schaffen Raum für Begegnung, ermutigen geschwisterlich im Glauben und fördern das Verständnis für fremde Kulturen. Wenn ich mit den Menschen unterwegs bin, höre ich immer wieder: „Mit euch zu reisen, ist ganz anders.“ Ja, wir sind im christlichen Geist unterwegs.
Was deine Lebensreise anbelangt, so stehst du am Anfang deines Weges hinein in einen neuen Abschnitt. Wie geht es dir damit?
Heinz: Betreffend SONNTAGSBLATT schau ich gelassen in die Zukunft. Kirche und Gesellschaft verstehen, dass es positive und ehrliche Zeitungen braucht. Das SONNTAGSBLATT wird sich gut weiterentwickeln.
Für mich persönlich bin ich einfach nur dankbar. Dafür, dass ich immer ausreichend Kräfte hatte – so wie ein Ochs (lacht). Das sucht man sich nicht aus. Und dass ich mit dem Team in einer unaufgeregten Heiterkeit arbeiten konnte. Unsere Bischöfe, Generalvikare und Diözesanverantwortlichen haben unsere Arbeit im SONNTAGSBLATT immer geschätzt, das tat uns und mir gut. Persönlich konnte ich eigentlich immer das machen, was ich auch machen wollte. Und wenn ich etwas nicht machen wollte, habe ich gelernt, es zu wollen und zu lieben.
Katharina Grager und Anna Maria Steiner
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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