Kolumbien
Hilfe für Pacha Mama
- Wo Mutter Erde lacht. Den indigenen Völkern Lateinamerikas galt „Pacha Mama“ als personifizierte Erdenmutter, die vielfach Leben schenkt, Mensch und Planeten schützt und nährt. In der aktuellen Umweltschutzbewegung steht sie für Hoffnung auf ein Leben im Einklang mit Natur. Der Pacha-Mama-Gedanke als Grundprinzip eines guten Lebens für alle fand 2008 sogar Eingang in die Staatsverfassung Ecuadors. Im Bild „Mutter Erde“ am Eingang des ökosozialen Zentrums „Oase de Jacquin“ auf der kolumbianischen Karibik-Halbinsel Barú bei Cartagena.
- Foto: Betz
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Weltweit leidet Mutter Erde. Wer der Natur hilft, hilft auch Menschen aus der Armut. Ein von Österreich mitfinanziertes Projekt in Kolumbien zeigt, wie.
Wenn er an den Anfang denkt, muss Reinhold Oster herzlich lachen. Als er den KollegInnen der Hilfsorganisation Fundación Madre Herlinda Moises (FMHM) vom geplanten Grundstückskauf erzählte, waren alle skeptisch. „Jetzt will der Deutsche eine Finca“, habe man damals getuschelt. Heute seien alle stolz auf die „Oasis de Jaquin“, einem umweltpädagogischen Lehrgarten, der an der Karibikküste seinesgleichen sucht.
- Hoteliers im Paradies. Bei regelmäßigen Oasen-Besuchen lernen SchülerInnen und Studierende die Bedeutung von Insektenhotel und Bienenhaus für die Pflanzenwelt kennen. Die Universität Cartagena macht zum Naturschutzprojekt Begleitforschung.
- Foto: Steiner
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Am Anfang war die Hütte. Mangos, die nach Zimt duften, Mais und Papaya für den Selbstanbau oder eine Wetterstation: Wer heute entlang des Pflanzenlehrpfades der knapp zwei Hektar großen Oase wandelt, denkt nicht mehr an die Mühen des Beginns. Anfangs sei hier nur eine drei mal drei Meter große Hütte mit Toilette gestanden, erzählt FMHM-Leiter Reinhold Oster im Interview (Spalte links). Irgendwann seien dann Spenden geflossen, von vielen Organisationen wie dem Rotary Club oder der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung.
Null komma sieben Prozent und mehr. Aus Österreich kommt Geld von Sei So Frei, der entwicklungspolitischen Organisation der Katholischen Männerbewegung (KMB) oder über das Außenministerium, genauer: dem Club 0,7 %. Von Ministeriums-MitarbeiterInnen im Jahr 1988 gegründet, will der Verein aktiv Entwicklungshilfe leisten – und laut Website „sicherstellen, dass Hilfe ohne Zusatzkosten direkt bei den Bedürftigen ankommt“. In den Anfangsjahren der Oase finanzierte Club 0,7 % das Bienenhaus, das heute Schulklassen und Studierenden der Universität Cartagena als Lehrmodell dient und Umweltdaten liefert.
Expertise „Made in Austria“. Neben der monetären Hilfe braucht die Oase auch Unterstützung anpackender Hände sowie heller Köpfe. So sei es der Feldforschung und Abschlussarbeit zweier Studierender aus Österreich gedankt, dass die Gärtnerei windtechnisch gut platziert wurde und heute dort steht, wo nur ein leichtes Lüftchen weht. Statt einem ursprünglich geplanten Besprechungshaus wurden drei kleinere Hütten gebaut, aus Lehm und mit luftdurchlässig kühlem Palmendach.
Bei so viel Österreich-Bezug verwundert auch der Name des nachhaltigen Grünraums nicht. Benannt ist die „Oasis de Jacquin“ nämlich nach dem 1817 in Wien verstorbenen Nikolaus Joseph Freiherr von Jacquin. Der Arzt und Botaniker beschrieb erstmalig Tier- und Pflanzenarten und lieferte damit eine Grundlage für Naturbegeisterung und Umweltschutz in Theorie. Die Praxis eines guten Leben hingegen wird sichtbar in einer nach ihm benannten Oase in Kolumbien.
Anna Maria Steiner
IM ORIGINALTON
Reinhold Oster lebt seit 45 Jahren in Kolumbien und leitet ehrenamtlich seit 2004 die Fundación Madre Herlinda Moises (FMHM)
Naturschutz gegen Armut
Anna Maria Steiner: Herr Oster, warum hat eine Stiftung gegen Armut eine Oase?
Reinhold Oster: In der Oase werden Menschen ausgebildet und finden Arbeit. Unsere Stiftung macht integrale Pastoralarbeit, das heißt: Wir integrieren Bedürftige in die Hilfsaktivitäten. Erst, wenn Menschen lernen, sich selbst zu helfen, wird Armut nachhaltig beseitigt.
Steiner: Die „Oasis de Jacquin“ war ja Ihre Idee. Wie ist all das hier entstanden?
Oster: Im Jahr 2007 bekam die FMHM ein Grundstück angeboten, das günstig war, weil damals noch kein Weg hinführte. Wir kauften es und stellten eine kleine Hütte drauf, in der ein Kollege öfters übernachtete. Ein „bewohntes Haus“ war nämlich seitens der Regierung die Voraussetzung für das Verlegen von Wasser- und Strom dorthin. (lacht)
Steiner: Wie ging es weiter?
Oster: Mit jeder Geldspende für das Projekt wuchs unsere Oase. Heute gibt es hier ein Bienenhaus mit Imkerei, einen Lehrpfad, einen Kräuter- und Gewürzgarten, eine Baumschule, eine Wetterstation und vieles mehr. Wir bilden derzeit 30 sozial Benachteiligte zu Gärtnern aus – ein Beruf, der stark nachgefragt ist.
Steiner: Wie sieht die Zukunft aus?
Oster: In Kolumbien darf jeder Sonnenstrom erzeugen. Wir könnten deshalb über der Gärtnerei Agrar-Paneele montieren. Zu einer Oase gehören Luftschlösser dazu. (lacht) Aber wer weiß: Vielleicht hat die Stiftung ja bald ihre eigene Energiegemeinschaft.
Oasis de Jacquin
Das grüne Herz der Mutter-Herlinde-Moises-Stiftung (FMHM) sensibilisiert Gemeinden für den Umweltschutz, bildet und bietet sozial Benachteiligten Arbeit.
- Schritt aus der Armut. An der Karibik-Küste haben viele ein kleines Stück Land. In der Oase können Dorfbewohner Setzlinge kaufen, zu Hause anbauen und ernten.
- Foto: Steiner
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
- Palmenhaus und Lehrpfad. Im natürlich klimatisierten Pavillon bietet die FMHM kostenlose Kurse an und bildet aus zu Landschaftspflegern, von denen es an der Karibik-Küste zu wenige gibt.
- Foto: Nebauer-Riha
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
- „Laudato si’“-Garten. Die Oase der Mutter-Herlinde-Moises-Stiftung gilt in Kolumbien als ein Vorzeigeprojekt, das Arbeitsplätze schafft und nachfolgende Generationen ökologisch schult.
- Foto: Steiner
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
- „Bienvenido“: Willkommen in der Oase! Gleich an der Straße beginnt der Lehr- und Naturschutzgarten, der auch von Hilfsorganisationen, Ministerien und Privatpersonen aus Österreich mitfinanziert wird.
- Foto: Steiner
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.