70 Jahre Sonntagsblatt - Teil 03
Gehässigkeiten hat es schon gegeben

Erste allgemeine Pfarrgemeinderatswahl am 23./24. März 1974. In 271 Pfarren wurden 3000 Pfarrgemeinderatsmitglieder gewählt.
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  • Erste allgemeine Pfarrgemeinderatswahl am 23./24. März 1974. In 271 Pfarren wurden 3000 Pfarrgemeinderatsmitglieder gewählt.
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Progressiv – konservativ? An 
die Kämpfe in den „68er-Jahren“ 
erinnert sich Pfarrer Alfred Wallner.

Schwere Turbulenzen hatte die steirische Kirche in den Jahren nach dem Konzil zu überstehen. Es war die Zeit der Studentenunruhen, der sexuellen Befreiung, des Aufbegehrens gegen die traditionellen Autoritäten – eine gesellschaftliche Revolution, die auch über die Institution der Kirche hinwegfegte und deutliche Spuren hinterließ.

„Ich weiß nicht, ob die Kirche die ‚68er‘ überhaupt kapiert hat“, überlegt Dr. Alfred Wallner im Rückblick auf diese konfliktbeladene Zeit. Er wurde 1962 zum Priester geweiht, erlebte also das Zweite Vatikanum als Student und junger Kaplan mit: „Natürlich haben wir sehr viel vom Konzil erwartet.“ Auf einmal sei es möglich geworden, die Liturgie in der Muttersprache zu feiern. „Wir haben sofort alle Möglichkeiten ausgeschöpft.“ Die Kapläne – damals eine Gruppe von 120 jungen Priestern – seien sehr rasant, zum Teil auch recht provokant vorgeprescht: „Einmal sind die Kaplansvertreter zu einer Sitzung alle demonstrativ mit Krawatte statt dem Priester-Kolar erschienen.“

Ein Paukenschlag in dieser heftigen Zerreißprobe war der plötzliche Amtsverzicht von Bischof Schoiswohl zum Jahresschluss 1968. „Fast überfallsartig wurde durch den Rundfunk bekanntgegeben, dass Papst Paul VI. ein Rücktrittsgesuch von Bischof Dr. Josef Schoiswohl angenommen habe. Er selber hat dem Domkapitel gegenüber seinen Rücktritt als unumstößliche Tatsache bestätigt.“ So stand es auf der Titelseite des Sonntagsblatts vom 5. Jänner 1969 zu lesen – mit dem lapidaren Hinweis: „Die angegebenen Begleitumstände verbieten jeden voreiligen Kommentar.“ Bischof Schoiswohl sprach in einem Abschiedswort eine Woche später (siehe Spalte rechts) zumindest in Klammer von Bitterkeit, Hass und erbarmungsloser Kritik.

„Gehässigkeiten unter den Priestern hat es schon gegeben“, räumt auch Pfarrer Wallner ein. „Wir haben nicht bedacht, dass jede Erneuerung auch Zeit zum Wachsen braucht.“ Auf das stürmische Vorwärtsdrängen folgte auch manche Ernüchterung – etwa in der Frage des Zölibats: „Da haben wir uns mehr erwartet. Wir haben gehofft, dass die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt wenigstens diskutiert werden.“ Wallner erinnert sich, dass etwa 70 Priester in diesen Jahren ihr Amt verlassen haben: „Das war ein Aderlass, der uns sehr weh getan hat.“ Darunter seien sehr fähige Leute gewesen, deren Charismen als Theologen und Seelsorger so für die Kirche verloren gegangen seien. Dass sie nun einen anderen Beruf erlernen mussten, haben er und seine Kollegen nicht verstanden. Und die Frage brenne auch heute noch: „Es gibt keine Theologie des Scheiterns.“

Den jungen Kaplänen konnten die Umbrüche nicht schnell genug gehen, doch „es war auch eine Tradition da, die für viele tragenden Pfarrer nicht anzurühren war“. Manche seien mit diesen Wünschen nach Veränderung sofort in die Medien gegangen und hätten dadurch polarisiert. Es kam zu einer Spaltung zwischen jenen, die sich in den Traditionen eingemauert hätten, und jenen, die die Fenster öffnen wollten: „Gar nichts tun, wenn eine Gesellschaft sich ändert, geht nicht, aber nur schimpfen und schwarzmalen geht auch nicht.“ Er selbst habe gelernt, eher den Dialog zu suchen als den Kampf. Alfred Wallner erzählt von seiner ersten Begegnung mit Direktor Rudolf Kellermayr vom Akademischen Gymnasium bei seinem Dienstantritt als Domvikar. Dieser habe ihn gefragt: „Sind Sie eigentlich progressiv oder konservativ? Sie werden von beiden Seiten gelobt.“ Er habe das Glück gehabt, im Dompfarrhof in einer guten Gemeinschaft von ganz unterschiedlichen Priestern zu leben, „wo wir diese Themen durchdiskutiert haben“.

Bischof Weber, der im Alter von nur 42 Jahren Schoiswohl nachfolgte, habe nach Wallners Einschätzung „sehr gute Anfänge gesetzt“ und viel Wertvolles zur Versöhnung dieser beiden Lager beigetragen. „Seine Ernennung war eine Überraschung“, er sei in den Gesprächen nie vorgekommen. Doch sei er von allen Seiten gut aufgenommen worden. Bei seinem Amtsantritt bekannte Weber, dass er „durch und durch Optimist“ sei: „Wir gehen in Fröhlichkeit ans Werk, und fröhlichen Werkleuten gelingt viel.“ In seinem ersten Hirtenbrief schrieb er: „Haben Sie keine Furcht – es ist notwendig, dass Menschen verschieden denken, wenn sie nur rastlos bestrebt sind, zueinander immer wieder neue Brücken zu schlagen.“

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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