Interview
Ein synodaler Erfahrungsraum im Generalvikariat

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Nach einigen Wochen im Amt haben Katharina Grager und Alfred Jokesch vom SONNTAGSBLATT mit Weihbischof Johannes Freitag und Diözesandirektor Lukas Grangl ein Gespräch geführt. Über die Ausrichtung des neuen Generalvikariates, ihren Führungsstil und wie es geht, Leitung gemeinsam zu verantworten. 

Seit 1. September ist nicht nur der Posten des Generalvikars neu besetzt, es gibt auch eine strukturelle Veränderung – die sich so auswirkt, dass ihr das Generalvikariat zu zweit leitet. Was ist die Idee dahinter?
Lukas Grangl: Wir haben uns gemeinsam mit Bischof Wilhelm überlegt: Wie schaffen wir es, die Kirche im 21. Jahrhundert organisatorisch so aufzustellen, dass sie die Herausforderungen, die uns heute begegnen, gut bewältigen kann. Ein wesentlicher Gedanke lässt sich mit einem Blick auf die Kirche erklären: Wir haben als Kirche einerseits eine göttliche Sendung und zugleich eine menschliche Gestalt. Das wollen wir auch in unserer neuen Leitungsstruktur zusammenschauen. Bischof Johannes hält als Generalvikar den pastoralen Bereich im Blick. Meine Tätigkeit als Diözesandirektor betrifft die organisatorische und wirtschaftliche Seite.
Weihbischof Johannes Freitag: In unserer Form von Zusammenarbeit und gemeinsam verantworteter Leitung entstand damit in unserer Diözese ein synodaler Erfahrungsraum mehr. Die Arbeit erfüllt mich mit ernsthafter Freude. Wir arbeiten beide mit sehr großer Leidenschaft, und unsere Tage verlaufen oft sehr unterschiedlich. Trotzdem treffen wir uns täglich für mindestens eine Stunde, um einander zuzuhören und so auch immer die Perspektive des anderen im Blick zu haben.

Wie kann man sich das Prinzip der „gemeinsam verantworteten Leitung“ konkret vorstellen?
Grangl: Wir teilen nicht den Generalvikar, sondern die Leitung des Generalvikariates. Das ist im deutschen Sprachraum nicht so neu. Wir haben uns vier deutsche Diözesen angeschaut, die ähnliche Modelle haben, um uns Inspiration zu holen für die Bedürfnisse der steirischen Kirche. Wir haben uns auch eine Geschäftsordnung gegeben, um vorab festzulegen, wer welche Bereiche verantwortet oder wie Entscheidungen gefällt werden.

Müsst ihr euch immer einig sein?

Freitag: Grundsätzlich werden wir es immer anstreben, Entscheidungen gemeinsam zu tragen. Sollte der Fall eintreten, dass wir uns nicht einigen können, käme dem Generalvikar in grundsätzlichen Fragen ein Richtungsweisungsrecht zu. Aber das ist nichts, was ich möchte. Ich fühle mich mit dem Rucksack der Leitung viel wohler, wenn wir ihn gemeinsam schultern. Vieles muss auch erst mit Leben gefüllt werden. In der Theorie haben wir uns bestmöglich vorbereitet. Seit 1. September sammeln wir Erfahrungen.

Wie ist die Bezeichnung „Diözesandirektor“ entstanden?
Grangl: Wir haben uns das vom Profil, also von den Aufgaben und Funktionen her angeschaut. Deshalb lautet die ganze Bezeichnung „Diözesandirektor für Ressourcen, Steuerung und Organisation“. Meine Tätigkeit hat viel mit dem Zusammenschauen von Einzelsträngen zu tun, die dann in gemeinsame Richtungen zu bündeln sind. Daher ist der „Direktor“ auch ganz wörtlich zu verstehen, vom lateinischen „dirigire“ – also richten/ausrichten – oder auch vom Englischen „direction“ – also Richtung.

Was steckt konkret hinter den Stichworten?
Grangl: Ich schaue die Planungen der wirtschaftlichen Belange sowie des Personals zusammen. Konkrete Beispiele meiner Arbeit sind die Erstellung mehrjähriger Personalpläne oder auch Gespräche über Zuschüsse für Einrichtungen. Die Verantwortung für das Personal ist zwischen uns aufgeteilt.
Freitag: Lukas hat das Verwaltungspersonal im Blick, ich bin für das pastorale Personal zuständig. Als Bischof liegt mir auch die mir aufgetragene Hirtensorge für unsere Priester sehr am Herzen.

Das sind sehr viele Menschen, die ihr da im Blick haben müsst, wie macht ihr das rein organisatorisch? Habt ihr Listen oder seid ihr Gedächtnisgenies?

Grangl: Ich mag Menschen und finde sie einfach hochinteressant. Ich denke, daher fällt es mir recht leicht, mir Gesichter und Namen einzuprägen. Wenn man Begegnungen für wichtig erachtet, dann bleiben sie auch im Gedächtnis.
Freitag: Ich habe das Glück, in dieser Ortskirche, in der Steiermark, groß geworden zu sein. Daher kenne ich viele. Bei neuen Mitbrüdern und MitarbeiterInnen freue ich mich darauf, sie mit der Zeit immer besser kennenzulernen. Anfangs präge ich sie mir „vom Sehen her“ ein, dann lerne ich, sie zuzuordnen, wo sie hingehören. Und wenn man dann miteinander in Beziehung tritt, Gespräche führt, dann prägen sich Namen und Gesichter von selbst ein.

Ihr wollt im kommenden Jahr alle Seelsorgeräume besuchen und habt schon damit begonnen. Welche Eindrücke habt ihr gewonnen?

Grangl: Wir haben bisher vier Seelsorgeräume besucht und dort schon große Vielfalt erlebt. Und auch Gemeinsamkeiten wahrgenommen. Das, was wir bei unseren Besuchen lernen, soll direkt in unsere Arbeit einfließen.
Freitag: Wir schauen uns an, wo in den Seelsorgeräumen Kirche lebendig ist. Wir wollen Erfahrungen miteinander teilen und herausfinden, was die Menschen brauchen, damit sie gut arbeiten können.
Grangl: Die Fragen, die uns antreiben, sind: Wo entsteht Pastoral? Wo geschieht Kirche? Wir sind überzeugt davon: Zwischen den Menschen! Dort, wo sie einander begegnen.

Viele nehmen wahr, dass es immer größere Seelsorgeeinheiten gibt, und haben das Gefühl, dass wir nur mehr den Mangel verwalten. Trifft das eurer Meinung nach zu?

Freitag: Wir erleben gesellschaftlich große Transformationen. Und die Kirche ist ein Teil des Ganzen. Wir sind als Kirche nahe bei den Menschen. Das ist unsere Stärke. Gegen den Trend des Rückzugs ins Private bleiben wir eine Institution, die Gemeinschaft stiftet und das Zusammenkommen großschreibt. Und in einer Zeit der stärkeren Vereinsamung müssen wir dranbleiben, Räume zu schaffen, wo Menschen andocken können, die sich nach anderen Menschen sehnen – für Jung und Alt. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass wir innerkirchlich nicht zu viel Nebeneinander tun. Da braucht es mehr Zusammenschau, über die eigenen Pfarrgrenzen hinaus.
Grangl: Ich glaube, wir denken oft zu klein von uns. Kirche wirkt viel im Stillen – zum Beispiel im karitativen, diakonalen Bereich und in der Seelsorge mit einzelnen. Was dort geschieht, können und wollen wir auch nicht an die große Glocke hängen. Und zugleich ist es enorm wichtig, besonders für die einzelnen Menschen. Kirche ist relevant und groß. Jeder Mensch hat eine Meinung zur Kirche. Die ist vielleicht nicht immer gut, aber wir sind im Gespräch. Und zu guter Letzt: Kirche ist ein großer Wirtschaftsfaktor, eine große Arbeitgeberin. Ich denke, auf Basis dessen können wir selbstbewusst auftreten.
Freitag: Kirche darf auch Reibebaum sein. Zum Beispiel im Blick auf eine Ethik des Friedens, der Medizin oder der Wirtschaft. Wir als Kirche stellen die wichtige Frage: Wie weit darf der Mensch gehen?

Im Blick auf euren Führungsstil: Was ist euch wichtig?
Freitag: Mir ist das „Wie“ sehr wichtig. Auch in Konflikten oder schwierigen Situationen ist es mir wichtig, auf eine gute Art Klarheit zu schaffen. Denn Klarheit ermöglicht Gestaltung. Und eventuell ist es manchmal auch möglich, Perspektiven zu verändern. Am Ende geht es nicht um mich. Ich bin einer, der geistlich leitet. Im Blick auf mein Leben oder das Leben von Priestern frage ich: Was hat Gott mit uns vor? Wo möchte er uns weiterführen? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Manches muss man geschehen lassen und es erschließt sich erst im Blick zurück.
Grangl: Führung hat für mich die Aufgabe, Probleme zu lösen. Das verstehe ich als eine Art Dienst, einen der wertvollsten, den wir an unseren KollegInnen tun können.
Freitag: Als Kirche haben wir eine gemeinsame Sendung und in diese gemeinsame Sendung vieler Berufungen muss sich der priesterliche Dienst verstärkt integrieren und verstehen: „Ich bin nicht allein“. Wir müssen Vertrauen haben, dass Gott uns die Berufungen schenkt, die wir brauchen – und ich bin überzeugt, sie sind da! Ich war außerdem lange genug Priester, dass ich auch um die Dilemmata weiß. Wir müssen darauf achten, dass die Identität des Weltpriesters eine solche wird, dass man mit Freude arbeiten kann.
Da sehe ich unsere Aufgabe – auch im Blick auf die Zukunft –, dass wir einen Rahmen schaffen, in dem Priester und alle Frauen und Männer, die von Gott berufen sind im haupt- und ehrenamtlichen Bereich der Seelsorge, ihre Berufung so leben können, dass sie eine Freude daran haben. Wenn Priester oder andere Haupt- oder Ehrenamtliche ihre Berufung mit Freude leben, dann sind sie das beste Zeugnis und das größte Rufzeichen, damit Menschen über ihre eigene Berufung nachzudenken beginnen.
Grangl: Der Begriff der guten Rahmenbedingungen ist ganz wesentlich für unsere Arbeit im Generalvikariat. Einerseits schauen wir zusammen: Was ist möglich und was ist realistisch? Und wir versuchen den Balanceakt zwischen dem, was wir an Möglichkeiten haben und was wir tun wollen. Und wir wollen viel tun! Die dazu passenden Rahmenbedingungen zu schaffen, ist eine Kernaufgabe von uns. Es gilt dabei aber nicht nur im Heute zu wirken, sondern die Voraussetzungen zu schaffen, damit Kirche auch in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren handlungsfähig bleibt.

Bischof Johannes, du warst ja Bischofsvikar für synodale Kirche. Wie wird diese Aufgabe weitergeführt?
Freitag: So betrachtet, wird das Thema jetzt durch unsere Arbeit miteinander noch viel stärker gelebt als davor. Und wir haben es strukturell verankert: Es gibt ein Referat für synodale Kirche, das beim Generalvikariat angedockt ist, wo das Thema weiterverfolgt wird. Dort wird weiter daran gearbeitet, die synodale Haltung bei uns in der Diözese zu stärken.

Wenn man so eine Leitungsaufgabe miteinander übernimmt – dann ist es von Vorteil, wenn die „Chemie“ zwischen den zwei Menschen stimmt. Wie ist das bei euch? Was schätzt ihr aneinander?
Grangl: Bischof Johannes bringt eine hohe pastorale Kompetenz mit und aus seinen bisherigen Diensten enorm viel Erfahrung. Das bereichert unser gemeinsames Tun ungemein. Und er hat scheinbar endlos Energie. (lacht)
Freitag: Ich schätze an Lukas seine berufliche Erfahrung. Er ist, so wie ich, ein Theologe mit wirtschaftlicher Ausbildung. Außerdem ist er verheiratet und Vater – damit ergänzt er unser Arbeiten um viele Perspektiven. Und ich schätze seine ruhige Herangehensweise und seine große Gelassenheit. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie man ihn auf die Palme bringt. (lacht)

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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