Soko Jordan
Wer beim Erntedank Undank erntet
- Fett oder fruchtig? Welche Erträge meiner Arbeit finden Anerkennung? Kain fühlt sich im Vergleich mit Abel benachteiligt. Das Glück des anderen stürzt ihn ins Unglück. Sein Zorn entlädt sich am Bruder – mit tödlichen Folgen.
- Foto: Cartoon: Josef Promitzer
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Folge 7: Der Brudermord Kains an Abel
Den ersten Mord in der Bibel begeht Kain an seinem Bruder Abel.
Der erste Mord der Welt ist ein Brudermord. Eifersucht und Neid sind die Motive. Das erste Geschwisterpaar, von dem die Bibel erzählt, heißt Kain und Abel. Die beiden Söhne von Adam und Eva sind beide in der Landwirtschaft tätig: Kain ist Ackerbauer, während Abel seine Brötchen mit Schafzucht verdient.
Beide wissen, dass Gott der Urheber des Lebens ist und sie nicht allein auf sich selbst stolz sein können, wenn ihr Tagewerk gelingt. So feiern die beiden, was in nahezu jeder Pfarre und in jedem Seelsorgeraum in diesen Wochen begangen wird: das Erntedankfest. Die Brüder danken Gott und opfern ihm, je nach ihren Erträgen: Kain bringt „eine Gabe von den Früchten des Erdbodens dar“ (Gen 4,3), Abel eine Gabe „von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett“ (Gen 4,4).
Und wie es bei Bruderzwisten oft so ist: Einer von beiden fühlt sich nicht gesehen und wird zornig. Gott nämlich schaute „auf Abel und seine Gabe, aber auf Kain und seine Gabe schaute er nicht“ (Gen 4,5). Die Bibel schildert ganz anschaulich, wie sich in Kain massive Wut aufbaut, indem sie davon spricht, dass es den Ackerbauern ganz heiß überläuft. Nun wendet sich Gott auch ihm zu und ermahnt Kain, dem bösen Verlangen in ihm nicht nachzugeben. Zu spät: Kain spricht mit seinem Bruder Abel – worüber, das erfahren wir nicht. Es dürfte seinen Zorn jedenfalls nicht gemindert haben: Auf dem Feld tötet Kain den Abel. Über die Tatwaffe ist uns nichts überliefert, und auch darüber, was danach mit dem Leichnam geschieht, erfahren wir nichts.
Diese Erzählung ist in der Auslegungsgeschichte ganz unterschiedlich gedeutet worden. Manche wollen in der mörderischen Geschichte den Urkonflikt zwischen Ackerbau und Viehzucht und damit zwischen Sesshaften und Nomaden ausgemacht haben. Der Religionswissenschaftler René Girard formulierte die Theorie, dass sich das dem Menschen innewohnende Gewaltpotential bei Abel durch das Schlachten seiner Tiere entladen konnte, während sich dem Landwirt Kain dafür kein Ventil bot: Seine Gewalt richtet sich daher auf den Bruder, den er anstelle eines Opfertieres umbringt.
Wie verfährt Gott mit dem Mörder Kain? Erhält dieser eine lebenslange Haftstrafe? Oder ereilt ihn gar selbst der Tod? Auch in dieser Stelle zeigt sich, dass Gott ein Gott des Lebens ist, dem es nicht um Vergeltung und Rache geht. Gott ist und bleibt dem Menschen bedingungslos zugewandt, auch wenn dieser Schreckliches verübt.
Dies wird auch an Kain sichtbar: Gott stattet ihn mit dem sogenannten Kainsmal aus, einem Schutzzeichen, das ihn davor bewahren soll, selbst wegen seiner Tat getötet zu werden. Es geht hier um Schutz für den Täter. Der Gott des Lebens durchbricht damit die ungehemmte Gewaltspirale und schenkt auf diese Weise Hoffnung, dass das sinnlose Töten der Menschen untereinander irgendwann aufhört.
Josef Promitzer
Aktenvermerk
Kain ist nach Gen 4 der erste Sohn von Adam und Eva und der Vater von Henoch. Er wurde Ackerbauer. Sein Name bedeutet möglicherweise „Schmied“.
Abel ist der zweite Sohn Adams und Evas. Sein Name bedeutet „Hauch“, „Nichtigkeit“. Er wurde Schafhirt und somit zum Urbild der Nomadenkultur.
Der Konflikt zwischen den beiden Brüdern kann als mythische Erzählung über die kulturhistorische Spannung zwischen nomadischen Hirten und sesshaften Bauern betrachtet werden.
Das Kainsmal, mit dem Gott den Brudermörder bezeichnet, soll diesen vor Blutrache schützen und eine Eskalation der Gewalt unterbinden.
Das Land Nod, in dem sich Kain nach seiner Tat niederlässt, bedeutet „heimatlos“, „ruhelos“ – im Gegensatz zum Garten Eden (= „Wonne“).
Im Neuen Testament wird Abel mehrmals erwähnt. In Mt 23,35 ist „vom Blut Abels, des Gerechten“ die Rede, das unschuldig vergossen wurde. Der Hebräerbrief führt Abel als Beispiel des rechten Glaubens an: „Aufgrund des Glaubens brachte Abel Gott ein besseres Opfer dar als Kain; durch diesen Glauben erhielt er das Zeugnis, dass er gerecht war, was Gott durch die Annahme seiner Opfergaben bezeugte; und durch den Glauben redet Abel noch, obwohl er tot ist.“ (Hebr 11,4) So wird er zu einem Urbild Christi, dessen Blut als Mittler des neuen Bundes „mächtiger ruft als das Blut Abels“ (Hebr 12,24).
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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