Syrien
Trotz allem Dialog
- Materielle Einfachheit, spiritueller Reichtum: Im Kloster Mar Moussa existiert Gegensätzliches neben- und miteinander. Im Bild: Der christliche Ordensmann Dschihad und seine Mitschwester, die Ordensfrau Houda, beim gemeinsamen Laudes-Gebet am frühen Morgen.
- Foto: Gautier/KNA 2024
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Syrien ist immer noch als Kriegsgebiet präsent. In einigen Klöstern lebt dennoch der muslimisch-christliche Dialog.
Der Duft nach Kardamom, das Licht am Morgen in der Wüste, vor allem aber: das Gefühl, angekommen zu sein im Leben.“ So lautet Annette Neutzners Antwort auf die Frage, was sie empfindet, wenn sie an ihre Zeit in Syrien denkt. Ein knappes Jahr verbrachte die gebürtige Salzburgerin 2005 im arabischen Land, das zwischen Israel, dem Libanon, Irak, Türkei und dem Mittelmeer liegt. Die intensivste Zeit davon im Kloster Mar Moussa.
Der selbe Ort, acht Jahre später. 2013 tobt in Syrien ein Krieg, der erst 2024 für beendet erklärt sein wird. Auch das Kloster Mar Moussa bleibt nicht verschont. Seit Kriegsbeginn 2011 kommt kaum jemand von auswärts in die vom Jesuiten Paolo Dall’Oglio wiederbegründete Gemeinschaft. In den 1980er-Jahren hat der gebürtige Italiener das Kloster im Fels mit Blick über die Wüste ChristInnen aus altorientalischen, orthodoxen und anderen Kirchen geöffnet. In besonderer Weise aber widmete sich Pater Paolo dem Dialog mit dem Islam. Als er trotz Landesverweises Ende Juli 2013 in das damalige Rebellengebiet im Osten Syriens reist, wird er von Mitgliedern der Organisation „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ entführt. Bis heute ist der Ordensmann spurlos verschwunden.
Wenige Monate später wird einer seiner Mitbrüder – der in den Niederlanden geborene Frans van der Lugt – im Garten der Jesuitenniederlassung in Homs erschossen. Der 75-jährige Psychotherapeut war auch bekannt für seine interreligiösen Friedensmärsche, weiß Annette Neutzner. Bis zu hundert Gläubige hätten daran oft teilgenommen, erzählt sie. ChristInnen ebenso wie MuslimInnen.
Sie selbst habe das Kloster in Friedenszeiten als Oase der Offenheit und der Einfachheit erlebt. „Man ist dort mit ganz wenigem zufrieden, braucht nicht viel und spürt die Gemeinschaft im Alltag stark.“ Laudes von acht bis zehn Uhr früh, danach Frühstück und Arbeit in der Küche, der Käserei oder beim Klosterputz. Zum Essen um 15 Uhr habe man sich wiedergetroffen, danach war Freizeit bis zur Abendmesse. In der Liturgie wurden Bibel-Psalmen gesungen und in der einmal im Jahr stattfindenden christlich-muslimischen Dialogwoche zusätzlich Suren aus dem Koran, erinnert sich die Pastoralreferentin an ihr Syrien-Jahr 2005.
Liebe im Namen Christi. Dann, im Jahr 2021: Der Krieg in und um Syrien ist noch nicht vorbei, aber die Klostergemeinschaft von Mar Moussa schreibt im Dezember in einem Brief: „Mit Freude und Elan haben wir uns entschieden, gemeinsam unser monastisches Leben auf der Grundlage unserer drei Prioritäten – Gebet, Handarbeit und Gastfreundschaft – fortzusetzen und uns vom Horizont der Harmonie und Freundschaft mit dem Islam und den Muslimen, die wir im Namen Christi lieben, wie er sie liebt, anziehen zu lassen.“ Angesichts einer halben Million Menschen, die bis 2024 im Krieg gestorben sind und mehr als 13 Millionen, die flüchten mussten, ein umso deutlicheres Bekenntnis zur Liebe und zum Dialog.
Anna Maria Steiner
- ater Jacques Mourad, Mitbegründer des Klosters Mar Moussa, wurde im Krieg entführt, kam frei und ist nun Erzbischof der syrisch-katholischen Kirche in Homs.
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Im Originalton
Annette Neutzner, Künstlerin und Pastoralassistentin in der Pfarre Salzburg-Itzling, lebte im Kloster Mar Moussa mit. (Annette.Neutzner@eds.at)
Den Horizont weiten
Was zog dich nach Syrien ins Kloster?
Ich wollte „die arabische Welt“ kennenlernen und arbeitete 2005 im Libanon in einem Heim für Kinder mit Behinderungen. In der Zeitung las ich über das Kloster Mar Moussa und darüber, dass dort jeder Mensch willkommen sei. Ich fuhr hin, blieb eine Woche und wusste: Ich musste wiederkommen.
Was war besonders an diesem Ort?
Zwei Gegensätze faszinierten mich: Einerseits das einfache, karge Klosterleben in der Wüste, wo es nichts gab, außer Sand und Steine. Und auf der anderen Seite die Wärme der Klostergemeinschaft und ihre Offenheit für alle, die mitlebten. Das Schönste war für mich das gemeinsame, oft gesungene Gebet von Besuchern und Ordensleuten, aber auch unter katholischen Bischöfen und muslimischen Imamen.
Was davon fließt in deine aktuelle pastorale Arbeit ein?
Das größte Geschenk, das ich in Syrien bekommen habe, ist meine „Horizont-erweiterung“. In einer Gebetsnacht habe ich gespürt, dass wir alle zu dem „Einen Gott“ beten und dass es möglich ist, den eigenen Glauben gemeinsam mit Menschen einer anderen Religion zu feiern. Für März 2027 habe ich für Interessierte eine Reise nach Marokko ausgeschrieben. Mit anderen Gläubigen möchte ich dort in der Wüste Gott nahe sein – singend, betend und in der Stille.
- Frieden. Fotos, wie das von einer Freundin und Ordensfrau aus Mar Moussa geschickte, halten Annette Neutzners Erinnerungen an die Zeit im Wüstenkloster wach.
- Foto: Fadoul
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Ein Ort für alle
Gebet und Gastfreundschaft sind zentral in Mar Moussa.
Das Kloster Saint-Moise l’Abyssin (arabisch: Dair Mar Moussa al-Habaschi, kurz: Mar Moussa) liegt inmitten einer syrischen Gebirgswüste und ist benannt nach einem Prinzen, der sich im 6. Jahrhundert in eine Höhle auf 1320 Metern Höhe zurückzog, um dort ein Leben in Askese zu führen.
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Das heutige Kloster wurde auf einem Felsvorsprung errichtet und steht teils auf den Grundmauern eines noch von den Römern errichteten Wachturmes. Es befindet sich etwa 12 km von Nabek entfernt, einer Kleinstadt 80 km nördlich von Syriens Hauptstadt Damaskus. Im 14. Jahrhundert wurde das Kloster teilweise umgebaut und erweitert, die Klosterkirche stammt aus dem 11. Jahrhundert.
Nach langem Leerstand wurde das Kloster Mar Moussa in den 1980er-Jahren als Ort des Dialogs zwischen Konfessionen und Religionen von Jesuiten wie Paolo Dall’Oglio und Jacques Mourad wiederbelebt.
- Aus der Zeit. Etwa 80 km nördlich von Damaskus erhebt sich, im Norden des Qalamoun-Gebirges im Grenzgebiet zum Libanon gelegen, das Kloster Mar Moussa.
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Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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