Stichwort: Schöpfungsgeschichte
Tausend Jahre sind ein Tag

Schaut Gott zufrieden, staunend und vergnügt auf seine Schöpfung herab wie auf eine riesige Modelleisenbahn, in der sich das Leben tummelt? Eher nicht. Sein Geist ist in jedem Augenblick am Wirken. Auch für den heutigen Tag gilt: „Gott sprach … und es wurde …“ | Foto: Jokesch
  • Schaut Gott zufrieden, staunend und vergnügt auf seine Schöpfung herab wie auf eine riesige Modelleisenbahn, in der sich das Leben tummelt? Eher nicht. Sein Geist ist in jedem Augenblick am Wirken. Auch für den heutigen Tag gilt: „Gott sprach … und es wurde …“
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Gott sah, dass es gut war. Das biblische Schöpfungsepos im Buch Genesis entwickelt eine lyrische und bildhafte Kosmologie. Ursprung und Ziel der Schöpfung liegen in Gott.

Wer hat recht, die Bibel oder die Naturwissenschaften? Bei der Lektüre der biblischen Schöpfungsgeschichte drängt sich diese Frage auf. Da ist von sechs Tagen die Rede, an denen Gott die Welt erschuf, bevor er am siebten Tag geruht hat. Laut aktuellem Forschungsstand hingegen ist unser Sonnensystem vor über 4,5 Milliarden Jahren entstanden, der Urknall als Beginn des Universums liegt etwa 13,8 Milliarden Jahre zurück, und den „Homo sapiens“ gibt es seit 300.000 Jahren. Da tun sich doch erhebliche Widersprüche auf.
Wer so argumentiert, wird allerdings der literarischen Gattung des biblischen Textes nicht gerecht und verfehlt dessen Intention und Sinn. Vom deutschen Lyriker Reiner Kunze gibt es das ironische „Gedicht mit der frage des lehrers“:

Plötzlich, eines morgens im april, parkten
postautos längs der straße, halb
in den vorgärten, halb auf dem asphalt

Und was will der dichter damit sagen?
Über nacht hat der goldregen
die zäune niedergeblüht

Niemand wird hier auf die Idee kommen, dem Dichter mangelnde Kenntnis von Postautos zu unterstellen. Auch nicht, dass er das Parkverhalten der Zusteller kritisieren wolle. Es ist selbstredend, dass die blumige, metaphorische Sprache eines Gedichts zwischen den Zeilen eine ganz andere Geschichte erzählt. Und die gilt es für die Leserin und den Leser assoziativ, fantasie- und lustvoll zu entdecken.

Nicht Bericht, sondern Lobpreis
Gleiches trifft auf die Schöpfungsgeschichte in der Bibel zu, die oft missverständlich als „Schöpfungsbericht“ ausgewiesen wird. Sie erhebt nicht den Anspruch, eine sachkundliche Abhandlung über die Entstehung der Welt zu bieten. Es ist ein lyrischer Text, ein Epos, ein Hymnus. Das zeigt schon seine rhythmische Struktur, der Aufbau in sieben Strophen, die jeweils – wie bei einem Refrain – beginnen mit „Dann sprach Gott …“ und enden mit „Es wurde Abend und es wurde Morgen …“.
Das erste Kapitel der Bibel beabsichtigt nicht, die Schöpfung zu erklären, sondern den Schöpfer zu preisen. Es geht darin weniger um das Was und Wie als um die Fragen: Wodurch ist die Welt entstanden? Wo liegt – nicht zeitlich, sondern ursächlich – der Ursprung des Universums? Was ist das Wesen alles Seienden, und wozu ist es da? Was ist das Ziel der Schöpfung? Dieser Schöpfungshymnus kleidet die biblische Kosmologie in anschauliche Bilder. Wer kann sich schon 13 Milliarden Jahre vorstellen? Aber: „Es wurde Abend und es wurde Morgen …“ Das kann man sich gut vorstellen. In einem Psalm beten wir: „Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist“ (Ps 90,4). Aus der Perspektive Gottes gelten andere Kategorien von Raum und Zeit.
Eine Kosmologie ist hier freilich dennoch erkennbar. So spricht aus dem Epos die Überzeugung, dass die Welt nicht einfach schon immer da war und auch nicht durch Zufälle entstanden ist. Sie entspringt dem Willen Gottes, seinem Geist und seiner Weisheit. Gott spricht sein Wort in die Welt hinein, und dieses Wort ist kraftvoll und kreativ, es ruft etwas ins Dasein. Geist und Energie gehen der Materie voraus. Und immer wieder heißt es: „Gott sah, dass es gut war.“ Alles entspringt seiner Liebe.

Schöpfung ist ein fortwährender Prozess
Die Unterteilung in Schöpfungstage zeigt an, dass die Welt nicht auf einmal erschaffen wurde und nichts Fertiges ist. Kreation ist nicht Konstruktion. Sie folgt keinem Plan, sie folgt dem Leben. Sie ist noch immer im Werden, und der siebte Tag, der Tag der Vollendung, der Vereinigung der ganzen Schöpfung mit Gott, steht erst bevor. Wir sollen uns Gott nicht wie den Erbauer einer riesigen Modelleisenbahn vorstellen, der sich nach getaner Arbeit an seinem Werk erfreut, es in Betrieb nimmt und gelegentlich korrigierend eingreift, wenn wo ein Zug entgleist ist.

Auch die Abfolge der Schöpfungswerke ist wohldurchdacht und folgt in ihren Schritten erstaunlich präzise dem, was die modernen Wissenschaften über die Entstehung des Universums und die Entwicklung des Lebens herausgefunden haben. Gott scheidet den Tag von der Nacht und den Himmel von der Erde. So entstehen Zeit und Raum. Er scheidet das Meer vom Land und macht den Raum zum Lebensraum. Die ersten Tiere entstehen im Wasser, von dort aus erobern sie das Land und die Lüfte. Und schließlich – als sein Bild und Krone der Schöpfung – folgt am letzten Schöpfungstag der Mensch.

Das Schöpfungsepos ist ein Lobpreis – getragen von der Gewissheit, dass Gott an seiner Schöpfung Freude hat und sie liebt. Und von der Dankbarkeit, dass wir Menschen, die wir in ihr leben, diese Freude mit ihm teilen dürfen.

Alfred Jokesch

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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