Soko Jordan
Nichtstun als Straftat?
- Die Idylle trügt: Sandstrand, Meer und eine Schiffsreise müssen nicht zwangsläufig mit Urlaubsfreuden einhergehen. Für den Propheten Jona sind diese Sehnsuchtsorte – wie auch heute für zahlreiche Menschen – Schauplätze einer abenteuerlichen Flucht.
- Foto: Cartoon: Josef Promitzer
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Folge 4: Der Fall Jona
Unterlassungsklage gegen Jona. Keine Urlaubskreuzfahrt, sondern Flucht vor Verantwortung.
Gerade in der Sommerzeit kann die Sehnsucht nach Urlaub groß werden. Besonders zeigt sich dies im Wunsch, einmal nichts tun zu müssen. Das kann doch kein Verbrechen sein. Oder doch?
Der Prophet Jona (von ihm wird im gleichnamigen, sehr kurzen und gut lesbaren Buch im Alten Testament erzählt) tut nicht gerade nichts, im Gegenteil: Er tut nahezu alles, um den Auftrag Gottes nicht erfüllen zu müssen. Eben noch hat ihn der Höchste angewiesen, in seinem Namen die Stadt Ninive aufzusuchen. Den Menschen dort soll Jona die Botschaft überbringen, dass sie dem Untergang geweiht sind, sollten sie sich nicht zu Gott bekehren.
Das klingt hart. Und doch weiß Gott, Herr des Himmels und der Erde und zugleich ganz Pädagoge, dass es manchmal schärferer Worte seinerseits bedarf, um seine geliebten Menschen ihm und seiner Liebe wieder nahe zu bringen. Jona jedenfalls gebärdet sich wie ein Kind, dem zum wiederholten Mal aufgetragen wurde, nun endlich sein Zimmer aufzuräumen: Er hat so gar keine Lust und wird bockig.
Daran, dass Gott es mit dem Untergang Ninives ernst meinen könnte und dass Jona möglicherweise mitverantwortlich dafür ist, weil er die Stadtbewohner und -bewohnerinnen nicht gewarnt hat, daran denkt er in diesem Moment wohl nicht. Dabei ist das Verhalten dieses eigenwilligen Propheten verständlich: Manche Aufgaben, die das Leben an uns heranträgt, erscheinen unangenehm. Da kann das große Ganze schon mal aus dem Blickfeld geraten, so dass man nur mehr sich selbst sieht.
Der überforderte Jona nimmt seine Verantwortung nicht wahr und flüchtet. Juristisch könnte man hier möglicherweise von einem Unterlassungsdelikt sprechen, denn Unterlassung kann eine Straftat sein. Als Unterlassungsdelikt wird im Gesetz die Untätigkeit in einer Situation beschrieben, in der es geboten wäre, zu handeln (z.B. unterlassene Hilfeleistung oder die Nichtanzeige einer geplanten Straftat).
Jona jedenfalls tritt gehetzt eine Schiffsreise an. Denn der Prophet „wollte nach Tarschisch fliehen, weit weg vom Herrn“ (Jona 1,3). Dieser aber schickt einen mächtigen Sturm. Um nicht unterzugehen, gesteht Jona den Seeleuten, dass er der Grund für das Unwetter ist und schlägt vor, sich ins Meer werfen zu lassen, um die Besatzung und die Fracht zu retten.
Bei einem Prozess wegen Unterlassung könnte man Jonas Opfer für seine Mitreisenden vielleicht als mildernde Umstände anerkennen. In einem Spruch heißt es: „Gnade ist, wenn du einen Hai verdienst, Gott dir aber einen Wal schickt. Frag Jona.“
Was dann kommt, kennen wir. Es gibt ein Happy End. Ninive bekehrt sich – sogar die Tiere (Jona 3,8) – und Gott vermeidet es, die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Und Jona? Er muss zur Strafe in der Sonne sitzen. Es gibt wohl Schlimmeres.
Josef Promitzer
Aktenvermerk
Protokoll einer Flucht
Das Wort des HERRN erging an Jona: Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, der großen Stadt, und rufe über sie aus, dass ihre Schlechtigkeit zu mir heraufgedrungen ist.
Jona machte sich auf den Weg; doch er wollte nach Tarschisch fliehen, weit weg vom HERRN. Er ging also nach Jafo hinab und fand dort ein Schiff, das nach Tarschisch fuhr. Er bezahlte das Fahrgeld und ging an Bord. … Der HERR aber warf einen großen Wind auf das Meer und es entstand ein gewaltiger Seesturm und das Schiff drohte auseinanderzubrechen. Jona 1,1–4
+++ Jona antwortete ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, damit das Meer sich beruhigt und euch verschont! Denn ich weiß, dass dieser gewaltige Sturm durch meine Schuld über euch gekommen ist.
Jona 1,12
+++ Der HERR schickte einen großen Fisch, dass er Jona verschlinge. Jona war drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches. Da betete Jona zum HERRN, seinem Gott, aus dem Inneren des Fisches heraus.
Jona 2,1–2
+++ Da befahl der HERR dem Fisch und dieser spie den Jona an Land. Das Wort des HERRN erging zum zweiten Mal an Jona: Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive … und rufe ihr all das zu, was ich dir sagen werde! … Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott.
Jona 2,11–3,4
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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