Stichwort: Pfingsten
Gottes Finger und die Feuerflammen

Emil Nolde, Pfingsten, 1909, Öl auf Leinwand, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin. | Foto: Nolde Stiftung Seebüll/bpk/Nationalgalerie, SMB/Jörg P. Anders
  • Emil Nolde, Pfingsten, 1909, Öl auf Leinwand, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin.
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Mit den Juden feiern wir Christen zu Pfingsten die Gabe der Tora an Israel am Sinai und die Gabe des Offenbarungsgeistes in die Herzen aller Gläubigen.

In dem amerikanischen Filmepos „Die Zehn Gebote“ (1956) stellt der Regisseur Cecil B. DeMille die Offenbarung der Zehn Gebote am Berg Sinai so dar, dass Gott aus der Feuersäule die Gebote jeweils zunächst mündlich kundtut und sie dann sofort anschließend mit Feuerflammen, die wie eine Hand aus der Feuersäule herauskommen, in die Steintafeln fräst. Der Film nimmt damit eine jüdische Interpretation der Sinai-Ereignisse auf.

Pfingsten
Fünfzig Tage nach dem Paschafest gedenkt Israel der Sinai-Ereignisse. Dort schenkte Gott nach der Befreiung seinem Volk die Tora, die Offenbarung seines Willens und konstituiert das eben erworbene Volk als sein Volk. Der Sklaverei des Pharaos entkommen, tritt es ein in die Freiheit der Kinder Gottes unter seinem freimachenden Gebot. Pfingsten ist damit der Geburtstag des Volkes Gottes.
In der griechischen Bibel heißt das Wochenfest pentēkostē (= der fünfzigste Tag), wovon sich das deutsche „Pfingsten“ herleitet.
Die Gabe der Tora am Berg Sinai erfolgte nach Ex 19,18 unter spektakulären Umständen: „Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, denn der HERR war im Feuer auf ihn herabgestiegen.“

Auf Stein geschrieben
Die Niederschrift der Zehn Worte auf die steinernen Tafeln besorgte nach Ex 31,18 Gott selbst: „Nachdem der Herr aufgehört hatte, zu Mose auf dem Berg Sinai zu sprechen, übergab er ihm die zwei Tafeln des Bundeszeugnisses, steinerne Tafeln, beschrieben vom Finger Gottes.“
Der Evangelist Lukas kannte natürlich diese Tradition über die Offenbarung der Tora am Pfingstfest. Darum beschreibt er in Apg 2,1–3 die Pfingstereignisse in Jerusalem mit diesen Worten: „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“

Auf Herzen geschrieben
Was am Gottesberg Sinai geschehen war, wiederholte sich in Jerusalem auf dem Zion, dem „Berg des Herrn“ (Jes 2,3). Petrus deutet in seiner Pfingstpredigt die Ereignisse als Geistausgießung nach Joel 3,1–5, die alle Anwesenden zu mosegleichen Propheten macht. Wiederum kam Gott im Sturm und in Feuerflammen herab. Wiederum schrieb er mit dem Heiligen Geist, der der Finger Gottes ist (Lk 11,20) sein Wort durch eine Flammenschrift auf die Tafeln, dieses Mal aber nicht auf Tafeln von Stein, sondern auf die „Tafel des Herzens“ (Spr 3,3), wie Jeremia (31,31.33) angekündigt hatte: „Siehe, Tage kommen – Spruch des HERRN –, da schließe ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund. Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben.“

Finger Gottes
Die in Jerusalem um die Apostel versammelten Juden aus dem Land Israel und der Diaspora werden jetzt vom Heiligen Geist als dem Finger Gottes beschrieben mit dem Wort Gottes. Der Heilige Geist schreibt es nicht auf „Tafeln aus Stein, sondern
– wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch“ (2 Kor 3,3). So erfüllte sich auch, was der Prophet Ezechiel (36,26–27) gesagt hatte: „Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres. Ich beseitige das Herz von Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch.“

Anfang der Kirche
Gott erneuerte zu Pfingsten in Jerusalem den Sinaibund mit Israel als „Neuen Bund“. Die Apostel und all die anderen Zeugen dieses Pfingstfestes zogen bald als Missionare durch die damals bekannte Welt. So wurde Pfingsten, Geburtstag des Gottesvolkes am Sinai, auch zum Anfang der Kirche aus den Völkern. Ab Apostelgeschichte 10 treten Angehörige der nicht-israelitischen Völker zu diesem Israel des Neuen, das heißt erneuerten Alten Bundes hinzu. Damit entsteht die Kirche aus Juden und Heiden.

„Gib uns die Glut des Geistes“
Christen feiern mit den Juden an Pfingsten die Gabe der Tora an Israel am Sinai und die Gabe des Offenbarungsgeistes ins Herz aller Gläubigen, wie die Oration der Pfingstvigil nach der Exodus-Lesung es aussagt:
„Gott, du hast am Berg Sinai in Blitz und Feuer Mose das alte Gesetz gegeben und an eben diesem Tag den Neuen Bund im Feuer des Geistes offenbar gemacht; gib uns stets die Glut jenes Geistes, den du deinen Aposteln in unaussprechlicher Weise eingegossen hast, und lass das erneuerte Israel, aus allen Völkern versammelt, das ewige Gebot deiner Liebe freudig annehmen.“

Dieter Böhler: Der Finger Gottes und die Feuerflammen. Pfingsten im Alten und im Neuen Testament, (gekürzt). Zuerst erschienen auf: communio.de

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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