Stichwort: Gott als Mutter
Die mütterliche Seite Gottes

„Ihre Kinder wird man auf den Armen tragen und auf den Knien schaukeln.“ (Jes 66,12c) Was der Prophet Jesaja in einer endzeitlichen Vision für Jerusalem ankündigt, gründet in der Erfahrung der Gegenwart Gottes. | Foto: Pixabay
  • „Ihre Kinder wird man auf den Armen tragen und auf den Knien schaukeln.“ (Jes 66,12c) Was der Prophet Jesaja in einer endzeitlichen Vision für Jerusalem ankündigt, gründet in der Erfahrung der Gegenwart Gottes.
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Zum Muttertag drängt sich die Frage auf: Ist es legitim, zu Gott „Mutter“ zu sagen?
Eine Spurensuche in biblischen Quellen.

Jesus hat Gott seinen Vater genannt und in einer sehr vertraulichen Weise von ihm gesprochen. Die Anrede „Abba“ entspricht eher dem Kosenamen „Papa“. Sie lässt auf eine ganz innige Gottesbeziehung schließen, auf eine Wesensverwandtschaft, die Jesus so beschreibt: „Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist.“ (Joh 14,11) Darin klingt eine enge Verbundenheit an, an der wir beim Entwickeln unserer eigenen Gottesbeziehung Maß nehmen können. Aber wie weit ist dafür die geschlechtliche Zuordnung konstitutiv? Ist es verbindlich, dass wir Gott als Vater ansprechen, oder dürfen wir uns Gott auch als Mutter vorstellen?

Jedes Reden von Gott und mit Gott ist auf Begriffe und Bilder angewiesen, die unserer eigenen Erfahrungswelt entnommen sind. Nur so wird es konkret und bedeutsam. Wenn aber Gott der oder die immer Größere und ganz Andere ist, dann können solche Begrifflichkeiten stets nur Teilaspekte seines oder ihres Wesens erfassen. Sie sind als Analogie oder Gleichnis zu verstehen, nicht als erschöpfende Beschreibung der Wirklichkeit Gottes. Wenn die Darstellung der Gottesbeziehung sich an vertraute menschliche Beziehungsformen anlehnt, dann ist sie in männlichen und weiblichen Kategorien verhaftet, obwohl uns natürlich klar ist, dass Gott kein Geschlecht hat bzw. alle Geschlechter in sich vereint.

Gott ist Vater und Mutter
Auf dem Berg Sinai hat Gott geboten, sich kein Bild von ihm zu machen, um dieser hermeneutischen Falle auszuweichen. Lediglich der Mensch selbst ist davon ausgenommen, denn in der Schöpfungsgeschichte sagt Gott ausdrücklich: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ (Gen 1,26) Und er erschuf die Menschen „männlich und weiblich“ (Gen 1,27). Die Gottebenbildlichkeit des Menschen schließt also die Polarität und Komplementarität der beiden Geschlechter mit ein. Weder „Vater“ noch „Mutter“ können Gott zureichend beschreiben. Beides zusammen kann es schon eher.

Tatsächlich findet die Bibel an vielen Stellen Bilder, die auf mütterliche Merkmale Gottes hinweisen. So sagt etwa Mose, als die Israeliten sich beklagen, dass sie des Mannas überdrüssig seien, in trotzigem Tonfall: „War ich denn mit diesem ganzen Volk schwanger oder habe ich es geboren, dass du zu mir sagst: Trag es an deiner Brust, wie die Amme den Säugling trägt?“ (Num 11,12) Mose fühlt sich selbst in der mütterlichen Verantwortung, die Kinder Israels mit Nahrung zu versorgen, überfordert und mahnt diese von Jahwe ein, dem er so die Mutterrolle zuschreibt. Gott beantwortet die Frage nicht, gibt ihm jedoch recht, indem er Wachteln schickt. Kurz vor seinem Tod erinnert Mose mahnend sein Volk: „Du vergaßest den Gott, der dich geboren hat.“ (Dtn 32,18) Wie aus dem Mutterschoß sind wir demnach aus Gott hervorgegangen.

Durch den Propheten Jesaja verspricht Gott seinem Volk: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, ohne Erbarmen sein gegenüber ihrem leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht.“ (Jes 49, 15) Zur Erfahrung seiner Gegenwart im Tempel von Jerusalem lädt er das Volk Israel ein, „auf dass ihr trinkt und satt werdet an der Brust ihrer Tröstungen“ (Jes 66,11). Gott richtet ihm aus: „Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, so tröste ich euch.“ (Jes 66,13)

Geborgen wie im Mutterschoß
Diese Bilder sprechen die kindliche Mutterbeziehung an, die Geborgenheit, Wärme und Ernährung, Schutz, Wohlwollen und bedingungsloses Geliebt-Sein vermittelt – jene menschlichen Grunderfahrungen, die zur Ausbildung des Urvertrauens unerlässlich sind. Was wir im Mutterschoß und als Kleinkinder erlebt haben, ist eine wichtige Basis für den Glauben, indem wir es auf Gott übertragen. Der Apostel Petrus schreibt: „Verlangt wie neugeborene Kinder nach der unverfälschten, geistigen Milch, damit ihr durch sie heranwachst und Rettung erlangt!“ (1 Petr 2,2)

Auch in der Tierwelt findet die Bibel Verweise auf mütterliche Charakterzüge Gottes. Mose preist Gott dafür, dass er sein Volk behütet, „wie ein Adler sein Nest ausführt und über seinen Jungen schwebt, seine Schwingen ausbreitet, eines von ihnen aufnimmt und es auf seinem Gefieder trägt“ (Dtn 32,11). Der Prophet Hosea mahnt das abtrünnige Volk: „Ich falle sie an wie eine Bärin, der man die Jungen geraubt hat.“ (Hos 13,8) Jesus hält den Schriftgelehrten entgegen: „Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt.“ (Mt 23,37) Und Christus selbst wird in der geistlichen Tradition der Kirche gerne mit einer Pelikanmutter verglichen, die mit dem eigenen Blut ihre Küken nährt.

Alfred Jokesch

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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