Demenz
Mama im Moment
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Demenz. Von dieser Diagnose sind rund 21.000 Menschen in der Steiermark betroffen – und mit ihnen auch Angehörige. Eine Tochter erzählt.
Im Moment ist alles gut“, sagt Dagmar. Ihre Mama sei angekommen – bei netten MitbewohnerInnen, fürsorglichem Pflegepersonal und in einem hellen Zimmer, in dem sie nun mit einer zweiten Pensionistin wohnt. „Sie sagt selbst, dass es ihr gut geht“, sagt Dagmar – das spüre man. Doch für sie, die Tochter, werde es schwerer.
- Hilfe im Alltag. Fotos auf Türen; farbige Merkzettel, sprechende Zeitplaner: Alltagshilfen erleichtern Menschen mit Demenz die Organisation ihres Tages und fördern die Selbstständigkeit. Im Bild eine Kalenderuhr mit ausgeschriebenen Wochentagen zur Erleichterung der zeitlichen Orientierung.
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Veränderte Wahrnehmung. Welcher Wochentag ist heute? Wann muss ich meine Kleidung wechseln? Wie viele Lebensmittel soll ich einkaufen? Fragen wie diese stellen sich auch gesunde Menschen. Nicht jede Unsicherheit bedeutet schon Demenz. „Sie wird halt wunderlich“, denkt Dagmar, als ihre Mutter beginnt, in ihrer Lieblingskonditorei viel zu große Mengen an Mehlspeisen zu kaufen, die später oft im Müll verschwinden. Nach einem Demenztest im Spital wird ihre 1939 geborene Mama Erni vorerst mit niedrigstem Pflegegrad eingestuft. Trotz der „Verdacht auf Alzheimer“-Diagnose ist die Mutter im Alltag vorerst nicht beeinträchtigt. In ihrer barrierefreien, 50 Quadratmeter großen Wohnung mit Balkon ist sie zufrieden. Fixpunkte wie das frühmorgendliche Zeitung-Kaufen oder der Kaffeeplausch mit der Schwägerin strukturieren ihren Tag. Dagmar ist wichtig, dass Erni gesunde Nahrung zu sich nimmt. Sie organisiert Heimhilfe und „Essen auf Rädern“.
Leben mit Demenz. Doch Lebenswege ändern sich, und mit ihnen jene, die sie gehen. 2025 fällt Dagmar auf, dass ihre Mutter viel weniger Appetit als früher hat. Später erfährt sie, dass Personen mit demenzieller Erkrankung die Größe von Lebensmittelportionen oft unrealistisch einschätzen und Essen verweigern. „Die Wahrnehmung ist eine andere geworden“, sagt Dagmar.
So schnell wie möglich bespricht sie Schritte, die nötig werden könnten. Sie will, dass ihre Mutter Entscheidungen trifft, solange sie deren volles Ausmaß noch erkennen kann; eine Vorsorgevollmacht wird aufgesetzt. „Bis heute haben wir ein gutes Verhältnis“, sagt Dagmar, die ihre Mama als introvertiert und gleichzeitig gesellig beschreibt. Musizieren, Schifahren, Bergsteigen – über Jahrzehnte hätten die beiden Frauen vieles miteinander gemacht. „Mama hat so richtig von Herzen lachen können“, erzählt die Tochter. „Ihre Herzlichkeit hat mir immer so gefallen“, schwärmt sie, und: „Das alles geht mir jetzt schon furchtbar ab.“
Demenz ist keine Krankheit, sondern der Oberbegriff für krankhafte Veränderungen des Gehirns, die mit einem fortschreitenden Verlust geistiger Funktionen einhergehen – im Bereich von Lernfähigkeit oder Orientierung. Damit verbunden nehmen oft Denk- und Wahrnehmungsprozesse ab, und neben den kognitiven können auch emotionale oder soziale Fähigkeiten schwinden.
Österreichweit werden etwa 170.000 Menschen mit einer Form von Demenz vermutet. Aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung machen Frauen rund zwei Drittel der Betroffenen aus. Je nach Form und Ursache der Erkrankung können Kurzzeitgedächtnis, Denkvermögen, Sprache oder Motorik betroffen sein. Als häufigste Form einer Demenzerkrankung gilt Alzheimer. Auch Dagmars Mutter ist davon betroffen. Dass ihr Wortschatz sich verringert hat, sei Dagmar beim letzten Besuch aufgefallen. Und auch, dass Mamas Blick jetzt anders ist. Ein Blick, der immer öfter ins Leere zu gehen scheint.
Mama-Tag. „Im Moment weiß meine Mutter, dass ich ihre Tochter bin“, sagt Dagmar und erzählt von einer Eltern-Kind-Beziehung, die bis heute voller Liebe ist. Im Umgang mit Trauer und Schmerz helfe ihr die Familie: ihr Mann, die Schwester und die eigene Tochter. Wie es mit Erni weitergehe, das könne ohnehin niemand wissen. Im Pflegewohnhaus sei die Mutter gut aufgehoben. Dagmar besuche sie, so oft es ihre Kraft zulässt. „Ich hab auch meine Grenzen kennenlernen müssen“, sagt die 59-Jährige.
Reden, spazierengehen, sich umarmen: Den Muttertag verbringen Erni und Dagmar so, wie andere Tage auch. „Für mich ist jeder Tag ein Mama-Tag“, sagt sie. Das war stets so und wird für sie immer so sein.
Anna Maria Steiner
Im Originalton
- Peter Rosegger
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Peter Rosegger
ist Geschäftsführer vom Netzwerk Demenz Steiermark und Sohn von Eltern mit dementieller Erkrankung.
Brüchiger werdend
Mama war ein Kind der Kreisky-Zeit. Wirtschaftswunder und Haus im Grünen, Mann und drei Söhne. Der jüngste bin ich. Meine Eltern Edeltraud Maria und Herbert Rosegger glaubten an den Wert von harter Arbeit und an das größere Ganze – Mama religiös, Papa wirtschaftlich. Vor neun Jahren starb mein Bruder Christian. Plötzlich und unerwartet – auch, wenn er länger krank war.
Mama konnte nicht darüber sprechen, Papa schon gar nicht. Sie zogen sich zurück. Mama ging auch nicht mehr zum Kirchenchor, dem sie mit Begeisterung angehörte, seit ich denken kann. Ein wenig Freude fand sie im Garten. Mama machte sich immer viele Sorgen, vor allem um die Familie und den Familienbetrieb – eine Schlosserei, der Traum meines Vaters. Wir Kinder sollten mitmachen, das gelang zum Teil. Mama grübelte viel und fühlte sich damit oft allein gelassen.
Dann änderte sich schrittweise der Alltag meiner Eltern, vor allem jener meiner Mutter. Ihrer Veränderung stand ich emotional hilflos gegenüber. Auch war ich lange nicht in der Lage, mit Mama so zu sprechen, wie es für sie wichtig gewesen wäre. Sie konnte Dinge immer schwerer tun, die ihr stets etwas bedeuteten: kochen, der Familie Heimat geben. Mein Papa zog Sicherheit und Aufgaben aus seiner brüchiger werdenden Routine: mit dem Auto zum Einkaufen fahren, den Hund füttern, zur Bank gehen und Erlagscheine aufgeben.
Muttertag war Mama immer wichtig. Ein paar Jahre nach ihrem Tod frage ich mich, ob sie glücklich war. Ich hoffe es.
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Unterstützung
Du bist nicht allein!
Viele Menschen mit Demenz wünschen sich, so lange wie möglich selbstbestimmt und zu Hause leben zu können. Dafür ist es essenziell, rechtzeitige eine fundierte Diagnose und die passende Unterstützung zu erhalten, medizinisch, sozial als auch rechtlich.
Demenz ist basierend auf derzeitigem Wissen nicht heilbar, aber vieles ist möglich: Therapien wie Ergo- oder Physiotherapie helfen Betroffenen, kognitive und physische Fähigkeiten zu erhalten und den Alltag gut zu meistern.
Wichtig ist nicht zu vergessen, dass niemand diesen Weg allein gehen muss. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern beweist Stärke!
Informationen zu Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie im Steirischen Demenz-Wegweiser online auf: wegweiser.demenz-steiermark.at.
Gedruckte regionale Ausgaben liegen bislang von Vergissdeinnicht – Netzwerk Demenzhilfe für Graz und von Netzwerk Demenz Steiermark für Deutschlandsberg, Hartberg-Fürstenfeld, Leibnitz, Liezen, Voitsberg und Weiz vor.
Kontakt:
Netzwerk Demenz Steiermark
office@demenz-steiermark.at
0664/88 45 52 22
Momenz
Begegnungsgruppen für Menschen mit Demenz in Graz
Austausch, Information und Unterstützung
▶ Graz-Ost
Treffen jeden 1. und 3. Montag im Monat,
10 bis 11.30 Uhr, Reitschulgasse 12, EG.
▶ Graz-West
Treffen jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat, 15 bis 17 Uhr, Lauzilgasse 25, 3. OG.
Voranmeldung erbeten unter:
Tel. 0664/50 95 201 oder hallo@momenz.at
Pflegedrehscheibe Stmk
Beratung für Betroffene und Angehörige in der gesamten Steiermark
Die kostenlose Anlaufstelle für sämtliche Fragen zu Pflege und Betreuung gibt es in allen steirischen Bezirken. Die barrierefreien Büros befinden sich in den jeweiligen Bezirkshauptmannschaften, telefonische Beratung von Montag bis Freitag.
Mehr zur Pflegedrehscheibe: Podcast „Gesund informiert“
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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