Soku Jordan
Die erste Immobilienblase
- Als Himmelfahrtskommando entpuppte sich der Turmbau zu Babel. Oder – wie René Benko sagen würde: Ein großes unternehmerisches Vorbild. Der Mensch neigt zur Überschätzung seiner Fertigkeiten und zur Unterschätzung seiner Verantwortung.
- Foto: Cartoon: Josef Promitzer
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Folge 4: Der Turmbau zu Babel
Hochmut oder Demut? Welches Fundament trägt den Fortschritt?
Der „Burj Khalifa“ ist heute das höchste Bauwerk der Welt. Er ist 828 Meter hoch, verfügt über 189 Stockwerke und steht in Dubai, keine 1500 Kilometer von jenem Ort entfernt, wo einst das mythische Vorbild dieses Wolkenkratzers in den Himmel geragt ist, der Turm von Babel. Die Baukosten betrugen 1,5 Milliarden US-Dollar. Im Foyer des Prestigebaus gibt es Bankomaten, bei denen man Goldbarren abheben kann. Das Projekt eines Gebäudes, das über 1000 Meter Höhe erreichen soll, wurde nach der Finanzkrise 2009 auf Eis gelegt.
Schauplatzwechsel: Nach mehr als hundert Jahren Bauzeit an Antoni Gaudís visionärer Basilika Sagrada Família in Barcelona wurde dieser Tage von Papst Leo XIV. der 172,5 Meter hohe Christusturm eingeweiht – nunmehr der höchste Kirchturm der Welt. Der eigenwillige und tief gläubige Jugendstilarchitekt verstand sein Monumentalwerk als Lobpreis Gottes, als Bibel aus Stein.
Wo aber liegt die Grenze zwischen dem Ausloten des Möglichen und Machbaren, der Entfaltung des Schöpfungsauftrags, dem Einsetzen kreativer Fertigkeiten, der Verwirklichung genialer Ideen auf der einen Seite und den Auswüchsen menschlicher Überheblichkeit oder Selbstüberschätzung, Maßlosigkeit, Protzerei und Gigantomanie auf der anderen?
Der Ausgangspunkt des Projektes in Babel an den Anfängen der Menschheitsgeschichte war eine technische Innovation. Die Menschen lernten, Ziegel zu brennen. Das erlaubte es ihnen, beim Bauen in bisher ungeahnte Höhen vorzudringen. Sie setzten sich ein ehrgeiziges Ziel, sie wollten himmlische Sphären erreichen, also über die Grenzen des Irdischen und Menschlichen hinaussteigen. Sie wollten sich Ruhm verschaffen, sich selbst verewigen.
Dabei machen sie eine bittere Erfahrung: Das Entwickeln einer Technologie reicht allein nicht aus, um die Menschheit voranzubringen. Papst Leo zeigt dies in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ großartig auf. Wenn der Bezug zu Gott aus dem Blick gerät und der Mensch selbst dessen Platz anstrebt, wenn sich die Demut zum Hochmut wandelt, wenn Einzelinteressen über jene der Gesamtheit gestellt werden, dann gerät das Projekt aus dem Lot. Die Einheit, für die der Turm ein weithin sichtbares Zeichen sein soll, zerbricht, die Seifenblase der Selfmade-Immobilienhaie zerplatzt.
In der biblischen Erzählung ist es der HERR, der Verwirrung und Zerstreuung stiftet. Der Mensch neigt auch hier zu einem Narrativ, das die eigene Verantwortung verschleiert, er will sich nicht eingestehen, dass er sich maßlos verkalkuliert hat. Er baut seinen Turm als Gegenentwurf zu Gott, um ihn auszubooten und überflüssig zu machen. Als er das Projekt dann in den Sand setzt, versucht er, die Ursache des Scheiterns auf ebendiesen Gott abzuwälzen und unterstellt ihm, aus Neid und Bosheit zu handeln. Für die Kollateralschäden sollen andere aufkommen. Wer hoch hinausstrebt, muss darauf achten, dies stets im Dienst an der Menschheit zu tun.
Alfred Jokesch
Aktenvermerk
Die ganze Erde hatte eine Sprache und ein und dieselben Worte. Als sie ostwärts aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.
Da stieg der HERR herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, wenn sie es sich zu tun vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.
Der HERR zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. Darum gab man der Stadt den Namen Babel, Wirrsal, denn dort hat der HERR die Sprache der ganzen Erde verwirrt und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut. Genesis 11,1–9
Schinar: Landschaft am Unterlauf der Flüsse Euphrat und Tigris. Das antike Babylon liegt bei der irakischen Stadt Hilla, ca. 100 km südlich von Bagdad.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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