Trauer
Weitergehen
- Gemeinsam am Weg. Auf den Trauerspaziergängen durch den Schlosspark Eggenberg findet Trauer einen Platz: im Gehen, Schweigen und Erzählen.
- Foto: ECHTNAH
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Trauer und Zuversicht. Wenn ein geliebter Mensch geht, stirbt oft auch das Vertrauen in das Leben. Trauergruppen können helfen.
Wie geht es dir?“ So einfach diese Frage klingt, so viel Kraft steckt auch in ihr, und: „Sie steht am Anfang eines jeden Gesprächs mit einem Menschen, der trauert“, weiß Bernhard Pletz. Sechs Jahre lang war der Diakon aus Thal bei Graz verantwortlich für die Seelsorge trauernder Menschen und organisierte Gesprächskreise in der Grazer Stadtpfarre und Trauerspaziergänge durch den Schlosspark Eggenberg.
„Trauer ist mehr“, sagt er. Mehr als das Gefühl von Leid und Kraftlosigkeit, mehr als ein schmerzhaftes Vermissen. Trauer bedeute auch den Zusammenbruch der Lebensordnung, und: Trauer habe ebensoviele Ursachen, wie Erscheinungsformen.
Trauer um ein geliebtes Tier, um den Arbeitsplatz nach einer Kündigung, um eine Beziehung oder um den Verlust der eigenen Gesundheit – nicht ausschließlich um Menschen werde getrauert. In einem Gespräch mit einer Frau habe er vom schon länger zurückliegenden Suizid von deren Mutter erfahren, erzählt der Seelsorger. „Als kürzlich ihr Hund von einem Auto überfahren wurde, flammte der Schmerz über den Verlust der Mutter wieder auf.“ Nicht immer sei die Trauer gleich da, wenn jemand sterbe.
Platz für Verlust
„Bei jedem Krimi, in jeder Nachrichtensendung geht es um Tod“, sagt Bernhard Pletz. Zugleich hat sich die Tabuisierung von Trauer und Tod in der westlichen Welt verstärkt. Medizinische und technische Fortschritte verlagern das Sterben seit dem 19. Jahrhundert zunehmend in Krankenhäuser, der „echte“ Tod verschwindet aus dem Alltag vieler Menschen. Was nach dem Sterben eines Angehörigen dennoch bleibt, ist eine Vielzahl von Gefühlen, die im Zuge eines Verlustes zutage treten können: Sehnsucht, Schmerz, Verzweiflung, Angst – bis hin zur Wut, verlassen worden zu sein.
„Wer Trauer zulässt, ist Wochen, Monate, manchmal Jahre hindurch aus dem Häuschen“, sagt Bernhard Pletz. Doch genau das würden sich Menschen mit Verlusterfahrung oft nicht zugestehen, in Zeiten von Selbstoptimierung und Höchstleistungen. „Wir haben gelernt, zu funktionieren.“
- Innehalten, zuhören, erzählen. Sechs Jahre lang war Bernhard Pletz (l.) für Trauerangebote der Stadtkirche Graz zuständig.
- Foto: ECHTNAH
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Fehlendes Trauerjahr
Das Verständnis dafür, dass Trauer Zeit braucht, fehle in der Gesellschaft. Seelsorger Bernhard Pletz erinnert an das sogenannte „Trauerjahr“. „Früher einmal hat man nach dem Tod eines geliebten Menschens zwölf Monate lang Schwarz getragen, Feierlichkeiten gemieden und sich zurückgezogen. Heute leben die Menschen nach einem Verlust gleich weiter wie bisher – auch deshalb, weil sie gleich weitermachen müssen.“
Wenn Rückzug bei Trauer guttut, warum dann Trauerangebote wie Gesprächsgruppen oder Spaziergänge in Anspruch nehmen? „Weil eine Gruppe stärkt“, sagt der Diakon. Die monatlich mit Maria Rissner (Spalte links) organisierten Trauergruppen hätten gezeigt: „Das Trauergespräch in einer Gruppe ist stärker als eines unter vier Augen. Allein im Zuhören merken Betroffene: Das, was bei mir hochkommt, ist auch bei anderen da.“
„Mir ist es vor zwei Jahren genauso gegangen wie dir“, habe eine Frau der anderen in der Trauergruppe gesagt. „Aber jetzt geht es mir besser.“ Darauf die Erzählende: „Zwei Jahre dauert dieser Zustand? Wie soll ich das bloß aushalten?“ „Sie werden schon zurechtkommen“, antwortet die andere. „Ich hab es schließlich auch geschafft.“
Mit der Trauer gehen
Sich selbst in der Trauer als „normal“ empfinden, weil es auch anderen ähnlich geht: Diese Erfahrung können Menschen auch bei Trauerspaziergängen machen. Als Bernhard Pletz dieses Angebot vor sechs Jahren startete, hatte er dafür ein eigenes Konzept ausgearbeitet – und bald gemerkt, dass das nicht nötig war. „Im Grunde ist es ganz einfach,“ sagt er. „Ein Mensch möchte gefragt werden: Um wen oder was trauerst du? Wie geht es dir damit, und: Was tut dir gut?“
Dass Gehen bei der Trauer helfen kann, weiß eine Trauerspaziergängerin aus eigener Erfahrung. Nicht nur die Natur allein sei heilsam, sagt sie. Es helfe, praktisch zu erleben, „dass die Trauer jetzt gerade mein Weg ist. Im Mich-Fortbewegen erfahre ich, dass ich Meter mache auf diesem Lebensabschnitt. Das Gehen wird zum Weitergehen.“
Anna Maria Steiner
Im Originalton
- Maria Rissner ist Lebens- und Sozialberaterin aus Graz, sechsfache Mutter und verwitwet. Vier Jahre lang begleitete sie Trauernde ehrenamtlich.
- Foto: KK
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Mut zur Trauer
Frau Rissner, warum haben Sie sich in der Trauerbegleitung engagiert?
Nach dem Tod meines Mannes 2019 habe ich selbst eine Gesprächsgruppe besucht. Zwei Jahre später wurde ich dann gefragt, ob ich ehrenamtlich Trauernde begleiten wolle. Das passte für mich auch deshalb gut, weil ich zuvor eine Ausbildung in Lebens- und Sozialberatung gemacht hatte und es mir wichtig ist, Menschen in schwierigen Situationen zu unterstützen. Weil ich aus eigener Erfahrung wusste, wie gut es tut, sich nach einem Verlust mit anderen Menschen auszutauschen, sagte ich zu.
Wie können Gruppengespräche und Spaziergänge bei Trauer helfen?
Schon das niederschwellige „Darüber-Reden“ mit anderen Betroffenen stärkt. Ein großer Wert liegt auch im Zuhören – dabei erkennt man Anteile, die auch in einem selbst schlummern. In der Gruppe erfährt man außerdem, dass es in Ordnung ist, zu weinen und zu klagen und legt die Scheu ab, über den Verlust zu sprechen. Allein schon die Erfahrung, dass auch andere trauern, kann trösten. Und noch etwas vermittelt eine Trauergruppe: Auch, wenn ein geliebter Mensch gegangen ist, so ist ein liebevoller Umgang mit ihm weiterhin möglich. Denn indem ich auch nach seinem Tod über ihn spreche, setze ich würdevoll ein Andenken und halte die Erinnerung an diesen Menschen wach.
Was wünschen Sie sich für Trauernde?
Dass die Tatsache von Tod und Verlust weniger tabuisiert wird in unserer Gesellschaft. Und dass Menschen mehr Mut haben, auf Trauernde zuzugehen – auch dann, wenn ihnen die Worte fehlen. Allein schon, jemandem die Hand auf die Schulter zu legen und zu sagen: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber wenn du etwas brauchst, dann bin ich für dich da“, kann in der Trauer helfen.
◉ Trauerangebote in der Steiermark:
katholische-kirche-steiermark.at/trauer
Hilfe bei Trauer und Verlust
Der Tod eines geliebten Menschens, das Ableben eines Haustieres, Krankheit oder Arbeitsplatzverlust: Trauer hat viele Ursachen. In der Diözese Graz-Seckau sind viele Menschen darum bemüht, für Trauernde da zu sein – in Einzelgesprächen, Gedenkgottesdiensten oder Gesprächsgruppen. Hier eine Auswahl:
Trauergruppen
Im Beisein von erfahrenen TrauerbegleiterInnen und betroffenen Mitmenschen wird zugehört. In Gesprächen findet Trauer einen Ort. Angebote siehe auch Seite 20 sowie QR Code (links).
Trauerspaziergänge
und auf die Bewegungsfähigkeit der Teilnehmenden abgestimmte Treffen gibt es in vielen steirischen Pfarren – so auch im Seelsorgeraum Sonnenland-Südost.
Infos und Termine: Maria Pieberl-Hatz, Tel. 0664/2658190.
Online-Angebote
Auch online besteht die Möglichkeit für Trauernde, sich auszutauschen. So lädt etwa die Trauergruppe der Pfarre und des Hospizteams Hartberg zu Online-Trauerstunden ein. Im geschützten Videokonferenzraum kann man sich mit anderen Trauernden und erfahrenen TrauerbegleiterInnen austauschen. Nächste Termine: 9. 11. 2026 (18 Uhr) und 23. 2. 2027. Anmeldung bei Andreas Pichlhöfer bis 3. 11.:
onlineseelsorge@graz-seckau.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.