Museum am Dom St. Pölten
„Europa in Aufruhr und Bewegung“

Der Luftschutzkeller im Dom in St. Pölten. Im Rahmen von Donnerstag-Spezialführungen werden erstmals die Luftschutzkeller der Diözese aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu besichtigen sein! Die genauen Daten erfahren Sie auf der Homepage: www.museumamdom.at.
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  • Der Luftschutzkeller im Dom in St. Pölten. Im Rahmen von Donnerstag-Spezialführungen werden erstmals die Luftschutzkeller der Diözese aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu besichtigen sein! Die genauen Daten erfahren Sie auf der Homepage: www.museumamdom.at.
  • Foto: Museum am Dom/Seebacher
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Ab 29. Juni wird im Museum am Dom St. Pölten der zweite Teil der Jahresausstellung 2022 gezeigt. Während im ersten Teil „Das Werden Europas“ im Fokus stand, geht es in der Ausstellung „Europa in Aufruhr und Bewegung“ um die Geschichte Europas. Brisant aktuell, denn bei der Ausstellung geht es nicht nur um historische Ereignisse, sondern auch um aktuelle politische Entwicklungen.

Das Bild zeigt Pyhra im Türkenjahr 1683 und die Ermordung P. Edumund Wagners. Das Werk ist eine Leihgabe für die Ausstellung von der Pfarre Pyhra.
  • Das Bild zeigt Pyhra im Türkenjahr 1683 und die Ermordung P. Edumund Wagners. Das Werk ist eine Leihgabe für die Ausstellung von der Pfarre Pyhra.
  • Foto: Museum am Dom/Seebacher
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Die Ausstellung wurde im Rahmen des „European Digital Treasure“-Projektes in Zusammenarbeit mit europäischen Nationalarchiven sowie dem Diözesanarchiv St. Pölten gestaltet. Eine zeitgenössische Darstellung der aus Moskau stammenden Künstlerin Anna Khodorkovskaya unter dem Titel „This dream of Peace“ (Dieser Traum vom Frieden) in der ehemaligen Stiftsbliothek – entstanden in Zusammenarbeit mit der Gegenwartskunstinitiative „art hoc projects“ – nimmt kritisch Bezug auf die aktuelle politische Kriegslage in Europa.

Flucht: Nicht nur ein historisches Phänomen

Spätestens seit der Flüchtlingskrise 2015 und der aktuellen Situation in der Ukraine, durch die Millionen Menschen zur Flucht gezwungen sind, ist klar: Flüchtlingsströme sind kein historisches Phänomen. Flucht und Migration gibt es seit jeher in unterschiedlichen Kontexten: Klimatisch oder durch Umweltkatastrophen bedingt, durch Kriege verursacht, Flucht vor Unfreiheit (vor Leibeigenschaft, Sklaverei) sowie Flucht vor Verfolgung aufgrund von religiös-konfessionellen oder ethnischen Zugehörigkeiten. Die Verfolgung und Ausweisung von Juden seit dem Mittelalter gehört zu den bekanntesten Beispielen für erzwungene Migration in Europa bis zum 19. Jahrhundert. Im Holocaust mündet das in den millionenfachen Mord an Jüdinnen und Juden.

Aber auch die Aussicht auf wirtschaftliche Verbesserung und Abenteuerlust motivierte viele Migrationsbewegungen. Nicht nur mit der Entdeckung Amerikas begannen riesige Wanderungsbewegungen. Weitere europäische Migrationswellen setzten im Zusammenhang mit der Französischen Revolution, dem industriellen Aufschwung und der sozialen Frage im 19. Jahrhundert ein. Migrationsprozesse und die notwendige Integration erzeugen durchwegs Konflikte, Konfrontationen und (Ver-)Mischungen kultureller, demografischer und sozialer Natur.

Bevölkerungsbewegungen prägen die Geschichte der Menschheit seit Anbeginn. Die Gründe, die Heimat zu verlassen, sind dabei jeweils individuell sehr unterschiedlich, können aber im Wesentlichen wie folgt zusammengefasst werden: Menschen flüchten vorwiegend, um einer lebensbedrohlichen Zwangslage zu entkommen oder weil sie auf bessere Lebens­umstände hoffen. Zu letztgenanntem Grund gehört die sogenannte arbeitsbedingte grenz­überschreitende Migration, die es seit Jahrhunderten gibt: Weltweite Handelsverbindungen und internationaler Wissensaustausch – Merkmale, die man eher mit der heutigen Zeit in Verbindung bringt – fanden bereits in der Neuzeit statt. Handelsstädte waren immer schon geprägt durch ein ständiges Kommen und Gehen von Geschäftsleuten, denen die Stadt Waren und Absatzmärkte, Anregungen und Innovationen verdankte. So machten wandernde Handwerksgesellen seit dem Spätmittelalter rund ein Viertel der erwerbstätigen Bevölkerung aus.

Flucht vor Krieg und Gewalt

Meist sind es Krieg und Gewalt oder deren Auswirkungen in Form von Armut, Hunger und Perspektivlosigkeit, die die Menschen zur Flucht nötigen. Europa hat im Laufe seiner langen Geschichte viele Kriege erlebt. Diese reichten von lokalen Auseinandersetzungen über Bürgerkriege bis hin zu groß angelegten Kriegshandlungen zwischen Staaten und Koalitionen von Staaten. Kriege dezimierten die Bevölkerung schlagartig und hatten die Zerstörung und Entvölkerung ganzer Landstriche zur Folge. Deportation und Zwangsmigration von Menschen oder Gruppen in ein bestimmtes Gebiet gehörten häufig zu den Begleiterscheinungen kriegerischer Auseinandersetzung innerhalb eines Staates oder zwischen verschiedenen Nationen. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen prägen Europa bis heute nachhaltig. Ein Blick in die Vergangenheit offenbart dabei traurige Parallelen zur Gegenwart: In der Ausstellung wird die Wehrmachtsuniform eines Seitenstettner Benediktiners gezeigt, der im damals wie heute umkämpften Donezk (Ukraine) kämpfte.

Politische Aufstände und Verfolgung

Geschichten von Intoleranz, Verfolgung, Ausbeutung, Aufruhr und Rebellion durchziehen die Seiten der Geschichtsbücher. Unzählige Male haben jene, die als Teil einer Minderheit galten, oder jene, die nach einem politischen oder religiösen Konflikt auf der Verliererseite standen, einen hohen Preis bezahlt. War in der Neuzeit politisches Asyl noch unproblematischer, verfes­tigten sich durch die Bildung von Nationalstaaten klar definierte Grenzen. Dadurch wurde auch der Zuzug erschwert bzw. reglementiert.

Randgruppen wie Juden, Muslime oder Roma wurden teilweise geduldet – ihre Andersartigkeit (Kleidung, Sprache und Bräuche) machte sie aber immer wieder zum Ziel von Spott und Ausgrenzung. Die Verfolgung und Vertreibung der Juden war beispielsweise schon im Mittelalter ein Thema, das bis in die Zeit des Nationalsozialismus im 20. Jahrhundert reicht. Vielen Angehörigen verfolgter Gruppen gelang trotzdem die Flucht, manche wählten auch freiwillig das Exil – unter den Exilanten waren Revolutionäre, Widerstandskämpfer oder Vertreter von Adels- und Königshäusern.

„This dream of Peace“: Das Werk von Anna Khodorkovskaya nimmt kritisch Bezug auf die gegenwärtige Kriegslage in Europa.
  • „This dream of Peace“: Das Werk von Anna Khodorkovskaya nimmt kritisch Bezug auf die gegenwärtige Kriegslage in Europa.
  • Foto: Anna Khodorkovskaya/courtesy Galerie 3
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Neben all den Geschichten von Verfolgung, Flucht und Not erinnert die Ausstellung „Europa, wer bist du?“ aber auch an Personen, die sich mit flüchtenden, ausgegrenzten und benachteiligten Menschen solidarisch zeigten und für ihre Rechte kämpften. Eine solche starke Persönlichkeit war etwa der St. Pöltner Bischof Michael Memelauer (1927–1961), der sich öffentlich gegen die NS-Euthanasie ausgesprochen hat. Mutige Menschen wie er waren durch die Jahrhunderte hinweg immer wieder auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen quer durch Europa zu finden. Menschliche Solidarität und Zivilcourage sind Werte, die die europäischen Nationen durch die Zeit miteinander verbunden haben – und bis heute verbinden.

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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