Interview mit P. Karl Wallner
„Wir wären heute nicht Weltkirche ohne diese Frau“

P. Karl Wallner bei einem seiner Besuche in Kenia.
  • P. Karl Wallner bei einem seiner Besuche in Kenia.
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Am Sonntag, 22. Mai, wird Pauline Jaricot, die Gründerin der Päpstlichen Missionswerke (Missio), seliggesprochen. Dazu begeht Missio heuer seinen 100. Geburtstag. Aus diesen Gründen bat „Kirche bunt“ Missio-Nationaldirektor P. Karl Wallner zum Interview.

Am 22. Mai wird Pauline Jaricot, die Gründerin von Missio, seliggesprochen. Sie wurde in einer für die katholische Kirche schwierigen Zeit nach der Französischen Revolution aktiv. Was können wir von ihr lernen?

P. Karl Wallner: Pauline Jaricot ist in eine der dramatischsten Situationen der Kirche in Frankreich hineingeboren worden – in eine Zeit, wo hunderte Priester und Ordensleute im Zuge der fFranzösischen Revolution starben, wo die Kirchen Ruinen waren. In solchen Situationen liebt es Gott, Neues und Überraschendes zu wirken – und in diesem Fall durch eine Frau. Pauline war eine Modepuppe, man könnte sagen eine „Lady Gaga“ ihrer Zeit. Mit 17 Jahren hatte sie durch eine sehr scharfe Predigt eines Pries­ters eine innere Bekehrung. Sie änderte ihr Leben von Grund auf, kleidete sich schlicht und entwickelte eine große Jesus-Liebe. Sie gründete zwei Organisationen: das Werk der Glaubensverbreitung und den Lebendigen Rosenkranz – obwohl sie bei der eigentlichen Gründung nicht dabei sein durfte, weil man da Frauen nicht rein ließ. Sie hatte ein unglaubliches Organisationstalent – am Schluss gab es 2,4 Millionen Franzosen, die im Lebendigen Rosenkranz mitbeteten und spendeten. Man bedenke: Damals gab es noch keinen einheimischen Klerus in Afrika, die ersten Priester wurden erst 100 Jahre später geweiht. Es ist erstaunlich, aber wir wären heute nicht Weltkirche ohne diese Frau.

Pauline Jaricot war eine starke Frau. Braucht unsere Kirche heute nicht mehr solche Frauen?

P. Karl Wallner: Es hängt nicht ab vom Weiblichen – in dem Fall hat der liebe Gott eine Frau erwischt. Aber wir brauchen unbedingt solche Leute und wir brauchen auch eine Hie­rarchie, die das zulässt. Denn die Kirche wird nicht durch die Institution, durch das institutionelle Netzwerk gebaut, sondern das Fleisch und der Atem der Kirche sind die Charismen, die der Heilige Geist schenkt, und die verteilt er an Männer und Frauen, an Geweihte und Ungeweihte.

Können wir von der Kirche in Afrika lernen?

P. Karl Wallner: Früher waren wir die Gebenden – das sind wir jetzt auch noch auf der Ebene der Spenden und das ist wirklich wichtig, weil wir dort eine wachsende Kirche haben. In Österreich gehen wir den Menschen in unseren Pfarren oft auf die Nerven mit der Sammlung am Weltmissions-Sonntag. Viele wissen aber nicht, dass unsere Seminare in Afrika übergehen. Bei uns jammert man über den Priestermangel, zugleich ist man aber nicht bereit, zu helfen, dass dort die Berufungen nicht abgewiesen werden müssen. Wir müssen also geben und helfen – das ist unsere Aufgabe. Und auf Ihre Frage: In vielen pastoralen Dingen können wir von der Kirche in Afrika lernen. Dort habe ich ein Priestertum, das für die Menschen viel wertvoller ist als bei uns, und zugleich ein Pries­tertum, das die Dynamik der Gläubigkeit, die bei den Leute da ist, nicht behindert, sondern fördert. In Afrika erlebe ich eine Laienkirche, wo aber die Sakramentalität des Priesters zugleich mehr geschätzt wird als bei uns. Ich erlebe dort eine Kirche, wo das gemeinsame Priester- und Prophetentum viel besser erkannt wird.

Wir haben heute auch in Österreich Pfarren, die hauptsächlich von Laien getragen werden, weil der Pfarrer sich um mehrere Pfarren kümmern muss.

P. Karl Wallner: Wir haben seit Josef II. eine sehr feingliedrig strukturierte Kirche in Österreich. Er hat viele Klöster aufgelöst und dann waren plötzlich viele Priester frei. Zudem wollte Josef II., dass die Menschen wegen der Arbeit auf dem Feld oder am Hof in einer Stunde Fußweg in der Kirche sein konnten. Man stelle sich vor, man würde die Kirche heute so strukturieren, dass man eine Stunde mit dem Auto fahren müsste, damit man in einer Eucharistiefeier ist. Wie viele Pfarren gäbe es dann heute in Niederösterreich? Vielleicht zehn?

Da müsste man wohl in ganz Österreich wirklich viele Pfarren auflösen. Wollen Sie das?

P. Karl Wallner: Nein, ich bin nicht für die Auflösung der Pfarrgemeinden. Mir ist nur wichtig, dass die Wortgottesdienste am Sonntag die Sehnsucht nach der Eucharistie nicht auslöschen, sondern fördern. So wie das auch mit den Online-Gottesdiensten sein sollte: Diese sind kein Ersatz der real erlebten Messe und Eucharistiefeier. Meine These ist –, und ich glaube, es ist eine sehr katholische These – dass wir ein viel zu wenig entwickeltes, gläubiges verkündigendes missionarisches Laientum haben! Nicht der Priestermangel ist bei uns ein Problem, wie man uns seit Jahren weismachen will, sondern es ist der Laienmangel.

Sie sind viel unterwegs, sehen viel Leid und Armut. Fragen Sie sich da manchmal: Warum lässt Gott das zu?

P. Karl Wallner: Es gibt zwar das Leid, das nicht vom Menschen verschuldet ist, aber das ist, weil die ganze Schöpfung nicht abgeschlossen ist. Das Leid, das ich sehe, ist hauptsächlich ein von Menschen gemachtes Leid. Mich bewegt daher eher die Frage, warum es diese Diskrepanz gibt zwischen dem Bösen, das der Mensch tut und zu dem er fähig ist, und dem Guten, das ich so stark erlebe. Nicht nur bei den Missionarinnen und Missionaren, Schwestern und Priestern, sondern auch bei unseren Spenderinnen und Spendern. Ich besuche ja immer wieder Spender oder erhalte Briefe und sehe, dass sich da Mindestrentner für eine Priesterpatenschaft die 50 Euro vom Mund absparen. Sie schreiben und erzählen, worauf sie deshalb alles verzichten. Das ist wirklich berührend und das ist die Gnade meines Amtes, zu sehen, dass das Böse nicht das letzte Wort hat. Wir gehen daher mit den Spenden auch sehr sorgfältig um, weil wir wissen, dass viele Spenden der Groschen der Witwe sind.

Zum Gebetsnetzwerk der Pauline Jaricot gehörte auch Therese von Lisieux, die von dunklen Stunden des Glaubens gesprochen hat. Kennen Sie solche Stunden?

P. Karl Wallner: Ja, selbstverständlich. Es gibt dunkle Stunden des Glaubens – das ist, glaube ich, sehr normal. Ich gehe damit pragmatisch um und arbeite weiter. Mit dem lieben Gott habe ich einen Deal: Ich habe ihm versprochen: ,Ich mache alles für dich, aber du musst mich erstens dorthin stellen, wo ich am meisten für dich tun kann. Und zweitens: Du musst mir die Leute schicken, die mein Leben wertvoll machen.‘ Weil wertvoll wird ein Leben nur durch andere. Ich denke da auch an Mutter Teresa, die ich 1988 einige Stunden begleiten durfte. Das waren wahrscheinlich die beeindruckendsten Stunden meines Lebens, denn da habe ich reale Heiligkeit erlebt, obwohl in ihrem Heiligsprechungsprozess heraus kam, dass auch sie diese Gottesfinsternis und diese innere Trockenheit erlebt hatte. Das finden wir ja beinahe bei allen Heiligen – das ist ein Phänomen, das immer mit der Liebe verbunden ist, und das gibt es ja auch in menschlichen Beziehungen: In jeder Ehe gibt es Phasen, wo die Liebe auf den Prüfstand gestellt wird. Jesus selbst hat diese innere Dunkelheit erlebt. Am Kreuz sagte er: ,Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ Aber in diesem Gefühl der Verlassenheit ist zugleich die größte Einheit mit dem Vater da.

Wenn man Ihr Leben anschaut, dann sieht man, dass der liebe Gott Sie immer gut hingestellt hat: in der Hochschule oder bei der Jugendarbeit im Stift Heiligenkreuz und jetzt bei Missio Österreich. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

P. Karl Wallner: Ich kann dazu wenig sagen. Ich habe alle Sachen, die ich übernommen habe, am Anfang eher dramatisch empfunden – dann habe ich einfach gearbeitet, da gab es keine Pläne. Ich erlebe auch immer wieder Wunder. Wir könnten dieses Jubiläum nicht in dieser Weise feiern, wie wir es jetzt tun, wenn mir der liebe Gott nicht so tolle Leute geschickt hätte. Das ist die größte Gnade. Ich mache meinen Dienst als Nationaldirektor und bin sehr dankbar, dass wir dieses Niveau haben und ich habe noch vieles vor, denn Weltmission ist auch Therapie für die Kirche in Österreich, weil dieser offensichtliche Niedergang der Kirche mir sehr weh tut. Ich leide mit den Pfarrern und den Pfarren, die ausdünnen. Heute muss man realistisch sagen: Wenn du heute eine Pfarre übernimmst und du gibst alles, was du geben kannst, hast du statistisch gesehen am Ende deiner Amtszeit weniger Gläubige in der Pfarre.

Was machen wir falsch?

P. Karl Wallner: In der Kirche sind wir zu kompliziert. Wir reden viel, wir beschäftigen uns sehr viel mit uns selbst, aber oft fehlt das Zugehen auf die Leute. Was hat Jesus getan? Er hat ja keine Gremien gebildet, der hat die Leute zusammengeholt, er hat die Apostel persönlich abgeholt und aus der persönlichen Begegnung waren sie dann Zeugen seiner Wunder und Zeichen. Wir brauchen diese persönliche Beziehung mit Jesus, wir brauchen die Jüngerschaft – und daraus entwickelt sich alles. Wir haben viele tote Strukturen in der Kirche, die man wirklich entsorgen müsste. Wichtig wäre, dass die Ressourcen, die die Kirche hat, für Lebendiges verwendet werden. Was mir auch sehr fehlt, ist das Wir-Gefühl. Wir haben keine katholische Großveranstaltung! Der letzte Katholikentag war 1983 – ich täte mir wünschen, dass wir einmal im Jahr ein Stadion füllen mit 20.000 Menschen. Das würden wir dringend brauchen.

Warum stehen Ihrer Meinung nach so viele Menschen heute dem Glauben fern?

P. Karl Wallner: Wir sind – theologisch – zu verkopft geworden; das ist schlimm. Da wird einem zum Beispiel das Bittgebet vorgeworfen, wenn man Gott zutraut, dass er was verändert. Es heißt dann: So könne man sich Gott nicht vorstellen! Wir müssen Gott wieder zutrauen, dass er eine Wirklichkeit in unserer Welt ist. Ich sage immer zu den Menschen: Wenn ihr zum Gottesdienst geht, nur weil es so Sitte ist und ohne etwas von ihm zu erwarten – das kann doch nicht befriedigen. In Afrika sehe ich, dass die Menschen Gott etwas zutrauen. Für die ist Gott nicht einfach eine Phantasie oder eine Form einer kulturellen Feier, sondern die gehen hin zum Gottesdienst, weil sie sich etwas für ihr Leben erwarten. Und wenn man das tut, wird man erleben, dass er wirklich etwas tut – er kann Wunder wirken. Darum sind die Leute Jesus nachgelaufen, weil sie sich Wunder erwartet haben. Diese Erwartung fehlt den Menschen.

Was ist Ihr Wunsch zum 100. Geburtstag von Missio?

P. Karl Wallner: Ich sehe mich schon primär als Missionar für Österreich. Ich liebe dieses Land und ich leide furchtbar darunter, dass der Glaube so schwach geworden ist und dass die Kirche so negativ gesehen wird. Ich glaube, dass wir als Missio die Aufgabe haben, den Blick auf das Positive zu weiten. In so vielen Ländern ist die Kirche, die bedrängt und arm ist, ein Hoffnungszeichen, eine Oase des Friedens, des Sinnes, des Heiles. Am liebsten würde ich alle Pfarrer und alle, die in der Kirche etwas zu sagen haben, mitnehmen nach Afrika. Weil die haben dort nicht diese großen Organisationsstrukturen, die bei uns über die Jahrhunderte gewachsen sind und die nicht mehr die Dynamik befördern, sondern zu einem Korsett geworden sind. Meine Hoffnung ist, dass die Kirche in Österreich durch starke Päpstliche Missionswerke wieder mehr Aufmerksamkeit und Interesse bekommt und dass wir dadurch therapeutisch und antidepressiv auf diese Situation der Kirche in Österreich wirken.
Interview: Sonja Planitzer

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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