Monat der Weltmission
Kasachstan-Missionar P. Leopold Kropfreiter im Interview

P. Leopold Kropfreiter (li) bei einem Österreich-Besuch in Maria Laach; im Bild mit Missio-Diözesandirektor Christian Poschenrieder (re.).
  • P. Leopold Kropfreiter (li) bei einem Österreich-Besuch in Maria Laach; im Bild mit Missio-Diözesandirektor Christian Poschenrieder (re.).
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Kasachstan ist ein überwiegend muslimisches Land, war es ein Missionsland Ihrer Wahl?
P. Leopold Kropfreiter: Ehrlich gesagt, nein. Allerdings habe ich mir nie besonders viel Gedanken darüber gemacht, an welchem Ort ich am liebsten arbeiten möchte. Als Ordensleute haben wir das große Glück, dass wir uns Gott und der Kirche ganz zur Verfügung stellen können, an dem Ort, wohin man gesendet wird. Ich habe mich immer bemüht, innerlich so frei wie möglich zu sein. Als mich deshalb mein Oberer vor zirka 14 Jahren fragte, ob ich nach Kasachstan gehen kann, sagte ich gleich zu, auch wenn das Land sicher nicht meine „erste Wahl“ gewesen wäre.

Wie schwer war es, sich einzuleben?
P. Leopold: Es war – im Nachhinein – nicht schwer. Ich hatte das Glück, die russische Sprache recht schnell zu erlernen, womit eine wichtige Barriere wegfiel. Die Mentalität und die Kultur im Land haben mir von Anfang an gut gefallen. Auch wenn die jüngere Generation die Sow­jetzeit nur noch aus den Erzählungen der Eltern kennt, sind die Ruinen der ehemaligen Kolchosen und administrativen Gebäude jener Zeit allgegenwärtig. Manche Prägungen, wie z. B. die Passivität in vielen Dingen, fehlender Innovationsgeist, aber auch die Zurückdrängung von Glaube und Religion aus der Öffentlichkeit in den rein privaten Bereich sind meiner Meinung nach Spätfolgen der kommunistischen Erziehung.

Welche Aufgaben haben Sie in Kasachstan übernommen?
P. Leopold: Ich konnte meine ersten Erfahrungen in den Städten Temirtau und Karaganda, die sich im Zentrum Kasachstans befinden, sammeln. Gemeinsam mit den Mutter Theresa-Schwestern konnte ich bei der Betreuung von Obdachlosen helfen, die von den Schwes­tern mit dem Nötigs­ten versorgt wurden, aber auch den konkret gelebten Glauben der Schwestern kennenlernen. In Karaganda arbeitete ich an der Dompfarrei, wo ich als Pries­ter sehr viele wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. 2011 kam ich in den Norden des Landes, um dort mehrere Pfarreien zu betreuen. 2015 wurde ich Direktor der Päpstlichen Missionswerke in Kasachstan, 2018 der Verwaltungsdirektor der Schule „Sankt Lorenz“, einer Privatschule, die vor 25 Jahren von einem deutschen Priester gegründet wurde.

Was kann man als Missionar erreichen?
P. Leopold: Mein Ziel war und ist es, als Christ und Ordensmann zu leben und den Menschen die Botschaft des Glaubens näher zu bringen. Ich bin überzeugt, dass Jesus Christus der Erlöser und letztlich die Erfüllung aller unserer Wünsche und Hoffnungen ist. Jeden Tag versuche ich, durch mein Leben und Handeln davon Zeugnis zu geben. Als Schulleiter geht es mir neben den täglichen Aufgaben und Problemen darum, das „Schulcharisma“ zu fördern: Der Schulalltag ist geprägt von Festen, wie z. B. Erntedank, St. Martin, Nikolaus, Weihnachten, Ostern, etc. Diese christlichen Feste werden in der Schule mit Konzerten, Theaterstücken, karitativen Aktivitäten – die Schüler sammeln Kleidung und Spielsachen für Menschen in Not zum Martinsfest – begangen. Auf diese Weise möchten wir ein Ambiente schaffen, in dem der Glaube die konkreten Arbeitsbedingungen, Beziehungen und Inhalte mitprägt.

Was konnten Sie in all den Jahren schon umsetzen?
P. Leopold: Das ist keine leichte Frage, weil sich die Arbeit als Missionar sicher nicht an äußeren Erfolgen messen lässt. Bei der Bildungsvermittlung sehen wir, dass unsere Schule zu den bes­ten des Landes gezählt wird. Unsere Schüler studieren nicht nur in Kasachstan, sondern auch in Russland, Deutschland und Österreich. Als Missio-Direktor geht es mir darum, den Kontakt mit den Diözesen, Pfarren und Gemeinschaften zu pflegen, wo ich mich vor allem für die Vertiefung des Missionsgedankens einsetze.

Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte als Missio-Direktor von Kasachstan?
P. Leopold: Wir haben keine große administrative Struktur in Kasachstan. Für unsere Missionsanliegen habe ich eine Gruppe von Pries­tern, Schwestern und auch Laien, die mithelfen, mitbeten und auch mitorganisieren. Gerade im Oktober, in dem wir den Weltmissionssonntag feiern, besuche ich andere Pfarreien und Diözesen, wo ich über die Mission sprechen kann. Unsere Hauptveranstaltung ist die jährliche Missionswallfahrt, an der ich mit einer Gruppe von Missionaren rund 2000 Kilometer zurücklege, wo wir abgelegene Pfarren besuchen, gemeinsam beten, durch Vorträge den Glauben vertiefen und uns gegenseitig durch Gemeinschaft und Zeugnis bereichern. Ziel der Veranstaltung ist das Heiligtum der hl. Therese von Lisieux in der Stadt Pavlodar, im Nordosten des Landes, wo wir ein zweitägiges Programm für die Pilger aus der ganzen Diözese anbieten.

Wie schwer ist die Aufgabe als Missionar? Wo sehen Sie die großen Herausforderungen?
P. Leopold: Insofern „Missionar-Sein“ bedeutet, dass ich erkenne, dass ich selber „Mission“ bin, geht es darum, jeden Tag aufs Neue die Verbindung mit Jesus zu suchen, aus ihr heraus zu leben und durchlässig zu sein. Im Kontakt mit den Menschen sehe ich einerseits eine große Offenheit bezüglich Religion und Glaubensfragen. Es ist eine Grundreligiosität da, die allerdings recht diffus ist. Die östliche Mentalität identifiziert Religion und Volkszugehörigkeit: Wenn man Kasache ist, „muss“ man Muslime sein, als Russe ist man orthodox, als Pole „katholisch“. Fast ununterbrochen betone ich, dass „Katholisch“ allumfassend bedeutet.

Wo sind die schönen „Seiten“ der Aufgabe?
P. Leopold: Je mehr man in das Leben Kasachs­tans eintaucht, umso deutlicher werden die Unterschiede in Kultur und Mentalität. Meine Aufgaben bringen es mit sich, dass ich viele Menschen treffe, was sehr bereichernd ist. Schön ist, dass durch unsere Schule „Sankt Lorenz“ wirklich eine langfristige Hilfe und Verbesserung der Lebenssituation möglich ist. Durch Bildung und Erziehung im christlichen Geist haben die Jungen die besten Voraussetzungen, um ihr Leben gut und auch erfolgreich zu gestalten. Schön sind auch die Besuche bei den einfachen Menschen, den Kranken und Alten. Viele sind einsam und freuen sich über den Kontakt und das gemeinsame Gebet. Viel Freude bereitet auch die Arbeit mit der Jugend. Mehrmals im Jahr veranstalten wir Jugendlager, die von den jungen Menschen gerne besucht werden.

Wie groß ist die Not im Land?
P. Leopold: Gerade im Kontakt mit den einfachen Menschen des Landes sehen wir, dass viele noch in großer Armut leben. Seit einigen Jahren können wir mit Hilfe von Missio Österreich ein Familienprogramm durchführen, wo wir Familien in konkreten Notsituationen helfen. Groß wird die Not besonders dann, wenn – was leider sehr häufig ist – in der Familie ein Problem mit Alkohol besteht. Wir betreuen auch viele Single-Mütter, die oft am Existenzminium leben.

Verspürt man als Missionar auch Heimweh?
P. Leopold: Wenn der Winter sehr lange dauert, dann wünscht man sich schon gerne ein paar warme Tage in Österreich. Ansonsten ist Kasachs­tan schon zu einer zweiten Heimat geworden.

Haben sich über die Jahre die Maßstäbe für die Mission verändert?
P. Leopold: In den Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war die Pastoral vor allem auf die traditionell katholischen Gruppen der Polen und Deutschen ausgerichtet, die während der Stalinzeit nach Kasachstan deportiert wurden. Mittlerweile sind die meis­ten in ihre historische Heimat ausgereist. Wir haben jetzt die große Aufgabe, mehr und mehr auf die kasachische muslimische Bevölkerung zuzugehen. Das beginnt damit, dass wir neben der russischen Sprache auch Kasachisch lernen. Es geht darum, dass die Kasachen sehen, dass die Kirche sie nicht ihrer Wurzel beraubt, sondern, dass sie durch Christus letztlich auch ihre Identität tiefer und besser verstehen. Es gibt in dieser Beziehung auch nicht wenige historische Arbeiten, die aufzeigen, dass das Christentum in Zentralasien schon tiefe Wurzeln hat, die zirka 1500 Jahre zurückreichen.

Was raten Sie jungen Menschen, die eine Berufung als Missionar/Missionsschwester verspüren?
P. Leopold: Ganz kurz! Erstens: Mission beginnt bei uns selber – Jesus Christus lieben und ihn sichtbar machen im eigenen Leben. Zweitens: Keine Angst davor haben, die Komfortzone zu verlassen.

In Österreich gibt es immer mehr Menschen, die sich von der Kirche abwenden oder Katholiken, die keinen Bezug mehr zur Kirche oder ihrer Pfarre haben. Sehen Sie Österreich als Missionsland?
P. Leopold: Ich glaube, dass Österreich immer auch ein Missionsland war. Früher haben wir mit dem Wort „Mission“ große Distanzen und andere Kontinente verbunden. Papst Franziskus sagte einmal, dass Mission nicht eine Frage der „Füße“, sondern des Herzens sei. Jeder Mensch, egal wo er lebt, ist von Gott zur Liebe und Befreiung in Christus berufen. Gerade das positive und Bereichernde des katholischen Glaubens erfährt man vielleicht mehr dort, wo Christen nur eine kleine Minderheit darstellen. Österreich hat tiefe christliche Wurzeln. Es gibt auch viele Chris­ten, Pfarren und Gemeinschaften, die ein großartiges Zeugnis leben. Allerdings befinden wir uns sicherlich am Übergang von einer Volkskirche zu einer Kirche, wo der Einzelne viel mehr gefordert ist, sich wirklich bewusst mit dem Glauben und der Kirche auseinanderzusetzen und eine eigene Entscheidung zu treffen. Ich wünsche vielen Menschen in Österreich, dass sie diesen wichtigen persönlichen Schritt in ihrem Leben wagen!

Interview: Sonja Planitzer

Weltmissionstag

Monat der Weltmission.
Der Oktober ist der Monat der Weltmission, der am vierten Sonntag des Monats, in diesem Jahr der 24. Oktober, im Weltmissionssonntag gipfelt. Das Motto des diesjährigen Missionsmonats lautet: „Wir können nicht anders, als darüber zu sprechen, was wir gesehen und gehört haben“. Der Monat der Weltmission ist die größte weltweite Solidaritätsaktion der katholischen Kirche. Dabei sammeln Missio-Werke in rund 100 Ländern, darunter auch in Österreich, Spenden für die Seel­sorge, Ausbildung und Sozialarbeit der Kirche in den ärms­ten Diözesen der Welt.

Kern der Missionsarbeit.
Papst Franziskus bezeichnet die offene Begegnung miteinander als Kern der Missionsarbeit. Christliche Mission beruhe auf den Zeugnissen von Männern und Frauen, die sagten: „Ich kenne Jesus, ich möchte, dass auch du ihn kennenlernst.“ Alle seien aufgerufen, Missionare zu sein. Dabei genüge es, seinem Ruf zu folgen und sich bei den täglichen Dingen, etwa der Arbeit, vom Heiligen Geist leiten zu lassen.

Jugendaktion.
Fixpunkt im Missionsmonat Oktober ist die Jugendaktion von Missio Österreich. Mit dieser Aktion solidarisieren sich seit 1974 junge Menschen mit Gleichaltrigen in den ärmsten Ländern der Welt. In diesem Jahr werden unter dem Motto „Tu Gutes für dich & mich“ 300.000 Packungen Schokopralinen und 60.000 Packungen vegane „Happy Blue Chips“ von Kindern und Jugendlichen in Schulen, Pfarren und Jugendgruppen zum Kauf angeboten. „Allein in den letzten 20 Jahren konnten wir durch die Jugendaktion Hilfsprojekte im In- und Ausland mit rund 2,5 Millionen Euro unterstützen“, sagt Pater Karl Wallner, Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich. Der Reinerlös geht in diesem Jahr an benachteiligte Jugendliche in Kenia, Uganda, Peru und Pakistan, die besonders unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie leiden, sowie an ein Bildungsprojekt der Katholischen Jugend Österreich, das die Aktion ebenfalls seit Jahren unterstützt.

„Missio“-Gründerin wird seliggesprochen.
Pauline Jaricot (1799-1862), die als Gründerin der heutigen Päpstlichen Missionswerke „Missio“ gilt, wird am 22. Mai 2022 im französischen Lyon seliggesprochen. Jaricot gründete 1822 als 23 Jährige das „Werk der Glaubensverbreitung“. Aus dieser Organisation gingen 100 Jahre später die „Päpstlichen Missionswerke“ (Pontificia Opera Missionaria) hervor. Mit Blick auf beide Jubiläen planen die Päpstlichen Missionswerke für 2022 ein weltweites Festjahr.

Spendenkonto Missio Österreich:
IBAN: AT96 6000 0000 0701 5500
BIC: BAWAATWW

Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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