Betrachtung
Das Leben: ein Heiliger Abend
- J. Hoover: Christmas Eve.
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Am 25. Dezember feiert die Kirche das „Hochfest der Geburt unseres Herrn“ – Weihnachten. Wirklich weihnachtlich ist bei uns aber der Heilige Abend. Warum das auch gar nicht falsch ist.
Wir kennen es aus amerikanischen Weihnachtsfilmen: Am Weihnachtsmorgen laufen die Kinder die Stiege hinunter ins Wohnzimmer, wo dann schon die Geschenke unter dem reich geschmückten Christbaum warten; prall gefüllte Strümpfe hängen am Kaminsims, Fußspuren am Boden verraten den nächtlichen Besuch des Weihnachtsmanns.
Bei uns ist das doch anders: Weihnachten, das ist gefühlsmäßig nicht der Morgen des 25. Dezember, sondern der Heilige Abend. Mette, Bescherung, Familienabendessen, das alles ereignet sich in der „Stillen Nacht“ – unsere Bräuche und Traditionen drehen sich um diesen von einer fast schon magischen Aura durchwirkten und Kerzenlicht erleuchteten Zwischenraum zwischen Herbergsuche und Weihnachtsmorgen.
Im liturgischen Kalender ist eigentlich auch der 25. das Hochfest, an dem der Geburt Jesu gedacht wird. Im Messbuch sind vier Messen vorgesehen: „Am Vorabend“, „In der Heiligen Nacht“, „Am Morgen“ und „Am Tag“. Es ist, als würde eine Messe gar nicht reichen, dieses Geheimnis in sich zu halten, dieses Mysterium auszudrücken. Man braucht ganze vier Messen, um dem Ereignis Weihnachten gerecht zu werden: der Geburt des Sohnes Gottes, Jesus Christus.
Und doch ist es bei uns gerade die Messe „in der Heiligen Nacht“, die Mette, die uns in besonders weihnachtliche Stimmung versetzt. Das schummrige Licht, die gedämpfte Stimmung, davor oder danach dann die Gemütlichkeit eines Abends im Kreise der Liebsten – das schlägt Saiten unserer Seelen an, die ausschließlich zu Weihnachten erklingen. Aber warum eigentlich?
Das Leben ist im christlichen Sinn immer ein Warten.
Es ist mit Sicherheit einfach eine Stimmungsfrage. So viele Geschichten, so viele Bilder, so viele Traditionen haben uns das Bild einer verschneiten Weih-Nacht vermittelt.
Doch es lässt sich hier noch ein anderer Sinn gewinnen: Das Dazwischen – die Nacht, in der sich die Geburt ereignet hat, als den Hirten die Botschaft von der Geburt des Erlösers zuteil wurde, die Dunkelheit, in die plötzlich das Licht der Welt hineinbricht, noch ehe die Sonne aufgegangen ist – das alles ist eigentlich auch eine bildhafte Umschreibung des menschlichen Lebens ganz generell.
Das Leben ist im christlichen Sinn immer ein Warten: Der Christ wartet auf die sogenannte „Parusie“, das zweite Kommen Jesu Christi am Ende der Zeiten. So wie wir am Heiligen Abend auf das Christkind warten, wartet die Christenheit auf das Wiederkommen des triumphierenden Christus, von dem im Glaubensbekenntnis gesagt ist: „Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten.“
Dieses Warten ist natürlich kein untätiges Herumsitzen: Die Erwartung des wiederkommenden Erlösers fordert uns zur Vorbereitung und zur Wachsamkeit auf: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ (Mt 25,13), sagt uns Jesus. Wie wir den Heiligen Abend in gespannter Erwartung auf das Christkind verbringen, gemeinsam beten und singen, uns beschenken, in Liebe Zeit miteinander verbringen, kann auch in unseren Alltag hineinwirken: Wenn er geprägt ist vom Bewusstsein, dass das ganze Leben ein Heiliger Abend ist, an dem wir ein zweites Mal auf den Herrn warten.
Autor:Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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