Kirchengeschichte
Auf dem Index

Der „Index Librorum Prohibitorum“ von 1948, die letzte Liste verbotener Bücher, befindet sich im historischen Archiv des Dikasteriums für die Glaubenslehre. | Foto: Planitzer
  • Der „Index Librorum Prohibitorum“ von 1948, die letzte Liste verbotener Bücher, befindet sich im historischen Archiv des Dikasteriums für die Glaubenslehre.
  • Foto: Planitzer
  • hochgeladen von Matthias Wunder

Vor 60 Jahren wurde der „Index Librorum Prohibitorum“ abgeschafft und die lange Geschichte kirchlicher Zensur endete. Aber warum gab es überhaupt eine Liste verbotener Bücher?

Was haben Voltaire, Simone de Beauvoir, Alexandre Dumas (der Jüngere und der Ältere), Ovid und Martin Luther gemeinsam? Sie alle haben Bücher geschrieben, von denen sich die Kirche sicher war: Man ist besser dran, wenn man sie nicht gelesen hat; ja, es wäre sogar schädlich, sie zu lesen, weil sie Seele und Geist, Sitte und Moral so sehr verwirren, dass dabei nichts Gutes herauskommen kann. Alle genannten Autoren standen auf dem „Index Librorum Prohibitorum“, jener Liste verbotener Bücher, die von der Inquisition seit 1559 in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen herausgegeben wurde, bis man sie im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils ohne viel Aufhebens wieder abschaffte.

Warum aber kam die Kirche überhaupt auf die Idee, eine solche Liste anzufertigen? Oder, provokativer gefragt, woher hat sich die Kirche dieses Recht genommen? Begonnen hat die Geschichte der kirchlichen Zensur bereits zur Zeit der frühchristlichen Konzilien. Diese wurden einberufen, um Lehren, die über den Kern der Überlieferung hinausgingen oder davon abwichen, zu diskutieren, zu prüfen und gegebenenfalls zu verurteilen. So erging es beispielsweise dem Priester Arius, der die Göttlichkeit Jesu Christi leugnete und am Konzil von Nicäa verurteilt wurde. Mit der Verurteilung ging dann auch ein Verbreitungsverbot einher, das meist besagte, dass diejenigen, die eine vom Konzil verworfene Lehre verbreiteten, mit Exkommunikation bestraft würden.

Für manche Intelektuelle war es fast schon eine Auszeichnung, auf dem Index zu stehen.

Mit Aufkommen des Buchdrucks, der Reformation sowie dem Erstarken der Universitäten bedurfte es dann eines einheitlichen, zentralisierten Verfahrens, mit dem die Kirche all ihren Gliedern unmissverständlich klarmachen konnte: In diesem und jenem Buch gibt es Inhalte, die sind mit dem Glauben der Kirche nicht vereinbar und deswegen dürft ihr es nicht lesen.

Der Erfolg war gemischt: In Italien und auf der iberischen Halbinsel konnte der aufkeimende Protestantismus zurückgedrängt werden, im heutigen Deutschland war es für manche Intelektuelle schon fast eine Auszeichnung, auf dem Index zu stehen. Das kann man sich vielleicht ein bisschen so vorstellen, welchen Effekt heutige Jugendschutz-Indices zuweilen haben: Die meisten Teile der weltberühmten Horrorreihe „Saw“ zum Beispiel sind in einigen Ländern der Welt verboten oder nur stark zensiert erhältlich. Auf eingefleischte Horrorfans mag das aber eher werbend als abschreckend wirken. Natürlich sind Voltaire und Saw zwei Paar Schuhe, aber die Grundanliegen im Verbot von Voltaires Schriften durch die Kirche und der Zensur von Saw durch den Jugendschutz sind ähnlich: man möchte vor Inhalten schützen, die man für schädlich hält. In Österreich gibt es übrigens einen solchen Jugendschutz-Index nicht – und auch der kirchliche Index der römischen Inquisition hatte schon zur Zeit Josephs II. keine Relevanz in den habsburgischen Landen.

Aufklärung und Kontrollverlust

Joseph II. war ein Monarch der Aufklärung. Die Aufklärung konnte mit Bücherverboten und -verbrennungen wenig anfangen, war sie doch jene Epoche, in der der Mensch „aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ in die Souveränität über sein eigenes Denken und Handeln geführt werden sollte. Die Kirche verlor immer mehr an Macht und Einfluss, sodass die Androhungen von Exkommunikation kaum noch Wirkung zeigten. Die Aufklärung entmachtete die Kirche als jene Instanz, die die Deutungshoheit in der Gesellschaft hatte.

Dass die kirchliche Zensur gegen die immer populärer werdenden Ideen der Moderne wenig auszurichten wusste, merkte die Kirche irgendwann selbst. Immer seltener wurde der Index aktualisiert – zu Zeiten der Gegenreformation entsandte der Heilige Stuhl fast monatlich neue „Schwarze Listen“ – bis Papst Paul VI. den Index stillschweigend abschaffte. Im Motu Proprio „Integrae servandae“ vom 7. Dezember 1965 reformierte Papst Paul VI. das Heilige Offizium, also die Nachfolgeorganisation der römischen Inquisition, und erwähnte den Index in ihrem Aufgabenkatalog einfach nicht mehr. Somit war der Index faktisch abgeschafft, die letzte Version war auch schon knapp 20 Jahre alt. Offiziell wurde das Einstampfen des Index mit einem Erlass vom 14. Juni 1966. Der Index war jetzt ganz offiziell tot, auch weil die Kirche merkte: Mit Verboten lässt sich der Glaube heute nicht mehr gut verkaufen. Um sich im freien Markt der Meinungen und Religionen behaupten zu können, zählen die besseren Argumente. Und die hat das Christentum sowieso, man muss sie nur glaubhaft vertreten.

Autor:

Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ