20. Sonntag im Jahreskreis | 16. August 2026
Meditation
- Foto: Loeffke/KNA
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Mit offenen Sinnen
Als ich in den Ferien auf einem Saumweg Esel beobachten konnte, wurde mir die Mönchsregel Benedikts geradezu vor Augen geführt. Wahrscheinlich hatte Benedikt einen Esel beobachtet, bevor er vor 1500 Jahren die Weisung niederschrieb, mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren durchs Leben zu gehen. Damit meint er nicht nur unsere Sinnesorgane, sondern er spricht sogar ausdrücklich vom Ohr des Herzens.
Der Esel hat große, offene Augen. Er ist ein genügsames Tier. Er braucht nicht Luxusheu, sondern ist auch mit Disteln zufrieden. Er ist sehr treu. Er nimmt anderen Lasten ab. Er kann Hitze aushalten. Als Kühlsystem funktionieren die großen Ohren, aufgeschreckt für jedes Geräusch. Und dann kommt noch etwas Beeindruckendes hinzu, weswegen wir übrigens auch vom dummen oder störrischen Esel sprechen. Das Pferd flieht in Stresssituationen und bei Gefahr. Der Esel wartet ab, beurteilt die Lage und läuft dann weiter oder zurück. Weil der Esel nicht einfach tut, was der Mensch will, nennen wir ihn dumm und störrisch. Aber eigentlich ist gerade dieses Verhalten viel überlegter als das Verhalten des ängstlichen Pferdes. Mit offenen Sinnen wie ein Esel sollen wir durchs Leben gehen. Warum? Weil Benedikt überzeugt ist, dass Gott da ist. Er, der sich bei Mose in der Wüste als der Ich bin da offenbart hat. Diese Gegenwart ist nicht aufdringlich, sondern oft sehr verborgen. Wir müssen sie entdecken. Wir müssen dafür die Augen offen und die Ohren aufgeschreckt haben. Das ist die Grundhaltung eines glaubenden Menschen: Trotz allem vertrauensvoll den Weg gemeinsam weitergehen. Weil Gott da ist. Wer glaubt, sieht mehr und hört mehr. Wer nicht glaubt, übersieht und überhört das Wichtigste: Gottes Gegenwart. Heute, in einer Situation, in der viele Menschen in großer Not sind – in der Ferne, aber auch in unserer Umgebung – spricht Gott zu uns: „Sprecht zu den Herzverscheuchten: Seid stark, fürchtet euch nimmer, ... er selber kommt und befreit euch!“ (Jes 35,4).
Wenn uns jemand für einen Esel hält, sollte das uns eigentlich freuen. Ein Esel geht mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren durchs Leben und lässt sich nicht dirigieren wie ein Pferd.
Aus: Martin Werlen, Wo kämen wir hin?
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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