Allerseelen | 2. November 2025
Meditation
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Erinnerung
Letzte Reife
Von gesenkten Zweigen
Fällt die Frucht ins Gras;
Wundervolles Schweigen,
Das die Welt vergaß.
Reife fand die Traube,
Im Faß gärt der Wein,
Sanft wie eine Taube
Kommt das Stille-Sein.
Nimmer Glut und Fragen,
Was der Mühen Sinn –
Land und Seele sagen:
Alles wird Gewinn.
Josef Rudolf Woworsky,
aus: Die Lebenswaage, Styria Verlag 1956
Nebel senkt sich über das Land und hüllt alles ein. Schönes wie Schreckliches, wie in Watte gepackt. Kalt und feucht sind Morgen und Abend. Einen modrigen Geruch verbreitet die Nacht. Die Bäume müssen Loslassen lernen. Wir halten lieber fest. Auch wenn der Frost an uns zerrt. Dann und wann zwingt uns das Leben. Wie sich in der Bürste mit jedem Kämmen lose Haare mehren, werden die Menschen, von denen wir uns verabschieden mussten, von Jahr zu Jahr mehr.
Wenn das Leben an Jahren zunimmt, werden Erinnerungen größer, erste Male seltener und „Weißt du noch ...?“ häufiger. Der wievielte Herbst zieht in mein Leben? Und trotzdem will ich noch vor den leuchtenden Farben der Laubbäume staunend stehen, Rosskastanien in meine Jackentasche stecken und sie nächstes Jahr ganz verschrumpelt darin wiederfinden, dankbar Naturwunder, wie Spinnennetze voller Tau-Perlen, betrachten.
Mit der Zeit werden aus Namen und Gesichtern Fotos und Geschichten. In Stein gemeißelt besuchen wir sie zumindest einmal im Jahr am Friedhof. Wenn danach alte und junge Hände sich an Teetassen aufwärmen, den Hagelzucker vom Striezel stibitzen oder die Rosinen herauskletzeln, dann ist wieder ein Jahr vergangen. Weitere Namen wurden zu Schriften auf Steinen. Von den Spuren, die sie in unseren Herzen hinterlassen haben, erzählen wir einander bei Tee und Süßgebäck
– Jahr um Jahr wieder. Aus Leben wird Erinnerung. Und Erinnern ist Leben.
Katharina Grager
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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