11. Sonntag im Jahreskreis | 14.06.2020
Meditation

In Richtung Unendlich.

Was wird anders in unserem Leben durch den Glauben? Das, was anders wird im Leben eines Blinden, wenn er plötzlich sieht. Sein Weg und seine Umgebung bleiben dieselben und auch die Menschen, aber er sieht sie, und vor allem sieht er, wohin er geht.
Viele haben sich heute praktisch damit abgefunden, dass sie leben, ohne zu „sehen“. Sie stellen keine Fragen mehr. Meine lieben Zuhörer, warum leben Sie? Warum stehen Sie jeden Morgen wieder auf, um zur Arbeit zu fahren, und da ein ganzes Leben lang? Warum das ewige Einerlei von Arbeiten, Essen, Schlafen, das mehr und mehr Menschen allmählich anekelt, weil dieses Leben in ihren Augen keinen Sinn mehr hat? Sie sind blind. Meine lieben Zuhörer, warum leben Sie?
Viele von Ihnen werden sagen: „Wegen unserer Kinder!“ Das ist richtig, aber damit haben Sie die Frage nicht beantwortet, sondern nur verlagert; und im übrigen werden Ihre Kinder vor genau derselben Frage stehen, und das Problem wird noch brennender sein, weil die junge Generation immer weniger bereit ist zu leben, ohne zu wissen, warum. Was wollen Sie antworten, wenn sie Ihnen sagen: „Ich habe nicht darum gebeten zu leben!“ Eine der tiefsten Wurzeln ihres Unbehagens ist, dass wir ihnen zwar beibringen wollen, wie man lebt, ihnen zuvor aber nicht zu sagen vermögen, warum man lebt. Warum leben?
Andere Menschen, z. B. engagierte Gewerkschaftler, Politiker etc., kämpfen für eine bessere Welt. Dieser gerechte und notwendige Kampf gibt ihrem Leben zwar „einen Sinn“, aber doch keine erschöpfende Antwort, wenn dieses Leben und dieser Kampf um die Dimension des Unendlichen verkürzt werden. Ich möchte diese Leute mit Besatzung und Passagieren auf einem riesigen Schiff vergleichen. Auf See setzen sich ein paar verantwortungsbewusste Leute dafür ein, dass das Schiff instandgehalten wird, dass die Passagiere sich organisieren, dass alle mit dem nötigen Respekt behandelt werden, dass ihre Würde gewahrt bleibt, dass sie sich gegenseitig helfen, dienen … Aber seit geraumer Zeit hat das Schiff die Taue gekappt und den Kompass verloren. Keiner weiß, woher es kommt, wo es sich befindet, wohin es fährt. Ein Geisterschiff, das verdammt ist, im Nichts zu scheitern.
Nein, das Problem bleibt ungelöst, und eben darin liegt die Tragödie der heutigen Menschheit: Immer mehr Menschen ergreift panische Angst, ein Leben zu leben, dessen Sinn sie nicht mehr kennen.

Michael Quoist in einer Fernsehpredigt,
als Text in seinem Buch „Botschaft vom Bildschirm“
1978 im Styria-Verlag erschienen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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