4. Sonntag der Osterzeit | 21. April 2024
Meditation

Foto:  istock.com

Lob der Nutzlosigkeit

Die Firma 3M hat aus den Erfahrungen mit Post-it eine wichtige Konsequenz gezogen: Sie erlaubt ihren Mitarbeitenden, 15 Prozent der Arbeitszeit mit Forschungen zu verbringen, für die keine Rechenschaft verlangt wird. In diesem Freiraum können spielerisch neue Möglichkeiten erprobt werden. Wer hätte schon gedacht, dass so etwas Nutzloses wie ein Kleber, der nicht richtig klebt, einmal zu einem äußerst erfolgreichen Produkt werden könnte? Niemand. Das hat sich so ergeben. Mit andern Worten: Wer etwas Nützliches erfinden will, darf sich vor dem Nutzlosen nicht fürchten.

Heute herrscht vielerorts ein plattes Nützlichkeitsdenken. Es frisst sich in fast alle Lebensbereiche und überprüft jede Sache und jede Situation darauf, ob sie auch etwas „bringt“ oder nicht. Alles wird kalt berechnet. Damit verlieren die Dinge ihre Schönheit und ihre Poesie. Wo alles nützlich zu sein hat, bleibt kaum Platz für Phantasie und Kreativität. Deshalb: Ein Lob auf die Nutzlosigkeit!

Sie zeugt vom Reichtum und vom Überfluss des Lebens. Sie lädt ein zum selbstvergessenen Spiel, zum Verweilen ohne Zweck und ohne Ziel. In einer Gesellschaft, in der alles so schrecklich nützlich sein muss, tut sie schlicht und einfach gut. Sie eröffnet einen Raum der Freiheit.

Als der chinesische Weise Lao Tse mit ein paar Schülern durch einen Wald wanderte, begegneten sie Holzfällern. Hunderte von Bäumen waren geschlagen worden. Mit dem Holz sollte ein großer Palast gebaut werden. Nur ein alter, mächtiger Baum blieb einsam in der gerodeten Waldlandschaft zurück. Warum dieser nicht gefällt worden sei, wollten die Schüler wissen. Die Holzfäller antworteten: „Dieser Baum ist nutzlos. Er hat zu viele Äste und Knoten. Das gibt keine guten Balken. Sein Holz ist zu alt und zu dürr und taugt nicht einmal als Brennholz, weil es zu viel Rauch verursachen würde. Also ließen wir ihn stehen.“

Lao Tse stand daneben und sagte zu seinen Schülern: „Macht es wie dieser Baum: Seid nutzlos, absolut nutzlos, dann wird euch niemand etwas antun, und ihr werdet groß und alt.“

Aus: Lorenz Marti, Wer hat dir den Weg gezeigt? Ein Hund, Verlag Herder.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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