Weltanschaungsarbeit heute | 27
Wut der Verunsicherten
- Gefährlich ist die „Mannosphäre“ – ein digitales
Männermilieu – nicht nur wegen ihrer Rohheit, sondern vor allem wegen ihrer Verführungslogik. - Foto: pexels
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Die „Mannosphäre“ und die „perfekte“ Männlichkeit.
Frauen wollen von Männern geführt werden.“ Was wie ein Echo aus vergangenen Zeiten klingt, gehört zum Klang digitaler Gegenwart. Eine Rhetorik von Dominanz und Selbstüberhöhung. Das Destillat eines Männerideals aus Selbstoptimierung und Frauenhass. Ein Leitbild der „Mannosphäre“.
Die „Mannosphäre“ bezeichnet eine digitale Strömung, die von subtiler Frauenfeindlichkeit bis hin zu offener Radikalisierung reicht. Verbindungen zu rechtsextremen und antisemitischen Ideologien sind dokumentiert. Unterschiedliche Gruppen gehören zur Szene. So beispielsweise die „Incels“ – die „involuntary celibates“: junge Männer, die „unfreiwillig zölibatär“ leben. Ein Phänomen, das zuletzt auch die vielbeachtete Netflix-Serie „Adolescence“ ins Zentrum rückte. Sie verstehen ihre Situation nicht als persönliche Problematik, sondern sind überzeugt, von Frauen systematisch zurückgewiesen zu werden. Frauen erscheinen darin zugleich als allmächtig und schwach – ein typisches Denkschema radikaler Vorstellungswelten.
Andrew Tate, ehemaliger Kickboxer, gilt als Leitfigur der „Mannosphäre“. Mit seiner Selbstmythologisierung als „Alpha-Mann“ erreicht er Millionen von Menschen über digitale Medien und propagiert ein hypermaskulines Weltbild. Vom Extrem eines Andrew Tate, gegen den wegen Menschenhandel und Vergewaltigung ermittelt wird, führt auch eine Linie zu lokalen Varianten desselben autoritären Denkens – etwa zum oberösterreichischen Lebenscoach Markus Streinz, gegen den öffentlich Vorwürfe von Gewalt und sektenähnlichen Abhängigkeitsstrukturen erhoben wurden.
Gefährlich ist dieses digitale Männermilieu nicht nur wegen seiner Rohheit, sondern vor allem wegen seiner Verführungslogik. Diese greift reale Erfahrungen auf: Einsamkeit, Scham oder das Gefühl, nicht zu genügen. Diese werden jedoch nicht reflektiert, sondern in Feindbilder umgeleitet. Aus Verunsicherung und Kränkung wird Überlegenheitsgehabe. Der Sehnsucht nach Nähe und Anerkennung wird kein tragfähiger Entwurf von Beziehung geboten, sondern ein dumpfes Männlichkeitsprogramm aus Großtuerei und emotionaler Verwahrlosung.
Psychologisch kann das als Abwehrmechanismus verstanden werden. Wo das eigene Selbst als verletzlich und ohnmächtig erlebt wird, kann die Entwertung der anderen stabilisierend wirken. Halt entsteht in Fantasien von Erhabenheit und Grandiosität. Frauen werden zum „Beweisstück“ einer ungerechten Welt und damit zur Legitimation männlicher Härte.
Die „Mannosphäre“ rehabilitiert Hierarchie und Herabwürdigung als natürliche Ordnung. Hinter dieser männlichen Selbstinszenierung steht eine erschreckend schlichte Denkfigur, in der Menschen nicht als freie Gegenüber erscheinen und Beziehungen zur Bühne archaischer Machtphantasien werden. Das widerspricht einem humanistischen und christlichen Menschenbild und greift das Fundament jeder zivilisierten Gesellschaft an: die Würde des Menschen.
Eva-Maria Melk-Schmolly
Eva-Maria Melk-Schmolly ist Psychotherapeutin und Fachreferentin für Weltanschauungsfragen in der Diözese Feldkirch
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Was macht die „Mannosphäre“ auch für Männer problematisch?
Sie verspricht Souveränität, führt aber in emotionale Unreife und wirkt wie eine Anleitung zur Infantilisierung. Sie raubt männlichen Jugendlichen die Erfahrung dessen, was erwachsene Stärke ausmacht: lieben zu können, ohne die andere Person besitzen zu wollen, und auf Enttäuschungen und Frustration nicht mit Kontrolle und Zerstörungswut zu reagieren.
Was sagt dieses digital vermittelte Männerbild über unsere Gesellschaft aus?
Dass unter der Oberfläche moderner Geschlechtergerechtigkeit uralte Reflexe und patriarchales Herrschaftsdenken neue Schärfe gewinnen. Wo junge Männer sich orientierungslos und überfordert fühlen, kehrt das tief verankerte Muster zurück: Frauen werden zur Projektionsfläche männlicher Machtphantasien.
Bei Fragen wenden Sie sich an das Referat für Weltanschauungsfragen Ihrer Diözese: weltanschauungsfragen.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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