Weltanschauungsarbeit heute | 1
Thema: Sekten

Was ist aus den Sekten geworden?

Die katholische Weltanschauungsarbeit hat sich über die Jahrzehnte stark verändert – weg von einer ausgrenzenden und abwertenden Haltung gegenüber anderen Gruppierungen und Denkweisen hin zu einem aufmerksamen, aber kritischen Beobachten. Durch profunde Information und Beratung soll Orientierung gegeben werden im reichen spirituellen Angebot unserer Zeit.
In einer neunteiligen, monatlich erscheinenden Serie zeigen die österreichischen Kirchenzeitungen zusammen mit der ARGE Weltanschauungen, womit sich katholische Weltanschauungsarbeit heute befasst.

Kaum noch verwendet
Im ersten Beitrag geht es um das Thema „Sekten“. Ein Begriff, der als Problemanzeiger an Bedeutung verloren hat und in der Weltanschauungsarbeit kaum noch verwendet wird.
„Sekte“ leitet sich vom lateinischen Wort „secta“ ab und bedeutet „Partei, Lehre, Schule“. Dem Begriff „secta“ liegt das Wort „sequor“ zugrunde, was so viel wie „(nach)folgen“ bedeutet. Der Begriff „Sekte“ bezeichnete ursprünglich also eine Gruppe von Personen, die einer bestimmten Lehre und Ordnung folgen. War der Begriff im römischen Kontext noch wertneutral, wurde er im Neuen Testament (NT) und der darauffolgenden Zeit zunehmend zur Abgrenzung verwendet. Für das lateinische „secta“ steht im NT der griechische Begriff „hairesis“ (= „Wahl, Erwähltes“), von dem sich das Wort „Häresie“, zu Deutsch „Irrlehre“, ableitet.
Erst mit dem Aufkommen der Religionswissenschaft und der Religionssoziologie fand der Begriff „Sekte“ wieder eine wertneutralere Verwendung. Doch seine abwertende und vorverurteilende Konnotation hat er im Alltagsgebrauch bis heute behalten.
Katholische Weltanschauungsarbeit hat heute nicht mehr den Anspruch, zu beurteilen, was die „richtige“ und was die „falsche“ Lehre ist, sondern will einen Beitrag leisten zu einer differenzierten Wahrnehmung religiöser und weltanschaulicher Vielfalt.
Diesem Anspruch wird der Begriff „Sekte“ nicht mehr gerecht. Man spricht daher von „problematischen Inhalten“ oder „problematischen Verhaltensweisen von Gruppierungen und Einzelpersonen“. Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen, wo religiöse und weltanschauliche Angebote die Autonomie des einzelnen gefährden und wo für die Seele und den Körper ungesunde (religiöse) Verhaltensweisen gefordert und gefördert werden.
Darüber hinaus wird gegebenenfalls deutlich gemacht, wofür der christliche Glaube steht und was ihn auszeichnet.
Helmut Kirchengast


Helmut Kirchengast

ist Theologe, Ombudsmann und Referent für Weltanschauungsfragen in der Diözese Graz-Seckau.

  • Wie kann man sich Weltanschauungsarbeit heute konkret vorstellen?
    Menschen nehmen mit uns Kontakt auf, weil sie etwas wissen möchten und/oder Orientierung suchen. Wir geben ihnen Informationen und Einschätzungen aus unserer katholischen Perspektive. Wichtig ist uns, Menschen durch Fort- und Weiterbildung zu ermächtigen, problematische Grundhaltungen bei Gruppierungen und Weltanschauungen selbstständig zu erkennen und mit diesen kritisch umzugehen.
  • Spielen klassische „Sekten“ in der Beratung noch eine Rolle?
    Scientology, Zeugen Jehovas und andere „Sekten“ sind immer wieder Thema, haben aber erheblich an Bedeutung verloren. Heute geht es in der Beratung oftmals um Social-Media-Angebote und kleinere Guru-Gruppen, die den Menschen ihr Heil meist in Form von Selbstoptimierung versprechen und dabei Geld verdienen möchten.

Referat bzw. Fachstelle für Weltanschauungsfragen
Jede Diözese verfügt über ein Referat bzw. eine Fachstelle für Weltanschauungsfragen. Sie bieten …

  • Orientierung in der Vielfalt religiöser Bewegungen und weltanschaulicher Strömungen.
  • persönliche Beratung und Hilfe für Menschen, die belastende Erfahrungen mit problematischen Gemeinschaften machen.
  • schriftliche Information zu unterschiedlichen Themenbereichen in Form von Texten, Broschüren und Lexikonartikeln sowie Materialien für die Bildungsarbeit und den Unterricht.

www.weltanschauungsfragen.at

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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