Weltanschauungsfragen | Teil 9
Hauptsache gesund?!

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Von Wunderheilern und Gesundbeterinnen.

Alternative und spirituelle Heilverfahren sind kein modernes Phänomen, neu ist allerdings, dass ein Markt mit unüberschaubar vielen Angeboten entstanden ist. Der Bogen spannt sich von traditioneller chinesischer Medizin, Kneippanwendungen, Heilfasten, Homöopathie, Akupunktur über autogenes Training, Yoga, Reiki, Bachblüten, Strömen, Tai Chi hin zu Schamaninnen sowie Wunder- und Geistheilern.
Sehr viele Methoden, die Gesundheit und Heilung versprechen, gehören in den Bereich der Esoterik sowie des Lebenshilfe- und Psychomarktes. Eine andere, sehr kleine Gruppe bilden Frauen und Männer, denen eine spezielle Gabe zukommt, durch die sie heilen können. Im Volksmund werden sie Warzawible, Gesundbeterinnen oder Blutstiller genannt.
All diese Heilmethoden und ihre Qualität könnten oft unterschiedlicher nicht sein. Jedes Angebot muss deshalb einzeln für sich geprüft und bewertet werden. Teilweise kann eine Wirksamkeit wissenschaftlich bewiesen werden, für die meisten gilt das aber nicht. Ein wichtiges Kriterium bei der Beurteilung ist die jeweilige Qualifikation der Person, die hinter einem Angebot steht. Bei manchen ist die Kompetenz für das, was sie anbieten, gar nicht gegeben.
Ein wichtiger Grund für den Erfolg alternativer Heilverfahren ist, dass sich jemand für die Betroffenen Zeit nimmt und zuhört. Es stehen oft sanfte, körperlich-sinnliche und zumindest subjektiv als wirksam erlebte Methoden zur Linderung von Beschwerden zur Verfügung. Doch dort, wo Humbug angeboten wird, muss man die Hände davon lassen. Es kann sogar gefährlich werden, wenn Menschen einer Scharlatanerie auf den Leim gehen und dabei finanziell oder emotional ausgebeutet werden. Menschen mit medizinischen Problemen und psychischen Themen gehören in ärztliche bzw. psychotherapeutische Behandlung.
Das Streben nach Gesundheit kann manchmal religiöse oder suchtartige Züge annehmen. In unserer Selbstoptimierungsgesellschaft läuft der Mensch Gefahr, auf seine psychische und physische Gesundheit reduziert zu werden. Für den Wiener Arzt Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse, bestand Gesundheit in der Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können und die Wirklichkeit so zu akzeptieren, wie sie ist. Wirklich gesund und heil sind deshalb jene Menschen, die Grenzen in ihrem Leben, ja Leiden und Krankheit zu integrieren wissen und in jeder Situation dennoch Lebensmöglichkeiten zu ergreifen vermögen.

Eva-Maria Melk-Schmolly

Referat bzw. Fachstelle für Weltanschauungsfragen
Jede Diözese verfügt über ein Referat bzw. eine Fachstelle für Weltanschauungsfragen. Diese stehen allen Menschen offen und bieten …

  • Orientierung in der Vielfalt religiöser Bewegungen und weltanschaulicher Strömungen.
  • persönliche Beratung und Hilfe für Menschen, die belastende Erfahrungen mit problematischen Gemeinschaften machen.
  • schriftliche Information zu unterschiedlichen Themenbereichen in Form von Texten, Broschüren und Lexikonartikeln sowie Materialien für die Bildungsarbeit und den Unterricht.

www.weltanschauungsfragen.at


Mein Beitrag

Eva-Maria Melk-Schmolly ist Psychotherapeutin und Fachberaterin für Weltanschauungsfragen in der Diözese Feldkirch.

  • Hauptsache gesund! – Stimmt das eigentlich?
    Das Entscheidende für Menschen sehe ich in etwas anderem: nämlich ein aktiv gestaltetes und als sinnvoll erlebtes Leben. Dass ich in guten und sicheren Beziehungen lebe und mich vom Leben getragen weiß. Wie muss sich „Hauptsache gesund!“ übrigens für jene Menschen anhören, die akut oder chronisch krank sind oder mit einer Beeinträchtigung leben?
  • Und wie ist es mit dem Satz „Wer heilt, hat Recht!“?
    Die Aussage ist an sich schon richtig. Allerdings nur dann, wenn man transparent und konsequent nach den Ursachen und den Zusammenhängen für eine Heilung sucht und die Frage geklärt wird, wer oder was denn in einem konkreten Fall tatsächlich geheilt hat. Was hat gewirkt und was nicht? Der Satz wird gerne missbraucht, um sich einer kritischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu entziehen.
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Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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