Weltanschaungsarbeit heute | 28
Der „wahre“ Glaube
- „Gott ist die Liebe“: Wer verbirgt sich hinter den aktuellen Herz-Jesu-Werbesujets auf Grazer Bussen?
- Foto: Veitschegger
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Die „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ und die katholische Kirche.
Wer unlängst in Graz unterwegs war, dem sind vielleicht Busse der Graz-Linien aufgefallen, deren Rückseite mit einem großen goldenen Sujet mit Herz-Jesu-Bild beklebt ist, auf dem steht: „Gott ist die Liebe“. Es handelt sich dabei um keine Werbekampagne der katholischen Kirche, sondern der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“, auch bekannt unter der Bezeichnung „Piusbrüder“ oder „Piusbruderschaft“.
Die „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ wurde von Erzbischof Marcel Lefebvre 1970 gegründet. Sie bot jenen Priestern, die das Zweite Vatikanische Konzil und wesentliche Inhalte daraus – wie Ökumene, interreligiösen Dialog, Religionsfreiheit und vor allem die Liturgiereform – ablehnten, ein Sammelbecken. Die Bruderschaft fokussierte sich in den Folgejahren auf die Priesterausbildung und gründete ohne die Zustimmung des Vatikans weltweit Priesterseminare und Seelsorgezentren.
1988 weihte Erzbischof Lefebvre vier Priester der Bruderschaft zu Bischöfen. Dies jedoch ohne Erlaubnis des Papstes. Da der Papst aber jeder katholischen Bischofsweihe weltweit zustimmen muss, führte diese Missachtung automatisch zu einem Ausschluss („Exkommunikation“) des Weihenden und der Geweihten. Die betroffenen Bischöfe waren damit nicht mehr Teil der Heilsgemeinschaft der römisch-katholischen Kirche. Und die Priester, die von diesen Bischöfen geweiht wurden, zwar gültig, aber unerlaubt geweihte katholische Priester. Dies war für eine Gemeinschaft, die für sich in Anspruch nimmt, die „wahre“ katholische Kirche zu sein, äußerst brisant.
Papst Benedikt XVI. versuchte 2009, durch die Aufhebung der Exkommunikation der damals noch lebenden vier Bischöfe, eine Annäherung in Gang zu setzen, an deren Ende eine Eingliederung der Bruderschaft in die katholische Kirche möglich sein sollte. Der Versuch scheiterte schließlich an der ablehnenden Haltung führender Persönlichkeiten der Bruderschaft gegenüber einer vollständigen Anerkennung des II. Vatikanums.
Sie agiert bis heute ohne katholische Anerkennung und trifft sämtliche Entscheidungen in Eigenregie, ohne Abstimmung mit dem Papst und dem Vatikan. Dabei nimmt sie für sich in Anspruch, die „wahre“ katholische Kirche zu sein, die als einzige Kirche die „reine“ Lehre über die Zeit hinweg bis heute bewahrt habe. Alle Bischöfe und Päpste, die der Theologie des II. Vatikanums folgen, haben aus Sicht der Bruderschaft den „wahren“ Glauben – zumindest in Teilen – verraten.
Anfang Juli geht das Ringen mit dem Vatikan in die nächste Runde. Da plant die Bruderschaft, zwei neue Bischöfe ohne Zustimmung des Papstes zu weihen. Sie verkauft dies als pastorale Notwendigkeit, um den Fortbestand der „wahren“ katholischen Kirche zu sichern. Dass sie dabei das legitime Oberhaupt dieser katholischen Kirche seit Jahrzehnten in seinen Entscheidungen ignoriert, scheint ihr dabei kein großes Kopfzerbrechen zu bereiten.
Helmut Kirchengast
Bei Fragen wenden Sie sich an das Referat für Weltanschauungsfragen der Diözese:
www.weltanschauungsfragen.at
Helmut Kirchengast ist Ombudsmann und Referent für Weltanschauungsfragen in der Diözese Graz-Seckau.
Welches Kirchenverständnis prägt die Priesterbruderschaft St. Pius X.?
Für die Bruderschaft ist die katholische Kirche der einzige Ort, an dem der Mensch das vollständige Heil erlangen kann. Deshalb lehnen sie Ökumene und interreligiösen Dialog ab. Das Heil erwirkt der Mensch durch den Empfang der Sakramente, die die Kirche durch die Priester gewährt. Der Priester ist der einzige legitime Vermittler dieser Gnadengaben.
Warum lehnt die Bruderschaft die Liturgiereform des II. Vatikanums ab?
Aus Sicht der Bruderschaft wurde das Kreuzesopfer Christi, das bei ihnen zentral für das Heilsgeschehen ist, verraten. Die Eucharistiefeier ist bei ihnen keine gemeinschaftliche Feier, bei der sich Menschen um Gott als ihre Mitte versammeln, sondern eine sakramental vermittelte Fortführung des Opfergeschehens, wie es zur Zeit Jesu im Tempel in Jerusalem vollzogen wurde.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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