Liebe im Horror

Ihr Leben eingesetzt haben viele Feuerwehrleute nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center. Eines der ersten Todesopfer war ein Feuerwehrkaplan.
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11. September 2001. Als New Yorks älteste katholische Kirche zu einem Feldlazarett wurde.

Father Kevin Madigan (65) zieht es nur noch selten zur Sankt-Peter-Kirche, einen Steinwurf von „Ground Zero“ entfernt. Schon gar nicht vor dem 20. Jahrestag des 11. September. Father Madigan verfolgen „die Erinnerungen an diesen Tag“. „So knapp bin ich noch nie dem Tod entkommen“, sagt der heutige Seelsorger von St. Thomas Morus und ist plötzlich wieder mittendrin.

Er hört im Beichtstuhl den Aufschrei der Sekretärin nach dem Einschlag der ersten Boeing 767 in den nördlichen der beiden Zwillingstürme des World Trade Center. Er sieht sich auf der Church Street stehen und ungläubig emporschauen. Und zuckt zusammen, als ein Rad vom Fahrwerk des zweiten Flugzeugs, das sich wie eine Rakete in den Südturm bohrte, über seinen Kopf hinweg auf dem Dach der Kirche landet. Etwas knallt gegen die Mauer und macht ihn nass.

Father Madigan greift nach dem Öl für die Sterbesakramente, um sie mit einem anderen Priester und Polizisten zu den Opfern zu bringen, die am Hudson River versorgt werden. Als das schaurige Grollen den Kollaps des ersten Wolkenkratzers ankündigte, suchte er geistesgegenwärtig Schutz in einem U-Bahn-Schacht am Ende der E-Line. Er sah noch die oberen Etagen des Südturms einsacken, bevor er sich an die Wand presste. „Ich war darauf eingestellt zu sterben und betete, dass es schnell gehen möge.“

Am Nachmittag des 11. September kehrte er zu St. Peter zurück. Am Fuße des Altars lag Father Mychal aufgebahrt, den nicht nur die Feuerwehrleute wie einen Heiligen verehrten. Der Franziskaner war bei seinem Einsatz als Feuerwehrkaplan im Nordturm ums Leben gekommen. Das offizielle „Opfer Nummer eins“. Aber bei weitem nicht der einzige Tote, den Einsatzkräfte nach St. Peter gebracht hatten. 34 weitere Leichen lagen auf dem Marmorboden der Kirche, während draußen unter den Säulen im Eingangsbereich Verletzte auf Hilfe warteten. Die Kirche hatte sich sprichwörtlich in ein Feldlazarett verwandelt.

Father Madigan erinnert sich, wie ein paar Tage nach den Anschlägen ein jüdischer Arzt in die Kirche kam, um sich bei dem Pfarrer dafür zu entschuldigen, dass er mangels Verbandsmaterialien Altardecken aus St. Peter in Streifen schnitt, um Wunden zu verbinden. Father Madigan rührt die Geschichte bis heute an. „Er hat Gottes Liebe mit den Menschen geteilt“, sagt er über den Arzt. „Genau darum geht es in unserem Glauben.“
Wenn ihn Leute danach fragen, wo Gott am 11. September war, teilt der Priester noch eine andere Beobachtung mit, die seinen Glauben gestärkt habe. Ihm fiel auf, dass keine Nachricht der Verzweifelten in den Zwillingstürmen auf den Anrufbeantwortern ihrer Lieben hasserfüllt war. Kein einziger habe Rache verlangt. „Alle sprachen über ihre Liebe und wie sie geliebt wurden.“

Gemessen an dem letzten Wunsch der Opfer seien viele Dinge falsch gemacht worden. Father Madigan meint den „Wunsch nach Rache“, der die Kriege in Afghanistan und dem Irak gebracht habe. „Den Hass gegen Muslime“, der verhinderte, dass eine Straße weiter von St. Peter das islamische Zentrum „Park 51“ gebaut werden konnte. Und er bedauert die tiefen Verwerfungen in der eigenen Gesellschaft 20 Jahre nach dem 11. September.

Thomas Spang

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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