Reportage
Lebenswert für Mann und Frau

Was hat ein Mann zu tun, was eine Frau? In Schulungen für Frauen als auch für Männer brechen Shubra und ihre Kolleginnen einseitige Denkweisen gemeinsam auf. | Foto: SEEDS
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  • Was hat ein Mann zu tun, was eine Frau? In Schulungen für Frauen als auch für Männer brechen Shubra und ihre Kolleginnen einseitige Denkweisen gemeinsam auf.
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Aktion Familienfasttag 2026 unterstützt in Indien gewaltbetroffene Frauen und hilft Männern dabei, alte Denkstrukturen aufzubrechen.

Woran denken Sie bei diesem Bild: an einen Mann, oder an eine Frau?“ Die Dame, die das freundlich fragt, hat Kärtchen auf dem Tisch verteilt. Mir fällt als erstes die unbekannte Schrift darauf auf. Null Chance, auch nur ein Wort davon zu entziffern. Leichter tue ich mir schon mit den gemalten, einfach gehaltenen Figuren. Die auf meiner Karte stützt sich den Rücken, ein großer Babybauch ist deutlich erkennbar. „Frau“, antworte ich. Ganz klar: Kinderbekommen, das ist Frauensache.

Meine Gesprächspartnerin lächelt, hält mir die nächste Karte hin: Die Figur darauf navigiert einen großen Bus. Hier ist die Mann-/Frau-Zuordnung schon nicht mehr ganz so einfach. In meiner Kindheit lenkten ausschließlich Männer große Fahrzeuge, heute ist das anders. „Mann UND Frau“, sage ich und denke an die Chauffeurinnen, die längst das steirische Öffi-Netz am Funktionieren halten. Dritte Karte: Die Figur steht am Brunnen und schöpft Wasser, wird damit Kanister füllen und sie kilometerweit nach Hause tragen. Mann oder Frau?

Armut und häusliche Gewalt. Einfache Bilder betrachten, die Alltagssituationen zeigen, darüber nachdenken und dann mitteilen, was man sieht: So wie mit mir, so arbeitet meine Gesprächspartnerin Shubra mit Frauen und Männern in ihrer Heimat Indien seit vielen Jahren. Warum? Um Armut zu lindern und um Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen.

Dazu geht Shubra 1995 erstmals in die Dörfer und startet Hilfsprojekte für Frauen. Der ländliche Raum im Bundesstaat Jharkand, aus dem sie stammt, ist nicht vergleichbar mit jenem in Österreich, sagt Shubra. So seien die Agrarflächen von Bauern und Bäuerinnen kaum groß genug, um sie mit einem Traktor zur bewirtschaften; und die Ernte-Erträge zu gering, um eine Familie damit zu ernähren. Die kleinen Lehmhäuser lägen weitab – oft zehn oder mehr Kilometer von der Hauptstraße entfernt. Vor allem Mädchen würde verwehrt, den langen Weg zur Bushaltestelle anzutreten, um von dort weiter zur Schule zu kommen. Statt Unterricht müssten sich viele daheim aufs Hausfrau-, Mutter- oder Schwiegertochter-Dasein vorbereiten: die jüngeren Geschwister beaufsichtigen, kochen, putzen oder schwere Trinkwasserkanister zur Versorgung der Familie schleppen.

Glückliche Familien, in denen Mann und Frau gemeinsam für die Kinder sorgen, sind ein langfristiges Ziel der kfb-Projekte in Indien. | Foto: kfb
  • Glückliche Familien, in denen Mann und Frau gemeinsam für die Kinder sorgen, sind ein langfristiges Ziel der kfb-Projekte in Indien.
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Neben materieller Armut und fehlender Bildung ist eines der größten Probleme die Gewalt. Sie bringt der Alkohol in die Familien, weiß Shubra. Schon als junge Frau erkannte sie, dass Armut und Alkoholsucht oft Hand in Hand gehen mit der Unterdrückung von Frauen. Deshalb nehmen sie und ihre KollegInnen der Hilfsorganisation SEEDS 2018 mehr als 11.000 Haushalte unter die Lupe und stoßen auf 1900 Fälle von häuslicher Gewalt. „Das ist ein Gewaltaufkommen in 17 Prozent aller Familien“, sagt Shubra und verweist auf eine vermutlich noch viel höher liegende Dunkelziffer.

20 Frauenmorde pro Tag. Vergewaltigung, Schläge, Mitgiftmorde: In Ländern wie Indien tragen kulturelle und soziale Strukturen massiv zu Gewalt an Frauen bei. Durch das Vorherrschen des Kastensystems, einem tief in der Gesellschaft verankerten Ordnungssystem, das Menschen in soziale Gruppen teilt, würden sich die vielfach als minderwertig betrachteten Frauen „ihrem Schicksal“ oft auch ergeben, weiß Shubra.

In Indien, dem mit 1,45 Milliarden Menschen bevölkerungsreichsten Land der Welt, leben mehr als 738 Millionen Menschen weiblichen Geschlechts. Bezogen auf sie lässt das Land, das fast 40 Mal so groß wie Österreich ist, mit einer traurigen Statistik aufhorchen. Laut der international tätigen Hilfsorganisation SOS-Kinderdorf sterben in Indien jährlich über zwei Millionen Mädchen infolge von Gewalt und Diskriminierung. Täglich werden 20 Frauen ermordet. Genau hier will SEEDS ansetzen.

Samen säen. SEEDS – der Name ist Programm. Hinter der 1995 im Osten Indiens von SozialaktivistInnen gegründeten Hilfsorganisation verbergen sich die englischen Wörter für „Sozioökonomische Entwicklung“, „Bildung“ und „Gesellschaft“ (engl. Socio Economic Education Development Society). Übersetzt bedeutet das Wort aber auch „Samen“. Diese will auch die Organisation säen und unterstützt Menschen dabei, selbst aktiv zu werden gegen Gewalt. Geleistet wird vor allem Hilfe zur Selbsthilfe.
Arbeitsschwerpunkte sind etwa die politische und gesellschaftliche Teilnahme und Teilhabe (Partizipation) von Frauen, Ernährungssicherheit sowie Gesundheitsaufklärung, wie auch die Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen und häuslicher Gewalt. Seit 2006 wird SEEDS von der Katholischen Frauenbewegung (kfb) im Rahmen von Aktion Familienfasttag unterstützt.

Basisarbeit. Eine der Stärken des Projekts liegt in der Arbeit an der Basis. Über 3000 Frauen in 131 Dörfern konnten von bislang 80 ausgebildeten Barefoot Councellors (zu Deutsch: „barfüßgie Beraterinnen“) erreicht werden. Der Begriff bezeichnet einfache Frauen am Land, die ihresgleichen beraten. Es wurden Frauenmärkte gegründet, und in den Dörfern bildeten sich Mädchengruppen. Schulbücher wurden erstmals in Santali gedruckt – der Sprache, die Angehörige der Minderheit der Adivasi sprechen.
Die Ausbildung der Multiplikatorinnen erfolgt durch Spiele und sportliche Aktivitäten, als Methoden werden Kartendecks mit Mann-/Frau-Stereotypen eingesetzt sowie anschauliche Plakate zu Formen von Gewalt . Die Projekte werden wissenschaftlich begleitet und ihre Wirkung wird evaluiert. Indem Ausbildungskurse geschaffen werden – wie die erste MechanikerInnenausbildung im Staat Jharkhand –, wird die lokale Infrastruktur gestärkt.

Foto: Steiner

Frau, Mann, Mensch. „Hast du dich schon einmal gefragt, warum das Haus des Schnapsverkäufers viel größer ist als deines, warum seine Kinder zur Schule gehen und seine Frau gesund ist? An Menschen wie dir verdient er viel Geld.“ Wenn die BeraterInnen von SEEDS mit den Familien arbeiten, stellen sie mehr Fragen, als sie Antworten geben. „Wir sagen den Männern nicht, was sie machen sollen, sondern führen vor Augen, was Alkohol auslösen kann“, sagt Shubra. „Wäre es dir nicht lieber, wenn dein Kind Vertrauen zu dir haben würde, anstatt nur Angst? Dein Haus ist schlecht, deine Kinder sind arm. Du aber kannst es ändern.“

In Graz bittet mich Shubra am Ende unseres Gesprächs noch um eine letzte Bildbeschreibung. Ich nehme eine Karte vom Tisch, schaue die Figur an und höre Shubra fragen: „Wen betrifft das, was du siehst: einen Mann oder eine Frau?“ Die Frage klingt noch immer fast naiv. Doch von SEEDS-MitarbeiterInnen gestellt, kann sie der erste Schritt sein, um festgefahrende Rollenbilder zu hinterfragen, um Armut zu durchbrechen und um Mann und Frau in Indien ein gerechtes Miteinander zu ermöglichen.

Anna Maria Steiner

Was hat ein Mann zu tun, was eine Frau? In Schulungen für Frauen als auch für Männer brechen Shubra und ihre Kolleginnen einseitige Denkweisen gemeinsam auf. | Foto: SEEDS
Glückliche Familien, in denen Mann und Frau gemeinsam für die Kinder sorgen, sind ein langfristiges Ziel der kfb-Projekte in Indien. | Foto: kfb
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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