Kirche Steiermark
Akzeptierend und offen

Am 1. Juni übergab Gudrun Isak (l.) das „a+o“-Prädikat im Rahmen eines Hoffnungsgottesdienstes an den Pfarrverband Graz-Christkönig-Hl. Schutzengel, als erste Pfarren der Steiermark.Das diözesane Institut für Beratung und Psychotherapie (IFP) erhielt es 2024. | Foto: K. Fedorova
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  • Am 1. Juni übergab Gudrun Isak (l.) das „a+o“-Prädikat im Rahmen eines Hoffnungsgottesdienstes an den Pfarrverband Graz-Christkönig-Hl. Schutzengel, als erste Pfarren der Steiermark.Das diözesane Institut für Beratung und Psychotherapie (IFP) erhielt es 2024.
  • Foto: K. Fedorova
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"Diskriminierung und Ausgrenzung lehnen wir ab" stellt Elisabeth Fritzl, Pastoralreferentin im Pfarrverband Graz-Christkönig-Hl. Schutzengel und Handlungsbevollmächtigte für Pastoral im Seelsorgeraum Graz-Südwest, klar. Seit 2023 können sich katholische Einrichtungen und Pfarren für das Prädikat "akzeptierend und offen" (kurz: "a+o"-Prädikat) von der Österreichischen Plattform für Regenbogenpastoral bewerben. Das Institut für Familienberatung und Psychotherapie der Katholischen Aktion Steiermark hat das "a+o"-Prädikat bereits erhalten. Nun ist die erste Pfarre ausgezeichnet worden. 

Bei einem "Hoffnungsgottesdienst" am 1. Juni - passend zu Beginn des sogenannten "Pride Monats", wo der ganze Juni weltweit im Zeichen der Akzeptanz von Vielfalt steht - verlieh Gudrun Isak, diözesane Referentin für Regenbogenpastoral, dem Grazer Pfarrverband Christkönig-Schutzengel das Prädikat "akzeptierend und offen". "Kirche soll als safe space erfahren werden - bei uns ist jede:r willkommen!", so das Leitungsteam der Pfarren.

Wir haben Pastoralreferentin Elisabeth Fritzl, Pfarrer Wolfgang Schwarz, den Vorsitzenden des Pfarrverbandsrats Heimo Kaindl und die Referentin für Regenbogenpastoral Gudrun Isak zum Interview gebeten:

Wie seid ihr auf die Idee des "a+o"-Prädikats für eure Pfarren gekommen?
Elisabeth Fritzl:
In unserem Pfarrverband beschäftigen wir uns schon seit einigen Jahren mit unserer Willkommenskultur. Es ist uns wichtig, dass Menschen, die (neu) zu uns kommen, sich wohl fühlen, dass Sie gesehen und angesprochen werden. Wir bemühen uns mit „Kennenlern-Sonntagen“ auch darum, dass Gemeindemitglieder einander besser kennenlernen und sich zumindest mit Namen ansprechen können.
Ein Blick über den Gartenzaun zu unserer evangelischen Nachbargemeinde hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es in der evangelischen Kirche das Prädikat „Akzeptierend und offen“ gibt. Seit 2023 wird es auch in der katholischen Kirche verliehen. So haben wir uns dann auf den Weg gemacht. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass in einer Sonntagsgemeinde queere Menschen mitfeiern, und besonders für sie, aber auch für alle anderen, wollen wir ein „safe space“ (sicherer Raum/Ort) sein. Wer nach Christkönig oder Schutzengel kommt, wird keine Diskriminierung oder Ausgrenzung erleben. Dazu wollen wir mit diesem Prädikat ein sichtbares und prophetisches Zeichen setzen.

Wie habt ihr den Entschluss gefasst und danach kommuniziert?
Heimo Kaindl: Wenn man sich mit dem Thema Willkommenskultur auseinandersetzt, muss es darum gehen, alle Menschen willkommen zu heißen und nicht nur eine ausgewählte Gruppe. So haben wir uns auch diesem Thema angenähert, zunächst im Vorstand des Pfarrverbandsrates (PVR) diskutiert, dann ein PVR-Treffen an einen ungewöhnlichen Ort verlegt, sodass die Entscheidung im PVR leichter fiel, auch mit dem Ziel niemanden auszugrenzen. Papst Franziskus und seine Aussage zu homosexuellen Menschen – „Wer bin ich, dass ich urteile?“, waren hier wichtig und so kam es zum Beschluss uns um das "a+o"-Prädikat zu bewerben. Nach außen hat es mit einer Regenbogenfahne begonnen, mit Fürbitte im Gottesdienst, Pfarrblattartikeln … so sind die Aktionen langsam gewachsen bis sie nicht mehr zu übersehen waren. Ebenso wichtig ist es aber auch das Thema weiterhin gut zu kommunizieren, vor allem wenn ich mir die derzeitigen Entwicklungen hin zu Eliten und Gruppen und weg von demokratischen und christlichen Werten vor Augen führe.

Was ist nötig, um dieses Prädikat zu bekommen?
Elisabeth Fritzl: In erster Linie ist es eine Selbstverpflichtung, wenn man sich darum bewirbt. Für queere Menschen soll sichtbar sein, dass sie bei uns offene Türen und Ohren für ihre Anliegen finden. In den letzten zwei Jahren haben wir einige Zeichen gesetzt. Ein Meilenstein war der heurige ökumenische Gottesdienst für ALLE Liebenden am Valentinstag. Danach wurde die Ausstellung „Verschaff mir Recht“ eröffnet, in der queere Menschen von Kriminalisierung durch Staat und Kirche in ihrer Heimat berichten. Im Juni ist die Ausstellung im BRG Körosi zu sehen ist. In der Fastenzeit haben wir einen queeren Kreuzweg gebetet, und zu Begegnung und Austausch eingeladen.
Uns ist klar geworden, dass es aber in erster Linie nicht um das Tun geht, sondern um eine Haltungsänderung, die manchen Menschen schwerfällt. Austausch und Begegnung sind dabei hilfreich, um Vorurteile abzubauen oder sich mit Ängsten auseinanderzusetzen. Das können wir jedoch nicht verordnen, sondern werden auch in Zukunft dazu einladen.

Wie waren die Reaktionen aus der Pfarrbevölkerung?
Heimo Kaindl:
Rückblickend gab es wenige Reaktionen, ich denke, unser Pfarrer hat mehr davon bekommen. Und es war die Bandbreite von „Haben wir als Pfarrverband keine anderen Probleme“ bis zu „Endlich traut sich jemand in der Kirche auch über das Thema drüber“. Erzählt hat man mir, dass am Stammtisch im Gasthaus darüber geredet wurde, aber leider hat uns niemand direkt dazu eingeladen. Betroffen gemacht hat mich der mehrmalige Diebstahl der Regenbogenfahne, zuletzt von der Spitze unseres Kirchturms. Grundsätzlich würde ich die Haltung unserer Gottesdienstmitfeiernden als neutral bis akzeptierend einschätzen.
Dem Anliegen, queere Menschen als selbstverständlich in unserem Pfarrverband anzusehen, die mit uns feiern, Gemeinschaft leben und einfach da sind, stehen viele positiv gegenüber, weil es um Respekt und Akzeptanz und gegen Diskriminierung, Aggression und Gewalt geht. Weil das Thema für viele Gemeindemitglieder immer noch neu und nicht alltäglich ist, braucht es sicher Zeit um gegenseitiges Vertrauen und damit Akzeptanz zu entwickeln. Wenn wir als "a+o"-Pfarre dann „normal“ miteinander umgehen, wird wohl die Aussage von Antoine de Saint-Exupéry aus "Der kleine Prinz" zutreffen: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“

Wie geht ihr mit Widerständen um?
Pfarrer Wolfgang Schwarz: Zuerst freut es mich, dass wir in den letzten Monaten - vor allem rund um die Ausstellung „Verschaff mir Recht“ - viele positive Rückmeldungen erhalten haben. Wir wurden ermutigt in unserer Offenheit gerade für queere Menschen weiter zu machen. Sehr überrascht war ich, dass auch viele Frauen, die schon lange in unseren Pfarrgemeinden engagiert sind und unsere Gottesdienste regelmäßig besuchen, rückgemeldet haben, dass es gut ist, dass (endlich) in der Kirche Homosexualität ein Thema ist.
Aber natürlich gab es auch aus allen Altersgruppen kritische und negative Anmerkungen. Manche stört die Regenbogenfahne am Kirchturm, andere fanden, dass eine solche Ausstellung nicht in die Kirche gehört. Interessant war, dass viele, die sich über unsere Aktivitäten beschwert haben, nicht den Gottesdienst für Liebende mitgefeiert haben oder die Ausstellung gesehen hatten.
Für mich ist es wichtig mit denen direkt in Kontakt zu kommen, die unseren Einsatz für queere Menschen kritisch hinterfragen. Es gab mit mir und anderen einige persönliche Gespräche mit Kritiker:innen. Zuhören ist sicher eine entscheidende Haltung, um Sorgen und Verunsicherungen zu begegnen. Schwierig wird es hingegen, wenn überzogene, fast ideologische Argumente gegen unsere Offenheit für queere Menschen angeführt werden.

Was sagt dieses Prädikat über eure Pfarren aus?
Pfarrer Wolfgang Schwarz: Wir wollen wirklich eine einladende und offene Kirche sein, ganz im Sinne der Praxis Jesu. Und wir sind bereit, Themen aufzugreifen, die für uns zum Teil ungewohnt sind. "Akzeptierend und offen" heißt für uns, dass wir weiter machen wollen in unserer Aufmerksamkeit für queere Mitmenschen. Genauso ist die Vielfalt aufgrund der kulturellen und geografischen Herkunft unserer Gemeindemitglieder und Mitbewohner:innen in unseren Pfarrgebieten ein Dauerauftrag. Rassismus im Alltäglichen ist nicht zu akzeptieren. Unsere Pfarrgemeinden sollen sichere Orte sein und immer mehr noch Räume der Begegnung werden. "Akzeptierend und offen" ist nicht so sehr eine Auszeichnung; viel mehr eine Verpflichtung wach und offen zu bleiben, dass wir auch in Zukunft friedlich zusammenleben und wertschätzend miteinander umgehen.

Wenn Pfarren, Seelsorgeräume oder Einrichtungen sich für das Prädikat interessieren, wohin können sie sich wenden?
Gudrun Isak: Das Prädikat „akzeptierend+offen“ wird von der Plattform „Regenbogenpastoral Österreich“ vergeben. Als Referentin für Regenbogenpastoral der Diözese Graz-Seckau bin ich Mitglied der Plattform und stehe somit Pfarren, Seelsorgeräumen und Einrichtungen, die sich für das Prädikat „a+o“ interessieren, gerne als Informationsquelle und Gesprächspartnerin zur Verfügung. Natürlich gibt es auch auf der Homepage der Plattform „Regenbogenpastoral Österreich“ Informationen zum Prädikat, mit dem grundsätzlich Bewusstseinsbildungsprozesse in Gang gesetzt werden sollen, die letztendlich dazu führen, dass Institutionen mit dem „a+o“-Prädikat für LGBTIQ*-Personen ihre akzeptierende und offene Haltung sichtbar machen.

Was fällt unter den Begriff Regenbogenpastoral und warum ist das Thema unserer Diözese ein Anliegen?
Gudrun Isak: Regenbogenpastoral meint eine Seelsorge, die ganz bewusst auch Menschen aller sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten willkommen heißt, weil klar ist, dass wir alle, jede*r Einzelne, gemeinsam Teil der großen Vielfalt der Schöpfung Gottes sind. Die Angebote der Regenbogenpastoral sind ausdrücklich auch für queere Menschen und ihre Anliegen da. Viele sagen, es sei ohnehin klar, dass jede*r in der Kirche willkommen ist. Dennoch sieht die Realität oft anders aus. Queere Menschen erfahren immer wieder Ablehnung und Ausgrenzung in unserer Kirche, weil sie mit ihren Lebensentwürfen so gar nicht in das Konzept zu passen scheinen. Regenbogenpastoral will dabei helfen diese Konzepte zu weiten, und aufzeigen, dass jede*r Mensch dazugehört – unabhängig von seiner Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung.
Als Diözese möchten wir – gemäß unserem Auftrag – für alle Menschen nicht nur eine offene Tür, sondern auch offene Ohren und vor allem Herzen haben, weil wir uns zu allen gesandt wissen. Das braucht Bewusstseinsbildung und oft auch eine Haltungsänderung - und das braucht Zeit. Uns allen wurde Leben in Fülle versprochen – dorthin sind wir miteinander unterwegs und daher ist es uns als Diözese wichtig "akzeptierend und offen" für die Vielfalt an Gottes geliebten Geschöpfen zu sein.

Interview: Katharina Grager

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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