Stichwort: Evangelische Räte
Virtuose Drahtseilkünstler

Tänzerische Leichtigkeit vermittelt dieses Bild von Sr. Basilia Gürth mit dem Titel „Tanzender Gott“. Ein geistliches Leben, das an einem solchen Gott Maß nimmt, macht neugierig.  | Foto: Neuhold
  • Tänzerische Leichtigkeit vermittelt dieses Bild von Sr. Basilia Gürth mit dem Titel „Tanzender Gott“. Ein geistliches Leben, das an einem solchen Gott Maß nimmt, macht neugierig.
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Wer ein geistliches Leben wagt, steht mit beiden Beinen fest im Himmel.
Wie gelingt es, dabei nicht abzustürzen, sondern frag-würdig zu sein? Eine Zwischenbilanz.

Fragwürdige Priester“. Diesen doppeldeutigen Titel trägt ein Artikel, den ich vor beinahe 35 Jahren verfasst habe. Damals, als junger Theologiestudent, war ich für Priester und Volk, die Beilage im Sonntagsblatt, die über das Priesterseminar informiert hat, verantwortlich. Und ich habe mir in der Vorbereitung auf ein Leben als Priester viele Gedanken gemacht, was geistliches Leben bedeutet, was es von einem anderen Leben unterscheidet, was es prägt und was es trägt.
Seither ist viel Wasser die Mur hinuntergeronnen. Und den Tiber auch. Ich bin in und mit meiner Kirche älter geworden und habe vieles erlebt, bin mehr oder weniger geistlichen Menschen begegnet – beides sowohl innerhalb wie auch außerhalb des „geistlichen Standes“. Manche Geistliche sind mir tatsächlich recht fragwürdig erschienen in ihrer Lebensweise. Und nicht nur einmal bin ich mir selbst zur Frage geworden oder habe mich in Frage gestellt.
Zum Fest der Darstellung des Herrn – oder Maria Lichtmess, wie es landläufig heißt – wird der Tag des geweihten Lebens begangen. Was ein geweihtes oder geistliches Leben bestimmt, das sind die „evangelischen Räte“, jene Empfehlungen, die das Evangelium denjenigen ans Herz legt, die den Weg in der Nachfolge Jesu Christi beschreiten wollen. Sie konkretisieren sich in der Entscheidung zu einem Leben in Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit.

Ein Weg in die Freiheit
Diese drei sind kommunizierende Gefäße, sie bedingen einander. Es sind die drei Säulen, auf denen das Lebensgebäude ruht. Nimmt man eine weg, dann gerät es in Schieflage und verliert die Balance. Die evangelischen Räte verstehen sich nicht als Einschränkung, Selbstkasteiung oder Bußübung, sondern als Akt der Hingabe, der Bereitschaft, Leben zu teilen, als Anleitung zum Leben in einer größeren Freiheit.
Vom heiligen Bruder Klaus von Flüe ist das Gebet überliefert: „Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir. Gib alles mir, was mich fördert zu Dir. Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.“ Das Angebot Jesu ist ein Leben in Fülle (Joh 10,10). Um es anzunehmen, muss ich bereit sein, all das loszulassen, was mich bindet, unfrei macht und in Besitz nimmt. In der Konfrontation Jesu mit dem Versucher in der Wüste zeigt sich, worauf es dabei ankommt: Hinhören auf Gottes Wort, sich führen lassen vom Geist und unerschütterlich feststehen in der Zusage, bedingungslos geliebt zu sein.
Von einem jungen Mann, der mit seiner Sehnsucht nach einem größeren Leben zu Jesus kommt, heißt es: „Da sah ihn Jesus an, umarmte ihn und sagte: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21) Der Mann geht traurig weg, weil sein materieller Besitz ihn gefangen hält, weil seine Hände gebunden sind und er die liebevolle Umarmung Jesu nicht erwidern kann. Der Weg in die Freiheit führt durch ein enges Nadelöhr – oder zwischen den Fluten des Schilfmeeres hindurch. Es bleibt ein unkalkulierbares Wagnis, letztlich eine Todeserfahrung, ein Loslassen des eigenen Egos, ein Hineinsterben in die Existenz mit Christus. Es ist ein Lebensprogramm, mit dem man wohl nie ganz fertig wird.
Der Apostel Paulus, der wohl der erste war, der diese mystische, ganz existenzielle Vereinigung mit Christus in ihrer ganzen Tragweite erfasst und vollzogen hat, sagt von sich: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20) Es ist ein Eintauchen in Leben, das vom Geheimnis des Kreuzes und dem Wunder der Auferstehung geprägt ist. Paulus hat dies tatsächlich als Schritt in eine kaum vorstellbare Freiheit erlebt. Er war ein Freiheitskünstler, ein virtuoser Seiltänzer auf dem Drahtseil des Lebens in Christus.

Lebe, dass es würdig ist, danach zu fragen
Vielleicht kann ja gerade in unseren heutigen Lebensrealitäten eine solche Existenzweise eine prophetische Kraft entwickeln. Wir spüren immer stärker, wie uns Sicherheiten unter den Füßen wegbröckeln und sich unser Selbstverständnis, alles im Leben sei planbar und kontrollierbar, als verhängnisvolle Illusion entpuppt. Wir werden deutlich mit der Fragilität und Verletzlichkeit unserer Lebensentwürfe konfrontiert – bezüglich materieller und virtueller Vermögenswerte ebenso wie in menschlichen und familiären Beziehungsgefügen.
Da kann ein geistliches Leben, das im Vertrauen auf Gottes Vaterliebe, in der Ausrichtung auf Jesus und unter der Führung des Heiligen Geistes Halt findet, im positiven Sinn zur Frage werden. Dazu darf es keine fragwürdige Existenz sein, die als exotische Kuriosität, als unglaubwürdige Fassade oder als Fossil aus längst vergangenen Epochen wahrgenommen wird. Vielmehr gelingt dies durch eine Lebensweise, die Menschen – gerade in ihrer Verunsicherung oder Haltlosigkeit – neugierig macht, die Charme und Leichtigkeit ausstrahlt, die von der Erfahrung erzählt, den Schatz eines Lebens in Fülle gefunden zu haben – oder zumindest von der Sehnsucht, ihm auf der Spur zu sein. Eine Lebensweise, die für würdig erachtet wird, nach ihrem Geheimnis zu fragen.

Alfred Jokesch

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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