Stichwort: Magnifica Humanitas
Turm zu Babel – himmlische Stadt

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein … Wer in den Himmel strebt und dabei auf Gott vergisst, bewirkt Zersplitterung statt Vereinung. Der Turmbau zu Babel, dessen Scheitern Pieter Bruegel der Ältere 1563 (Detail) eindrucksvoll gemalt hat, ist ein mahnendes Bild dafür.  | Foto: Wikimedia
  • Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein … Wer in den Himmel strebt und dabei auf Gott vergisst, bewirkt Zersplitterung statt Vereinung. Der Turmbau zu Babel, dessen Scheitern Pieter Bruegel der Ältere 1563 (Detail) eindrucksvoll gemalt hat, ist ein mahnendes Bild dafür.
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Papst Leos erste Sozialenzyklika motiviert dazu, „Künstliche Intelligenz“ als Werkzeug zum Bau einer menschlicheren Welt zu nutzen. Eine Analyse des Sozialethikers Leopold Neuhold.

Entweder errichtet die Menschheit „einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.“ Der Mensch hat die Wahl, wie Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika „Magnifica humanitas“ festhält. Die sogenannte Künstliche Intelligenz eröffnet nämlich dem Menschen großartige Möglichkeiten, sich als Baumeister einer neuen, besseren Welt zu betätigen, zugleich droht mit ihr aber die Gefahr einer entpersönlichten, von Gewalt gespaltenen Welt, die sich selbst zerstört.

Papst Leo verfällt nicht einem lähmenden Pessimismus, der die Zeit für die Wahl schon vorbei sieht, vielmehr sieht er die Chance, die Technologie so zu gestalten, dass sie ein Werkzeug zur Bewältigung der Herausforderungen wird. In dieser Alternative geht es um nicht weniger als um die „Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz“, wie es im Untertitel der Enzyklika heißt.

Der Weg der KI im Muster des Turmbaus zu Babel besteht in der Vervollkommnung des Menschen nach dem Muster der technokratischen Effizienz. Dem auf Daten in bestimmter Ausrichtung, die von den Entwicklern eingebaut worden ist, reduzierten Menschen gegenüber steht der Mensch in seiner Ganzheit, als ein mit Gefühl und mit einem auf das Neue und Unerwartete, auf Gott hin offener Geist, als ein von Leiblichkeit mit Bezug auf Endlichkeit und Mitgefühl geprägtes Wesen.

Solche Menschlichkeit kann nicht über die Maximierung des Teilbereiches be- und verrechnender Intelligenz erreicht werden, sondern nur in Einbeziehung aller Aspekte des Menschlichen. Deswegen tritt der Papst leidenschaftlich für den ganzen und für alle Menschen ein. Auch wenn die KI zunehmend vermenschlicht werden sollte, so besteht doch eine Tendenz dazu, dass der Mensch gedrängt wird, sich den Mustern der KI anzugleichen. Die Gefahr einer solchen Einseitigkeit zeigt sich für Papst Leo etwa im Paradoxon von materiellem Fortschritt und anthropologischem Rückschritt.

Was hält die Gesellschaft zusammen?
Die Entwicklung nach den Kriterien dieses einseitigen Menschenbildes führt zudem zu Spaltungen der Gesellschaft. Was der Papst unter den Stichworten Wahrheit, Arbeit und Freiheit anspricht, lässt die grundsätzliche Frage nach dem laut werden, was die Gesellschaft zusammenhält.
Wenn Wahrheit zur Teilwahrheit, die beliebig manipuliert werden kann, degeneriert, wenn „das Gespür der Arbeitnehmer für ihre eigene Handlungsfähigkeit untergraben“ wird, wenn Freiheit für einige die Gleichschaltung der Masse unter der Herrschaft einiger Technokraten bedeutet, dann droht gefährliche Zersplitterung. Mit den Grundsätzen der Soziallehre der Kirche, die Leo als Bausteine für eine menschenwürdige Welt anbietet, lässt sich dagegen in direkter Begegnung an einer alle Menschen einbeziehenden Gesellschaft arbeiten.

Zivilisation der Liebe als Ziel
Thomas von Aquin stellt einmal die Frage, was es dem Menschen nützt, wenn er die Macht Gottes besitzt, nicht aber seine Liebe. Mit KI besitzt der Mensch Macht. Der so aufgebauten „Kultur der Macht“ stellt Papst Leo die „Zivilisation der Liebe“ als Zielvorstellung entgegen.
In einer solchen wird die entwaffnende und entwaffnete KI nicht für den Einsatz zum Machtgewinn gegenüber anderen verwendet, sondern für den Aufbau einer die Würde der Person stützenden Gemeinschaft. Auf diese Zivilisation der Liebe hinzuarbeiten, ist nicht nur notwendig, sondern in der Mitarbeit aller auch möglich.
Babel oder Jerusalem – das hängt davon ab, welchen Weg wir wählen: den einer den Menschen nach ihrem Bild gestaltenden KI, die sich an die Stelle Gottes setzt, oder den Weg mit Gott auf Gott hin, auf dem KI – als Mittel der Gestaltung der Lebensbedingungen aller – Einsatz finden kann.

Leopold Neuhold

Im Wortlaut
Technologie kann heilen, verbinden, bilden und unser gemeinsames Haus schützen, aber sie kann auch spalten, ausgrenzen und neue Ungerechtigkeiten hervorbringen. Abstrakt betrachtet ist sie per se weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel. Konkret betrachtet aber ist sie nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen. Daher ist die erste Entscheidung nicht die zwischen einem „Ja“ oder einem „Nein“ zur Technologie, sondern die zwischen der Konstruktion von Babel oder dem Wiederaufbau Jerusalems, zwischen einer Macht, die sich anmaßt, den Himmel zu beherrschen, und einem Volk, das sich in Gottes Gegenwart vereint ans Werk macht, die Mauern des geschwisterlichen Zusammenlebens wiederaufzubauen. (9)

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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