Glaube
Kein Blitzableiter für Gottes Zorn

Auf einer Wolke senkt sich Maria – von Gott begnadet und über dunkle Mächte erhaben – auf die Erde herab. Deckenfresko in der Basilika Weizberg von Joseph Ritter von Mölk (1771).  | Foto: Jokesch
  • Auf einer Wolke senkt sich Maria – von Gott begnadet und über dunkle Mächte erhaben – auf die Erde herab. Deckenfresko in der Basilika Weizberg von Joseph Ritter von Mölk (1771).
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Stichwort: Marienverehrung

Miterlöserin oder Ersterlöste? Ein Schreiben des Dikasteriums für die Glaubenslehre nimmt zu Fragen des Mitwirkens Marias am Erlösungswerk Christi Stellung.

Die besondere Verehrung Marias als Mutter des Erlösers und Mutter der Kirche hat seit den Anfängen des Christentums einen festen Platz sowohl in der Volksfrömmigkeit als auch in der kirchlichen Liturgie und Theologie. Und sie ist gut verankert im Zeugnis der Bibel. Mitunter bringt die Marienverehrung jedoch seltsame Blüten hervor. Speziell der ihr zugesprochene Titel „Miterlöserin“ verleitet zu Interpretationen, die über den Rahmen der katholischen Heilslehre hinausschießen.
Das römische Dikasterium für die Glaubenslehre hat sich deshalb veranlasst gesehen, in einer „Lehrmäßigen Note“ zu Fragen des Mitwirkens Marias am Heilswerk Stellung zu beziehen. Darin wird festgehalten: „Maria wird nicht neben Christus verehrt, vielmehr ist sie durch die Menschwerdung Teil des Geheimnisses Christi.“ (Abs. 11) Im Ereignis der Menschwerdung Gottes kommt Maria zweifellos eine zentrale Rolle zu.

Maria, die Ersterlöste
Das 1854 verkündete Dogma der Unbefleckten Empfängnis hält fest, dass Maria vom Anbeginn ihres Daseins auserwählt war, die Mutter des Sohnes Gottes zu werden. Dafür sei ihr „die einzigartige Gnade und Bevorzugung“ gewährt worden, „von jeglichem Makel der Urschuld unversehrt bewahrt“ zu bleiben (Ineffabilis Deus). Sie ist demnach der erste von Christus erlöste Mensch. Was Jesus in seinem irdischen Dasein für uns Menschen erwirkt, die Befreiung aus den Verstrickungen in das Böse, das wird ihr gleich vorauswirksam geschenkt.

Als Ersterlöste kann Maria völlig unbeeinträchtigt, ohne die Hypothek einer vom schuldhaften Verhalten ihrer Umwelt belasteten Seele, in ihr Leben hineinstarten. Sie bleibt beschützt von allen kränkenden Erlebnissen, die zur Folge hätten, dass sie aus dem Urvertrauen in Gott herausfällt und ihre Liebesfähigkeit verletzt wird. Auf wundersame Weise kann ihr Herz frei bleiben von Ängsten, Misstrauen oder Zweifeln und sie kann dem Plan Gottes zur Erlösung den Weg ebnen.

„Du Begnadete“ sagt der Engel Gabriel in seinem Gruß zu Maria. Das ist eine in der ganzen Heiligen Schrift einzigartige Bezeichnung. Als Begnadete ist Maria eine von Gott Beschenkte. Sie hat diese Gnade nicht durch ihre Verdienste erworben, sondern vor jeder eigenen Handlung als Geschenk empfangen.

Mitarbeiterin an der Erlösung
Indem Maria aus ganzem Herzen in die Ankündigung des Engels einwilligt, indem sie demütig und freudig antwortet: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast!“ (Lk 1,38), kann nun die Erlösung des Menschen, die allein von Jesus Christus ausgeht und gewirkt wird, ihren Lauf nehmen. Der heilige Augustinus bezeichnete sie deshalb als „Mitarbeiterin an der Erlösung“ und unterstreicht sowohl das gemeinsame Handeln Marias mit Jesus als auch ihre Unterordnung unter ihn.

Dies bringt sehr schön die Erzählung von der Hochzeit zu Kana symbolisch zum Ausdruck (Joh 2,1–12), bei der Maria zunächst ihren Sohn auf die Not der Menschen aufmerksam macht – „Sie haben keinen Wein mehr!“ – und dann die Diener anweist: „Was er euch sagt, das tut!“ Sie bringt Menschen mit Jesus zusammen, setzt sich für sie ein, verweist auf ihn und unterstützt das Zustandekommen heilsamer Begegnungen zwischen ihnen und ihrem Sohn.

Wegbegleiterin Jesu
Wie kein anderer Mensch hat Maria den irdischen Lebensweg Jesu begleitet – von dessen erstem Herzschlag, den sie in ihrem Leib verspürt hat bis zu dessen letztem Atemzug, den sie miterlebt hat, als sie unter dem Kreuz stand. Wie bei den meisten Menschen ist auch für Jesus sie als Mutter diejenige, die ihn am besten kennt und am intensivsten mit ihm mitfühlt. Und sie hat durch ihre Begleitung wohl ganz wesentlich dazu beigetragen, dass Jesus zu dem werden konnte, der er für uns ist.

Mutter der Kirche
In dem Augenblick, da sich das Erlösungswerk am Kreuz vollendet, vertraut Jesus seine Mutter dem Lieblingsjünger an und gibt sie der Kirche zur Mutter. Erst dann kann er sagen: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30) Dass die Kirche Maria als geistliche Mutter annimmt und in Ehren hält ist also der ausdrückliche Letzte Wille Jesu. Inmitten der Jünger empfängt Maria auch den Pfingstgeist. Und: „Die Kirche lernt von Maria ihre eigene Mutterschaft.“ (37c) Sie begleite vom Himmel aus unser Beten. Doch dürfe Maria nie ein Hindernis sein, das zwischen den Menschen und Christus steht.

Das römische Dokument stellt klar, dass Bezeichnungen zu vermeiden sind, die Maria „als eine Art ‚Blitzableiter‘ für die Gerechtigkeit des Herrn darstellen, so als ob Maria eine notwendige Alternative zur unzureichenden Barmherzigkeit Gottes wäre.“ (37b) Auch der Titel „Miterlöserin“ rufe Missverständnisse hervor.

Alfred Jokesch

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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