Stichwort: Verklärung (6. August)
Jenseits von Raum und Zeit
- Bei der Verklärung erscheint die Gestalt Jesu in hell strahlendem Licht. Tizian hielt diesen Moment 1560 in einem meisterhaften Gemälde für die Kirche San Salvador in Venedig fest.
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Auf einem Berggipfel beginnt die Gestalt Jesu zu leuchten. Wie lässt sich diese ebenso imposante wie mysteriöse Inszenierung erklären? Gedanken zum Fest der Verklärung (6. August).
Eine der rätselhaftesten Geschichten, die uns die Bibel erzählt, ist jene von der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor. Wäre sie einem Filmdrehbuch entnommen, dann müsste es sich wohl um einen Fantasy- oder Sciencefiction-Film handeln und man könnte sich darauf freuen, dass der Regisseur tief in seine Trickkiste greift und atemberaubende Special-Effects auf die Leinwand zaubert. Auch in der Malerei ist die Erzählung ein beliebtes Motiv, das oft mit dramatischen Gesten und Licht-Spielen imposant in Szene gesetzt wurde.
Wie aber lässt sich eine solche mythologisch gefärbte Darstellung mit dem Wahrheitsanspruch der Bibel vereinbaren? Was hat das zu bedeuten, wenn plötzlich Menschen aus längst vergangenen Zeiten bei Jesus auftauchen, wenn Kleider leuchten und Wolken sprechen? Ich betrachte diese Erzählung als Versuch, ein mystisches Erlebnis, eine tiefe spirituelle Erfahrung, die jene drei Jünger mit Jesus teilen, in Worte zu fassen.
Heraustreten aus dem Alltag
Die vier steigen auf einen Berg. Sie treten heraus aus den Niederungen des Alltagstrotts, streben empor zu den Höhen des menschlichen Seins. Beim Anstieg verändert sich die Perspektive, es weitet sich der Horizont und man bekommt einen anderen Blick auf das Leben. Nicht umsonst fühlen sich viele auf einem Berggipfel Gott näher. Auch in der Bibel sind Berge häufig Orte besonderer Gottesbegegnungen – wie jene des Mose auf dem Berg Sinai und jene des Propheten Elija auf dem Berg Karmel.
Die Verwandlung (im Lateinischen heißt die Verklärung „transfiguratio“) setzt – zumindest in der Version des Lukasevangeliums – ein, während Jesus betet. Das Gebet weitet die Wahrnehmung der Wirklichkeit, es öffnet den Zugang zu verborgenen Dimensionen des Seins. Ein betender Mensch beginnt innerlich zu leuchten, er sieht die Welt in einem anderen Licht und lebt in einer tieferen Verbundenheit, auch über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg. Wer betet, tritt ein in den göttlichen Bereich, er berührt die Ewigkeit.
Eintreten in einen heiligen Raum
Die Wolke, die bei der Verklärung den Berggipfel umgibt, schafft eine Sphäre des Heiligen, einen Ort jenseits von Raum und Zeit. Wer schon einmal in dichten Nebel geraten ist, weiß, wie schnell man da die räumliche und zeitliche Orientierung verliert.
In der Begegnung mit Gott ist alles gleichzeitig da, längst Vergangenes, Zukünftiges und räumlich weit Entferntes, denn Gott ist allgegenwärtig. Sie gleicht einem momenthaften Eintauchen in die Ewigkeit. So ist es möglich, dass Mose und Elija – wie Allegorien für das Gesetz und die Propheten des Alten Bundes – auftauchen und aus himmlischen Sphären herübergrüßen, und dass Jesus in künftiger Herrlichkeit, im Licht der Auferstehung leuchtet. In ihm vollenden sich Gesetz und Propheten, in ihm erscheint auch der Mensch in neuem, ungleich hellerem Licht.
Gebet bedeutet weiter, mit Gott in Dialog zu treten. So braucht es nicht zu verwundern, dass Gott auch antwortet und das, was sich in der Anschauung zeigt, durch Worte bekräftigt: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“ (Mt 17,5) Auch die Zusicherung, geliebt zu sein, lässt einen Menschen strahlen. Den Jüngern hilft dieses Wort, Jesus besser zu erkennen und das eben Erlebte richtig einzuordnen.
Die Kostbarkeit des Flüchtigen
Denn damit haben sie erwartungsgemäß große Probleme. Petrus will Hütten bauen, er will diesen erhebenden Moment, diesen gnadenhaften Ausblick festhalten und dauerhaft bewohnen. Doch das ist nicht möglich. Auf dem Gipfel eines hohen Berges kann man nicht lange verweilen. Die Kostbarkeit eines besonderen Augenblicks liegt ja gerade in dessen Flüchtigkeit. Was ihnen aber niemand wegnehmen kann, ist die Erinnerung an das Erlebnis, die ihnen tief ins Herz geschrieben ist. Es ist wie eine Erinnerung an die Zukunft.
Jesus verbietet den dreien, darüber zu sprechen, denn solche Erfahrungen sind schwer mitteilbar. Doch sie geben ihnen Kraft für schwere Wegstrecken durch die Niederungen des Alltags und die tiefen Abgründe des Leids.
Alfred Jokesch
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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