Vor den Vorhang
Nicht unter den Teppich kehren
- Birgit Posch-Keller leitete 28 Jahre lang die Ombudsstelle für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche Steiermark. In ihrer Funktion als Ombudsfrau führte sie unzählige Gespräche und erstellte 300 Falldokumentationen.
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Birgit Posch-Keller war fast 30 Jahre lang Ombudsfrau für Opfer von Missbrauch und Gewalt in der Kirche.
Frau Posch-Keller, bis vor kurzem leiteten Sie die Ombudsstelle für Opfer von Missbrauch und Gewalt in der Katholischen Kirche Steiermark. Würden Sie diese Tätigkeit wieder machen?
Birgit Posch-Keller: Der Hintergrund Ihrer Frage ist wohl die Frage „Wie hält man das aus?“. Ich kann sagen: Ich habe es gut ausgehalten. Obwohl das Thema nicht erfreulich ist, blicke ich dennoch sehr zufrieden zurück. Mir hat die Tätigkeit Freude gemacht – sie war mir sehr wichtig. Es ist eine schöne Arbeit, Menschen kennenzulernen, die man sonst nie kennengelernt hätte und ihnen helfen zu können.
Was war Ihre Aufgabe als Ombudsfrau?
Posch-Keller: Meine Kollegin Karoline Avender und ich waren erste Anlaufstelle für Menschen, die von Gewalt oder Missbrauch im kirchlichen Bereich betroff en waren. Jedes Gespräch wurde von uns dokumentiert und von der betreff enden Person selbst unterschrieben. Auf einem eigenen Blatt habe ich zusätzlich noch meine Stellungnahme als Psychotherapeutin abgegeben und die Falldokumentation der Diözesanen Kommission überreicht. Die führte dann Erhebungen durch und ging dem Fall nach.
Um welche Vergehen und Formen von Gewalt handelte es sich dabei?
Posch-Keller: Die meisten Fälle, die ich dokumentiert habe, betreff en kirchliche Kinderheime, und der Großteil geht zurück bis in die 1960er-Jahre. Wurde ein Internatsschüler in den 70ern vom Lehrer „gewatscht“, dann fi el das nicht unter Missbrauch, weil es damals leider gängiges Erziehungsmuster war. Wurden Kinder aber systematisch geschlagen oder gezwungen, andere zu schlagen, oder gar dazu, das eigene Erbrochene zu essen, ist das eindeutig strukturelle Gewalt. Auch das ständige Heruntermachen und verbale Demütigungen fallen unter Gewalt.
Wie kam es Ihrer Meinung nach dazu?
Posch-Keller: Durch eine Mischung aus fehlender pädagogischer Ausbildung, dem unhinterfragten Übernehmen von Nazi-Erziehungsmethoden und Überforderung – gepaart mit einer Mentalität, die noch aus der Kriegszeit stammte. Dazu kam, dass Kinderheime damals riesig waren. Geschlossene Systeme sind meiner Meinung nach anfälliger für Gewalt. Beten, beichten und brav sein – die damalige Vorstellung vieler kirchlicher Erzieher funktionierte nicht – auch nicht bei Kindern aus zerrütteten Familien. Ich glaube, dass vieles aus Überforderung passiert ist – auch in Bezug auf sexuellen Missbrauch.
Was sagen Sie als Theologin zu Gewalt und Missbrauch in Kirche und kirchlichen Einrichtungen?
Posch-Keller: Ein sehr dunkles Kapitel in der Geschichte der Kirche. Da hinzuschauen bleibt immens wichtig seitens der Kirche – bis heute. Das bedeutet auch, nachzufragen, warum bei sexuellem Missbrauch eine verhältnismäßig große Anzahl an Priestern involviert ist. Man muss auch danach fragen, welche Rolle dabei gängige kirchliche Strukturen spielen.
Begünstigen kirchliche Strukturen Gewalt?
Posch-Keller: Das wird niemand gern lesen, aber betreffend sexuellem Missbrauch bin ich der Meinung, der Pflichtzölibat gehört abgeschafft. Dabei geht es mir nicht unbedingt um den Zölibat selbst, sondern vielmehr um eine verpflichtende Lebensform. Ich denke hier an Priester, die ganz allein im Pfarrhof wohnen. Eine große deutsche Studie hat gezeigt, dass Kinder meist nicht von jungen Priestern missbraucht worden sind, sondern von Priestern mittleren Alters. Priester, die beruflich sehr belastet und schon lange einsam sind. Einsamkeit ist ein massives Thema unter Priestern, und es braucht einen offenen Umgang damit. Sexualität ist ein Trieb, ob uns das passt oder nicht. Missbraucher haben die Fähigkeit, sich abzuspalten von ihrer Tat – so bleibt sie unaufgearbeitet.
Kennen Sie Betroffene, die ihre schlimme Vergangenheit hinter sich lassen konnten?
Posch-Keller: Ich muss Ihnen leider sagen: Es sind mir wenige untergekommen, die das gut weggesteckt haben. Viele der ehemaligen „Heimkinder“ waren bereits massiv geschädigt, bevor sie in die Institutionen gekommen sind. Und auch dort haben sie nicht gefunden, was sie gebraucht hätten. Auffallend war, dass sich die psychische Verfassung der Betroffenen ab einem Lebensalter von 60 Jahren stark verschlechtert hat. So konnte kaum jemand von ihnen über einen längeren Zeitraum einem Beruf nachgehen. Nach ihrer Entlassung aus dem Heim wurden sie oft abwertend behandelt und waren als „Heimkinder“ stigmatisiert. Kaum jemand wurde ernst genommen betreffend ihrer Gewalt-Vergangenheit. So gut wie alle, mit denen ich als Ombudsfrau gesprochen habe, bedankten sich – dafür, dass ihnen endlich jemand Glauben schenkt.
Was hat sich geändert?
Posch-Keller: Als ich Kind war, hat man zwar gesagt: „Geh nicht mit einem fremden Mann mit“, aber man hat nicht gesagt, warum. In den 60ern, als ich großgeworden bin, hatten Kinder keine Sprache, um Sexualität zu benennen. Heute gibt es kindgerechte Bücher, Lieder und Videos zum Thema Sexualität und ein ganz anderes Bewusstsein über den Körper. Das macht Kinder widerständiger – Gott sei Dank.
Ihre Aufgabe übernommen hat Anneliese Pieber von „Neustart“, einer Organisation für justiznahe Sozialarbeit. Was möchten Sie Ihrer Nachfolgerin mitgeben?
Posch-Keller: Ich glaube, ich muss ihr gar nicht groß etwas mitgeben. Sie ist hervorragend geeignet für diese Tätigkeit – allein schon aufgrund ihrer Erfahrung im Bereich der Straffälligen- und Opferhilfe sowie der Kriminalitätsprävention. Als Sozialarbeiterin und Bewährungshelferin ist sie erfahren im Umgang mit schwierigen Situationen. Was ich auch positiv finde, ist, dass sie kirchliche Strukturen kennt (Anneliese Pieber ist Vorsitzende der Kath. ArbeitnehmerInnenbewegung Stmk., Anm. d. Red.). Als Ombudsfrau für Missbrauchsopfer in der Kirche soll man nicht kirchenfeindlich sein, aber kirchenkritisch. Und es ist gut, wenn man sich auch rechtlich auskennt. Insofern ist Anneliese Pieber die Richtige für diesen Job.
Wie kam man 1998 eigentlich auf Sie?
Posch-Keller: Ich persönlich glaube ja, dass ich eine Verlegenheitslösung war. (lacht) Ich war damals bei der Telefonseelsorge und im Projekt „Alleinerziehende“ aktiv. Nur wenige TheologInnen in der Diözese hatten eine psychotherapeutische Ausbildung – ich hatte eine. Im Nachhinein gesehen war die Entscheidung gar nicht so verkehrt: Ich bin keine Unter-den-Teppich-Kehrerin, und ich passe mich nicht allzu schnell an.
Woher kommt Ihr kritischer Geist?
Posch-Keller: Mein Vater war ein Gegner des Nazi-Regimes und wurde von seiner Cousine denunziert. Als sogenannter „Kriegsschädling“ sollte er ins Konzentrationslager kommen. Dank eines ehemaligen Schulkollegen, der Lagerleiter war, kam er nicht ins KZ, sondern an die Front und überlebte. Auch wenn ich selbst weit weniger mutig bin – ich war oft unangenehm authentisch, und das war wichtig für meinen Job. Ein zu angepasstes Wesen verträgt sich nicht mit der Arbeit einer Ombudsfrau.
Interview: Anna Maria Steiner
- Anneliese Pieber ist neue Ombudsfrau für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der Kath. Kirche Steiermark. Tel. 0676/8742 6899
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Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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